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11.05.2015

20:11 Uhr

Berliner Philharmonie

Noch kein Rattle-Nachfolger in Sicht

Stundenlange Diskussionen hinter verschlossenen Türen: Die Wahl eines neuen Chefdirigenten hat sich für die Berliner Philharmoniker am Montag zu einer nervenzehrenden Hängepartie entwickelt.

Zehn Stunden dauerten die Beratungen – ergebnislos. Noch steht nicht fest, wer 2018 Sir Simon Rattle als Chefdirigent beerben soll. dpa

Die Berliner Philharmonie

Zehn Stunden dauerten die Beratungen – ergebnislos. Noch steht nicht fest, wer 2018 Sir Simon Rattle als Chefdirigent beerben soll.

BerlinImmer wieder musste eine Orchestersprecherin die Journalisten vor der Jesus-Christus-Kirche in Berlin-Dahlem auf einen späteren Verkündungstermin vertrösten. Auch nach bald zehnstündigen Beratungen stand am Abend nicht fest, wer 2018 Nachfolger von Sir Simon Rattle werden soll.

Auch wenn nichts nach außen drang: Die Verzögerung deutet auf tiefe Meinungsverschiedenheiten und einen Richtungsstreit unter den 124 Musikern in der Orchesterversammlung hin. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass ein von den Philharmonikern angesprochener Gewinner in letzter Minute das Angebot abgelehnt hat. Ob jung oder etwas gesetzter, energisch oder bedächtig, ein Hansdampf oder ein Maestro in Ehren – in den vergangenen Wochen waren alle möglichen Kandidaten für den wohl begehrtesten Job in der Klassikwelt ins Spiel gekommen.

Die Berliner Philharmoniker

Bedeutung

Die Berliner Philharmoniker zählen zu den ältesten selbstständigen freien Orchestern und gelten als einer der namhaftesten Klangkörper der Welt.
Quelle: dpa

Nazi-Zeit

1934 übernahm das Deutsche Reich alle Gesellschaftsanteile der GmbH, die Musiker wurden zu Angestellten der Gesellschaft.

Nach dem Krieg

Nach 1945 übernahm der Magistrat von Groß-Berlin die Pflichten des Reiches. Das Orchester wird vom Land Berlin über eine Stiftung gefördert.

Organisation

Auch heute noch hat das Orchester mit seinen 128 Planstellen ein weitgehendes Recht auf Selbstverwaltung, das 1952 geregelt und 1992 ergänzt wurde.

Von Gustavo Dudamel, dem Jungstar aus Venezuela, Christian Thielemann, dem einstigen Karajan-Assistenten und Orchesterchef bei der Staatskapelle Dresden, Andris Nelsons, dem lettischen Senkrechtstarter beim Boston Symphony Orchestra bis hin zu Daniel Barenboim – wessen Name am Ende für die Position feststeht, das wird auch Auskunft darüber geben, wie sich das Elite-Orchester weiterentwickeln wird.

Eine starke Strömung, vor allem unter den Streichern, favorisiert Thielemann. Der gebürtige Berliner gilt als Konservativer mit einem deutlichen Hang zum spätromantischen deutschen Repertoire und zu Komponisten wie Richard Wagner, Johannes Brahms und Richard Strauss. Ob Thielemann sich auch dem Bildungsprogramm für junge Menschen widmet, wie Rattle, dürfte fraglich sein. Viele mögen auch Thielemanns politische Haltung nicht, etwa sein jüngst geäußertes Verständnis für Pegida.

Martin Hoffmann: „Der Nachfolger von Simon Rattle war schon hier“

Martin Hoffmann

Premium „Der Nachfolger von Simon Rattle war schon hier“

Der Intendant der Berliner Philharmoniker im Gespräch mit dem Handelsblatt – über die schwierige Suche nach einem neuen Dirigenten für das vielleicht beste Orchester der Welt und die Kosten für Hochkultur.

