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23.09.2011

14:47 Uhr

Berliner Galerien

Immer gut für Neues

VonChristian Herchenröder

Die Berliner Galerien haben ihre Herbstausstellungen eröffnet. Einzelschauen und Gruppenausstellungen präsentieren beachtliche Positionen. So hat Matthias Arndt in Java, Indonesien und Thailand spannenden Künstler entdeckt.

Blick in die Agus Suwage-Ausstellung bei Arndt. Berndt Borchardt / Galerie ARNDT Berling

Blick in die Agus Suwage-Ausstellung bei Arndt.

BerlinHier geht es um menschliche Urängste und Krisen. Den großen Saal der Berliner Galerie Arndt www.arndtberlin.com beherrscht ein monumentales schwarzes Skelett. Es hat starke Bodenhaftung und wirkt in seiner finalen Hilflosigkeit wie ein Relikt unerfüllter Sehnsüchte und Träume. Der Künstler und der Tod  -  das ist seit Böcklin und Corinth ein zentrales Thema symbolgeladener Selbstdarstellungen. Der javanische Künstler Agus Suwage sieht das Skelett als unerbittliches Alter ego. Er setzt es auch in einer Serie von Graphit- und Kohlezeichnungen ein und in einem Selbstporträt, auf dem er einen Totenschädel küsst (Preise: 11.500 bis 80.000 Dollar).

Neuer Blick auf Asien

Suwage gehört zu einer Gruppe arrivierter südostasiatischer Künstler, die bei uns noch zu entdecken sind. Matthias Arndt, der dem konventionellen Galeriebetrieb abgeschworen hat, zeigt acht dieser Künstler in der Ausstellung „Asia: Looking South“ und setzt damit der Marktdominanz der chinesischen und indischen Kunst einen überzeugenden Kontrapunkt.

Es ist die spannendste Galerieausstellung im Berliner Kunstherbst, denn auch die anderen Künstler in Arndts Erstpräsentation haben viel zu sagen. Vor allem die Philippinin Geraldine Javier mit einem Triptychon, das sakrale Aura hervorruft und zugleich zerstört (80.000 Dollar), der Javaner Entang Wiharso, der mit dem Großformat „Second Skin and Second Landscape“ menschliche Brutalität mit einem Tsunami gleichsetzt (70.000 Dollar) oder der Thailänder Natee Utarit, der das klassische Stillleben mit Tierköpfen und menschlichem Gehirn brutalisiert (21.000 bis 40.000 Dollar). Alle Werke dieser Schau, die bis zum 27. Oktober läuft, sind existenziell aufgeladene Symbolkunst.

Das Exotische als Ersatz

Gegenüber, im alten Tagesspiegel-Gelände, hat die Galerie Nolan Judin www.nolan-judin.de ihr neues Domizil eröffnet: in einem hohen lichten Saal, der die farbintensiven Gemälde des Briten Dexter Dalwood geradezu museal wirken lässt. „Dichter und Drogen“ ist diese Themenschau des Malers aus dem Stall von Larry Gagosian überschrieben. Historie wird hier als Erinnerungsmoment in dekorative Bildräume eingebaut, die mehr oder weniger unbelebt sind und oft nur fragmentarische Ausblicke geben. „Rimbaud im Exil“ stellt einen gedeckten Tisch vor eine Gauguin nachempfundne Landschaft: das Exotische als Surrogat. „Heinrich von Kleist“ zeigt ein menschenleeres Picknick-Arrangement in Seekulisse (120.000 Dollar). „Two Girls in a Poppy Field“ strotzt vor roten Blüten, die Füße der titelgebenden Mädchen sind nur am Bildrand sichtbar(150.000 Dollar). Eine Folge von acht Papiercollagen, die geheimnisvolle Interieurs und Nachtszenen zeigen, ist auf 65.000 Dollar angesetzt (bis 22. Oktober).

Ernst Wilhelm Nay: Vom Maß der Vielfalt Galerie Aurel Scheibler

Ernst Wilhelm Nay: Vom Maß der Vielfalt

Sein Galeriejubiläum feiert Aurel Scheibler www.aurelscheibler.com in Mitte mit einem Kollektivauftritt seiner Stammkünstler. Das Spektrum reicht von Ernst Wilhelm Nay, dessen 1954 entstandenes Großformat „Vom Maß der Vielfalt“ Maßstäbe setzt (450.000 Euro), bis zum schwarzen Farbraumbild von Tom Chamberlain (11.500 Euro). Zu den eindringlichsten Arbeiten der Ausstellung gehört eine riesige Fotocollage von Jack Pierson, in der erotische Elemente in die Porträtmasse eingebaut sind (48.000 Euro). Im Kabinett hängen siebzig Kleinformate in Petersburger Hängung: ein imposantes Quodlibet, das auf 20 Jahre Galeriearbeit zurückverweist (bis 28. Oktober).

Die Wiesbadener Künstlerin Charlotte Posenenske (1930 – 1985) ist eine Mutterfigur der Minimal Art. 1968 beendete sie ihre künstlerische Karriere abrupt, um Soziologie zu studieren. Bis dahin war ihr Werk aus malerischen Anfängen zu bewusst unpersönlichen Raumskulpturen, die den puristischen Zeitgeist der Post-Pop-Ära verkörpern: formale Strenge, industrielle Materialien und serielle Ordnung, die allesamt die individuelle „Handschrift“ auslöschen. Bei Mehdi Chouakri www.mehdi-chouakri.com  in den Edison-Höfen paradieren elf vom Nachlass autorisierte und mit Zertifikat bedachte Rekonstruktionen: Farbreliefs und geometrisch variierte Vierkantrohre in verzinktem Stahlblech, die eine technoide Aura haben. Zwei mattgrau gespritzte Raumkörper mit Drehflügeln verbinden den demokratischen Kunstanspruch der Zeit mit dem Gefühl, an einen Endpunkt der Entpersönlichung gelangt zu sein (14.400 – 50.000 Euro; bis 22. Oktober).

Shannon Finley: Terror Field (Ausschnitt). Galerie Christian Ehrentraut

Shannon Finley: Terror Field (Ausschnitt).

Die aktuellen Bilder des Kanadiers Shannon Finley bei Christian Ehrentraut www.christianehrentraut.com zeigen eine raffinierte Weiterentwicklung seiner Maltechnik. Sie changieren zwischen matt und strahlend. Die kristallinen Elemente bleiben, aber neben starkfarbigen Werken, die in ihrer Farbkombination Raumtiefe suggerieren, gibt es Bilder, die dominierende Farben mit dunklen Schatten besetzen oder hellen Grund in dunstigen Prismen aufsaugen. Einige der Bilder wirken wie abgedunkelt und vernebelt, aber geben zugleich den Durchblick auf andere Farbschichten frei. Das Verschleierte ist hier Anregung, tiefer in imaginäre Bildräume einzutauchen. Eines der schönsten Bilder der Ausstellung, das violette Großformat „Where You'll find Me Now“, kostet 7.200 Euro (bis 22. Oktober).

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