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24.02.2006

13:58 Uhr

Berliner Historiker Paul Nolte

Riskante Moderne ohne Risiko

VonGert G. Wagner

Der Historiker Paul Nolte hat sich als Publizist einen Namen gemacht. Sein neues Buch heißt "Riskante Moderne", und dort analysiert er - so der Untertitel - die "Deutschen und den neuen Kapitalismus". Damit verlässt der Professor der Neueren Geschichte an der Freien Universität Berlin sein Fach.

BERLIN. Er macht sich zum Philosophen der Mittelklasse und entwickelt für diese auch einen Reformvorschlag: Er fordert, dem sinnlosen Konsum zu entsagen und sich zur "investiven Gesellschaft" zu wandeln.

Die Grundthese dieses Buches ist, dass sich die "Generation Reform" in riskanten Zeiten noch viel mehr reformieren muss. Weder Befund noch These sind neu. Nolte knüpft - schon rein sprachlich - an die viel zitierte Risikogesellschaft von Ulrich Beck an. Wie Beck kann aber auch Nolte nicht zeigen, dass wir in besonders risikoreichen Zeiten leben. Man muss nicht nur an die ständige Kriegsgefahr in der Vergangenheit erinnern, sondern sollte vor allem nicht vergessen, dass die Lebenserwartung noch nie so berechenbar war wie heute.

Die stärksten Abschnitte des Buches beginnen dort, wo Paul Nolte in die Analyse einsteigt. Dort, wo er die Erwerbsgesellschaft wie das Geschlechterverhältnis klug seziert. So setzt er sich dezidiert von der ebenso beliebten wie falschen These ab, dass "uns die Arbeit ausgeht" und alternative Beschäftigungsformen entwickelt werden müssten. Klar und deutlich sagt er, dass die Idee einer staatlich alimentierten "Bürgerarbeit" eine Utopie ohne Grundlage ist. Die meisten Langzeitarbeitslosen haben weder das notwendige Qualifikationsniveau noch die Beziehungen, um erfolgreich ehrenamtliche "Bürgerarbeit" zu verrichten.

Am Ende versucht Nolte, seine persönliche Utopie zu entwickeln. Der sinnlose Konsum sollte endlich wieder hintangestellt werden. Stattdessen sollten die Menschen investieren, was er "investive Gesellschaft" nennt. Das hat man zwar auch schon gelesen; aber es ist neu, dass hier jemand ausdrücklich darauf hinweist, dass zur "republikanischen Freiheit" auch die Investition von Freizeit in politische Prozesse gehört. Reines Privatisieren führt in die Irre. Richtig. Aber da, wo Paul Nolte konkret werden sollte, lässt er den Leser leider allein.

Eine der wenigen konkreten Empfehlungen, die er gibt, ist die Umfinanzierung des Sozialstaates von der anonymen Steuerfinanzierung hin zur Finanzierung von Bildung und Sozialleistungen durch zweckbestimmte Gebühren. Hört sich plausibel an, aber Nolte vergisst völlig, dass Gebühren regelmäßig dazu führen, dass bestimmte Gruppen finanziell überfordert werden - zum Beispiel Niedrigverdiener durch Kopfpauschalen für die Gesundheit oder vermögenslose Studenten durch Studiengebühren. Deswegen geht eine Gebührenerhöhung notwendigerweise einher mit einem steuerfinanzierten sozialen Ausgleich. Das kann man weltweit beobachten, sogar in den Vereinigten Staaten, wo zum Beispiel Studiengebühren durch ein von Washington finanziertes Stipendiensystem abgemildert werden. Doch diesen steuererhöhenden Effekt berücksichtigt Paul Nolte schlicht und einfach nicht.

"Riskante Moderne" ist solides Feuilleton. Wer nur die Zeit findet, gelegentlich ein Extrakt aus anspruchsvollen Zeitungsartikeln in Buchform nachzulesen, dem kann das Werk uneingeschränkt empfohlen werden. Wer aber neue Befunde oder gar zukunftsweisende Konzepte sucht, für den ist dieses Buch, das nach der "investiven Gesellschaft" ruft, eine Fehlinvestition.

Gert G. Wagner ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität Berlin und Forschungsdirektor am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung.

LEO MÜLLER: Tatort Zürich Econ Verlag, Berlin 2006, 352 Seiten, 19,95 Euro

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