Der 36-jährige Nelsons, der auch immer wieder als Favorit genannt wurde, Chef des Boston Symphony Orchestra, gilt als experimentierfreudiger Erneuerer. Doch zu diffus sind bisher seine musikalischen Vorstellungen. Ein Dilemma ist, dass es zwar eine ganze Riege junger Dirigenten gibt, Kandidaten im mittleren Jahrgängen aber eher dünn gesät sind. Dazu zählt Riccardo Chailly (62), Chef im Leipziger Gewandhaus und an der Mailänder Scala.

Auf Twitter wurde #berlinerphilharmoniker am Montag zu einem der Trends des Tages. Viele amüsierten sich über das lange Warten und brachten Namen von Fußballtrainer Jürgen Klopp bis GDL-Chef Claus Weselsky ins Spiel. „Karajan, steige herab!“, twitterte ein Nutzer.

Die Dirigenten der Berliner Philharmoniker

Hans von Bülow, 1887-1892

Der Dirigent, der 1865 in München die Uraufführung von Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ geleitet hatte , setzte die Maßstäbe für den späteren Ruhm des Orchesters. 1892 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück, zwei Jahre später starb er.

Arthur Nikisch, 1895-1922

Nach seiner Rückkehr aus den USA übernahm er 1895 das Orchester. Mit Nikisch unternahmen die Philharmoniker ihre ersten großen Reisen, unter anderem zur Krönung des Zaren nach Moskau. Nikisch blieb 27 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1922.

Wilhelm Furtwängler, 1922-1934 und 1952-1954

Mit 36 Jahren trat er 1922 als Chef an. Nachdem das NS-Regime die Uraufführung von Paul Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ verboten hatte, legte er sein Amt nieder. Ein Jahr später kehrte er zurück, ohne Ämter. 1945 erhielt er Berufsverbot. In einem Entnazifizierungsverfahren wurde er freigesprochen. 1952 erhielt er seine Position offiziell zurück, zwei Jahre vor seinem Tod.

Herbert von Karajan, 1956-1989

Seit 1956 entwickelten sich die Philharmoniker mit Karajan zum „Global Player“ mit Tourneen in die USA, Japan und China sowie Platten- und TV-Aufnahmen. Karajan setzte sich für den Bau der Philharmonie ein, die 1963 eröffnet wurde. Als er gegen den Willen des Orchesters die Klarinettistin Sabine Meyer verpflichten wollte, kam es zum Eklat. 1989 legte Karajan sein Amt nieder. Drei Monate später starb er.

Claudio Abbado, 1990-2002

Die Laufbahn des Italieners war früh mit dem Orchester verknüpft. Mit 33 Jahren gab er sein Debüt in Berlin. 1990 wurde er zum Chefdirigenten gewählt. Abbado widmete sich unter anderem dem Werk Gustav Mahlers, konzertanten Opernaufführungen und großen Zyklen - und wurde vom Publikum angehimmelt. Nach dem letzten Konzert als Chef 2002 regneten mehr als 4000 Blumen auf ihn herab. Bis zu seinem Tod 2014 kehrte er immer wieder als Gast nach Berlin zurück.

Simon Rattle, seit 2002

Auch der Brite dirigierte vor seinem Start 2002 sehr oft das Orchester. Er pflegt einen transparenten Klang und setzt sich für zeitgenössische Komponisten ein. Sehr aktiv ist er am Bildungsprogramm für junge Leute beteiligt. Große Erfolge hatte Rattle mit seinen Zyklen der Symphonien von Brahms, Sibelius und Mahler. Ab 2017 wird er Chef des London Symphony Orchestra und will bis zu seinem Abschied ein Jahr zwischen London und Berlin pendeln.

Zu den wartenden Journalisten vor der Kirche gesellten sich am Montagabend auch Nachbarn, viele von ihnen Musikfreunde und Fans des Orchesters. Einige erinnerten an ihr letztes Erlebnis in der Philharmonie, fachsimpelten und sprachen sich für oder gegen diesen oder jenen Kandidaten aus. Die Philharmoniker selbst suchten hinter den Backsteinmauern derweil nach dem richtigen Namen.

Von

dpa

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