Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

29.04.2012

17:58 Uhr

Berlin Biennale

Kunst räumt der Politik den Platz

VonChristian Herchenröder

Die 7. Berlin Biennale lässt die Kunst weitgehend außen vor. Sie dokumentiert die Unzufriedenheit der Bürger und der Occupy-Aktivisten.

Der polnische Videokünstler und Kurator Artur Zmijewski (r) und die polnische Kuratorin Joanna Warsza. dpa

Der polnische Videokünstler und Kurator Artur Zmijewski (r) und die polnische Kuratorin Joanna Warsza.

BerlinEs weht ein kräftiger Anarcho-Hauch durch die Räume der Berliner KunstWerke. www.kw-berlin.de Die vom Bund mit 2,5 Millionen Euro geförderte 7. Berlin Biennale ist keine reine Kunstausstellung mehr, sondern ein Brennspiegel der Protestbewegungen, ein Forum für politisches Engagement in und außerhalb der Kunst. Sie wurde darum konsequenterweise von Artur Zmijewski zur „Biennale für zeitgenössische Politik“ umgetauft. So sicherte der polnische Kurator denn auch den im Hauptsaal platzierten Occupy-Aktivisten alle Freiheiten zu: „Wir akzeptieren das, weil sie unsere Lehrer sind.“

Zmijewskis jüngste Interviews lassen eine ausgesprochene Deutschland-Phobie erkennen. Als programmatischer Aktionskünstler studierte er mit Gehörlosen eine Bach-Kantate ein, ließ die polnische Ehrengarde nackt salutieren und in einer Gaskammer in Auschwitz nackte Männer und Frauen Fangen spielen  –  ein Video, das auf der Biennale gezeigt wird. Seine Aktionen, Videos und Fotoarbeiten, vertreten von der Zürcher Galerie Peter Kilchmann www.peterkilchmann.com , leben von Konfrontation und Kontrast, von gesellschaftskritischen Positionen.

Das Gleiche gilt für weite Bereiche dieser Schau, in der auch die Mitkuratorin Joanna Warsza die Autonomie der Kunst aufzubrechen sucht. In den fünf Stationen dieser Ausstellung wird der Kunstraum zum politischen Raum, mehr dokumentarisch als schöpferisch, mehr fundamentalistisch als ästhetisch.

Vieles wirkt bemüht und lässt den Biss, den solche Programmatik braucht, vermissen. Er findet sich stark fokussiert in neun parallel laufenden Videos, die von Palästina bis Griechenland Proteste gegen Nationalismus, Rassismus, Sexismus, Besatzung und Regierungsgewalt nebeneinanderstellen: mehr journalistische als künstlerische Arbeit. Die synchrone Beschallung ist kontraproduktiv, in dieser Ballung verlieren auch die um Solidarität bemühten Bildprotokolle viel von ihrer Eigenwirkung. Ganz unten in den KunstWerken hat die Occupy-Bewegung ihre Stände aufgebaut, ein Stockwerk höher schaffen Khaled Jarrars Pass-Stempel und Briefmarken mit Emblem des Wunschstaats Palästina eine fiktive Normalität.

Es ist kaum nachzuvollziehen, warum genau gegenüber eine Kopie und ein Styroporkopf der monströsen Christus-Statue stehen, die der Bildhauer Miroslaw Patecki im Auftrag der katholischen Kirche für einen polnischen Standort nahe der deutschen Grenze geschaffen hat. Ist es der Kontrast von Ideologie und Hoffnung, der hier zum Ausdruck kommen soll? 

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×