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02.05.2016

21:30 Uhr

Mein Leben im Baumhaus – Teil 7

Besitze so wenig wie möglich

VonVera Münch

Auf das Weglassen kommt es an. Der Minimalismus in der Innenarchitektur wird auch in Deutschland immer beliebter. Haus- und Wohnungsbesitzer konzentrieren sich aufs Wesentliche beim Wohnen: Viel Nichts.

Glas, Beton, Stahl, Naturstein – die minimalistische Innenarchitektur ist auf das Wesentliche reduziert. Imago

Minimalismus

Glas, Beton, Stahl, Naturstein – die minimalistische Innenarchitektur ist auf das Wesentliche reduziert.

BerlinFamilie Maurer aus Berlin baut gerade neu. Ein schickes Haus im Stadtteil Dahlem. In vier Monaten steht der Umzug an. Seit einem halben Jahr ist die vierköpfige Familie dabei auszumisten. Denn ins neue Haus wollen sie möglichst wenig mitnehmen. Dafür haben sie eigens einen Raum zur Sortierstelle umfunktioniert.

Eine Ecke ist für den Sperrmüll, die nächste für den Flohmarkt und Verkaufe auf Ebay Kleinanzeigen, die dritte für den Sozialladen reserviert. Fleißig wird sortiert, und zwischendurch immer mal wieder eine Ladung weggebracht oder verkauft. „Es ist unglaublich, welche Mengen sich in einem Haus in nur sechs Jahren ansammeln“, sagt Frank Maurer, Vater von zwei Söhnen im Alter von acht und 13 Jahren.

„Ich freue mich schon darauf, wenn nichts mehr im Weg rumsteht.“ Seine Frau Anne und er haben sich im neuen Haus für ein Innenarchitekturkonzept nach Minimalismus-Prinzipien entschieden. Und da heißt die Regel Nummer eins: Besitze so wenig wie möglich und nur so viel wie nötig.

Verrücktes Wohnen

Wohnen im Zug

Warum noch Miete zahlen oder ein Auto besitzen, wenn es sich doch bequem im Zug leben lässt? Mit einer Bahncard 100 ist das in Deutschland kein Problem – solange man irgendwo einen Wohnsitz gemeldet hat. 3.800 Euro im Jahr entspricht einer Miete von 320 Euro im Monat, grenzenlos Reisen in Deutschland inklusive. Das Duschen lässt sich bei Freunden oder bei der Familie erledigen. Allerdings muss man schon die Eigenschaft mitbringen überall schlafen zu können, denn wirklich bequem sind die Zugsitze nicht.

Wohnen in der Wüste

Die Beduinen machen es seit Jahrhunderten vor. Wer braucht schon einen festen Wohnsitz mit fließendem Wasser. In der Wüste ist es tagsüber wahnsinnig heiß und nachts bitterkalt. Dennoch leben allein in der Sahara etwa drei Millionen Menschen. Die meisten von Ihnen an den Rändern oder in Oasen. Wichtig ist, sich mit langer Kleidung vor der Sonne zu schützen. Ein Wüstenbewohner verliert im Durchschnitt circa 15 Liter Salzwasser am Tag durch Schwitzen. Und trotzdem finden viele dieses Leben absolut befreiend und sind fasziniert von der Lebensweise und Traditionen der Beduinen.

Wohnen im Container

Es gibt ungefähr 30 Millionen Seefrachtcontainer aus Stahl auf diesem Planeten. Sie sind acht Fuß (2,43 Meter) breit und entweder 20 Fuß (6,10 Meter) und 2300 Kilogramm schwer oder 40 Fuß (12,19 Meter) mit 3900 Kilogramm schwer. Diesen Standard gibt es seit 1956. Die Kosten, Container wieder zurück an ihren Herkunftsort zu schicken, sind hoch. Deshalb stehen sie oft ungebraucht in Häfen herum. Sie sind deshalb für Selbstabholer günstig zu erwerben. Einen wind- und wasserdichten Container bekommt man je nach Größe zwischen 1800 und 2200 Euro. Allerdings sollte man aufpassen, denn oft sind die Container mit Spritzmitteln oder Stahlfarbe verpestet. Mehr und mehr Menschen entdecken die Container als günstige Bau- und Wohnform und werden dabei äußerst kreativ. Ein großer Container bietet immerhin eine Wohnfläche von 30 Quadratmetern.

Wohnen im Berg

Wohnen wie die Fledermaus? Warum nicht? Auf den kanarischen Inseln gibt es mehrere Unterkünfte, die direkt in den Berg gebaut sind. Ganz speziell ist das Örtchen Chinamada. Die Menschen leben hier in Höhlen, die als Häuser getarnt sind. Direkt hinter der Hausfassade fängt der Berg an. Die Bewohner lieben ihre Behausung. Sie fühlen sich sicher. Egal ob Sturm oder Unwetter: Die Höhle bietet optimalen Schutz. Und der Ausblick über die ganze Insel ist überwältigend.

Wohnen im Wald

Der ehemalige Golflehrer Mark Freukes zog im Januar 2014 in den Wald. Ein Tipi in einem abgelegenen Teil des Odenwalds wurde sein neues Zuhause. Er wollte ausprobieren, mit wie wenig man wirklich auskommt, und welche Auswirkungen das Leben in der Natur auf das eigene Wohlbefinden hat. Er eignete sich die Fertigkeiten und das verlorengegangene Wissen von Naturvölkern an, um Elemente des modernen Lebens mit der Ursprünglichkeit des Menschseins zu verbinden. Er hat ein Handy und einen Laptop um zu arbeiten. Sein Geld verdient er durch Bücher, Vorträge und Lesungen sowie mit Kursen für Hobbyaussteiger, die seinen Lebensstil wochenweise ausprobieren möchten.

Wohnen im Iglu

Wer denkt, die Eskimos wohnen in Iglus, der dürfte jetzt enttäuscht sein. Eskimos bauten Iglus immer nur als Schutzhütten auf der Jagd, wenn sie von schlechtem Wetter überrascht wurden, oder es nicht mehr rechtzeitig vor der Dunkelheit nach Hause schafften. Die Inuit wohnten schon immer in Behausungen aus Holz, Treibgut, Tierknochen und –häuten. Wer sich trotzdem den Spaß vom Wohnen im Iglu gönnen möchte, der kann das im Urlaub tun. Mehrere Anbieter in Europa bieten moderne Unterkünfte aus Eis im Eis an. Authentisch ist das allerdings nicht.

Wohnen unter Wasser

Der Designer und Visionär Phil Pauley beschäftigt sich mit der Idee von Lebensraum unter Wasser. Erste Unterwasserhotels und Restaurants gibt es bereits, doch der Londoner geht viel weiter. Seit über 20 Jahren plant er ganze Unterwasserstädte um Lösungen für das exponentielle Bevölkerungswachstum zu bieten. Seine Unterwasserstadt hat einen Durchmesser von 350 Metern und bietet ein Zuhause für 100 Personen. Sie kann auf- und abtauchen, und bietet Flächen zum Anbau von Nahrungsmitteln, aber auch Bereiche zur Unterhaltung. Bisher existiert die Stadt nur am Computer, denn einen Investor hat Pauley noch nicht gefunden.

Wohnen auf dem Flughafen

Wer denkt, das gibt es nur im Film, der hat sich getäuscht. Geschichten von Menschen, die auf Flughäfen wohnen, wie Tom Hanks in „The Terminal“ gibt es immer wieder. Ein Deutscher machte 2012 Schlagzeilen, als er sich für den Flughafen Göteborg-Landvetter bei der Wahl seines neuen Zuhause entschied. Der damals 27-Jährige hatte einen Koffer dabei, als er landete und blieb dann einfach im Terminal für Inlandsflüge wohnen. Er hatte kein Geld und war auf die Hilfe von Reisenden angewiesen, die ihm Getränke und Essen spendierten.

So ist das auch in dem Baumhaus, in dem ich gerade testweise wohne. Auf 24 Quadratmetern beschränkt sich die Innenarchitektur auf das Notwendigste. Ein Einbauschrank, ein Bett mit Bettkästen und eine kleine Küche. Viele Abstellflächen gibt es nicht. Wer so wohnen will, der muss reduzieren.

Der Minimalismus ist in der Innenarchitektur ein beliebter Trend zur Raumgestaltung. Seinen Ursprung in der modernen Form hat er in den 1960er Jahren. Er gilt nicht nur als Gestaltungsstil, sondern auch als Geisteshaltung der „Neuen Einfachheit“.

Die Farben und Formen sind stark reduziert und haben oft kubische Elemente. Die verwendeten Baustoffe sollen die Schlichtheit unterstützen, deshalb kommen vor allem Glas, Beton, Stahl und Naturstein zum Einsatz.

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