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22.06.2015

15:01 Uhr

Berliner Philharmoniker

Kirill Petrenko wird neuer Chefdirigent

Beim zweiten Mal hat es geklappt: Nach einer ersten verpatzten Wahl einigen sich die Berliner Philharmoniker auf einen neuen Chefdirigenten geeinigt. Wann Kirill Petrenko kommt, ist aber offen.

Derzeit ist er noch der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper. dpa

Dirigent Kirill Petrenko

Derzeit ist er noch der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper.

BerlinEine der begehrtesten Stellen in der Welt der klassischen Musik ist wieder vergeben: Der Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper München, Kirill Petrenko, wird neuer Chefdirigent der Berliner Philharmoniker. Die Musiker hätten den 43-Jährigen zum Nachfolger von Sir Simon Rattle (60) gewählt, gab das Orchester am Montag bekannt. Eine erste geheime Wahl war Anfang Mai ohne Ergebnis zu Ende gegangen.

Wann Petrenko in Berlin anfängt, werde noch Thema von Verhandlungen sein, sagte Orchestervorstand Peter Riegelbauer. Petrenkos Vertrag mit der Bayerischen Staatsoper läuft bis 2018. Rattle hatte angekündigt, dass er seinen Vertrag über das Jahr 2018 nicht verlängern werde. Der Brite ist seit 2002 in Berlin im Amt. 2017 tritt er als Chefdirigent des London Symphony Orchestra an und will dann ein Jahr lang zwischen Berlin und London pendeln.

Die Dirigenten der Berliner Philharmoniker

Hans von Bülow, 1887-1892

Der Dirigent, der 1865 in München die Uraufführung von Richard Wagners Oper „Tristan und Isolde“ geleitet hatte , setzte die Maßstäbe für den späteren Ruhm des Orchesters. 1892 zog er sich aus gesundheitlichen Gründen zurück, zwei Jahre später starb er.

Arthur Nikisch, 1895-1922

Nach seiner Rückkehr aus den USA übernahm er 1895 das Orchester. Mit Nikisch unternahmen die Philharmoniker ihre ersten großen Reisen, unter anderem zur Krönung des Zaren nach Moskau. Nikisch blieb 27 Jahre bis zu seinem Tod im Jahr 1922.

Wilhelm Furtwängler, 1922-1934 und 1952-1954

Mit 36 Jahren trat er 1922 als Chef an. Nachdem das NS-Regime die Uraufführung von Paul Hindemiths Oper „Mathis der Maler“ verboten hatte, legte er sein Amt nieder. Ein Jahr später kehrte er zurück, ohne Ämter. 1945 erhielt er Berufsverbot. In einem Entnazifizierungsverfahren wurde er freigesprochen. 1952 erhielt er seine Position offiziell zurück, zwei Jahre vor seinem Tod.

Herbert von Karajan, 1956-1989

Seit 1956 entwickelten sich die Philharmoniker mit Karajan zum „Global Player“ mit Tourneen in die USA, Japan und China sowie Platten- und TV-Aufnahmen. Karajan setzte sich für den Bau der Philharmonie ein, die 1963 eröffnet wurde. Als er gegen den Willen des Orchesters die Klarinettistin Sabine Meyer verpflichten wollte, kam es zum Eklat. 1989 legte Karajan sein Amt nieder. Drei Monate später starb er.

Claudio Abbado, 1990-2002

Die Laufbahn des Italieners war früh mit dem Orchester verknüpft. Mit 33 Jahren gab er sein Debüt in Berlin. 1990 wurde er zum Chefdirigenten gewählt. Abbado widmete sich unter anderem dem Werk Gustav Mahlers, konzertanten Opernaufführungen und großen Zyklen - und wurde vom Publikum angehimmelt. Nach dem letzten Konzert als Chef 2002 regneten mehr als 4000 Blumen auf ihn herab. Bis zu seinem Tod 2014 kehrte er immer wieder als Gast nach Berlin zurück.

Simon Rattle, seit 2002

Auch der Brite dirigierte vor seinem Start 2002 sehr oft das Orchester. Er pflegt einen transparenten Klang und setzt sich für zeitgenössische Komponisten ein. Sehr aktiv ist er am Bildungsprogramm für junge Leute beteiligt. Große Erfolge hatte Rattle mit seinen Zyklen der Symphonien von Brahms, Sibelius und Mahler. Ab 2017 wird er Chef des London Symphony Orchestra und will bis zu seinem Abschied ein Jahr zwischen London und Berlin pendeln.

Petrenko tritt in die Fußstapfen von Philharmoniker-Chefs wie Wilhelm Furtwängler, Herbert von Karajan und Claudio Abbado. „Man kann es gar nicht in Worte fassen, was in mir gefühlsmäßig vorgeht: von Euphorie und großer Freude bis zu Ehrfurcht und Zweifel ist da alles drin“, erklärte er laut Philharmoniker.

Nikolaus Bachler, Intendant der Bayerischen Staatsoper, beglückwünschte Petrenko zur Berufung nach Berlin, fügte aber hinzu: „Gleichzeitig freue ich mich, dass Herr Petrenko und ich gemeinsam eine vom Bayerischen Kultusminister angebotene Vertragsverlängerung an der Bayerischen Staatsoper anstreben“, erklärte Bachler.

Die 1882 gegründeten Berliner Philharmoniker ist eines der wenigen Orchester, die ihren Chefdirigenten selber wählt. Am 11. Mai hatten sich die 127 wahlberechtigten Musiker nach fast zwölf Stunden auf keinen Namen einigen können. Die Wahl wurde vertagt. Nun sei die Wahl in etwas mehr als drei Stunden am Sonntag über die Bühne gegangen, sagte Riegelbauer.

Die Berliner Philharmoniker

Bedeutung

Die Berliner Philharmoniker zählen zu den ältesten selbstständigen freien Orchestern und gelten als einer der namhaftesten Klangkörper der Welt.
Quelle: dpa

Nazi-Zeit

1934 übernahm das Deutsche Reich alle Gesellschaftsanteile der GmbH, die Musiker wurden zu Angestellten der Gesellschaft.

Nach dem Krieg

Nach 1945 übernahm der Magistrat von Groß-Berlin die Pflichten des Reiches. Das Orchester wird vom Land Berlin über eine Stiftung gefördert.

Organisation

Auch heute noch hat das Orchester mit seinen 128 Planstellen ein weitgehendes Recht auf Selbstverwaltung, das 1952 geregelt und 1992 ergänzt wurde.

Als weitere Kandidaten waren immer wieder Christian Thielemann (Staatskapelle Dresden), Andris Nelsons (Boston Symphony Orchestra) und Gustavo Dudamel (Los Angeles Philharmonic) genannt worden.

Petrenko, einer der Stars der jüngeren Dirigenten-Generation, gehörte von Anfang an zum engeren Kreis der Kandidaten. Er ist seit 2013 an der Bayerischen Staatsoper. Petrenko wurde im russischen Omsk geboren, 1990 zog er mit seiner Familie nach Vorarlberg in Österreich. Dort war sein Vater Geiger im Symphonieorchester. Von 2002 bis 2007 war er Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin.

Der Russe hat die Berliner Philharmoniker bisher nur drei Mal als Gast dirigiert - erstmals 2006. Das Orchester sei damals sofort begeistert gewesen, sagte Vorstand Ulrich Knörzer. „Es war damals nicht die Frage, ob wir ihn wieder einladen, sondern nur wann“, sagte Knörzer. Jetzt wolle das Orchester ihn ganz haben.

Von

dpa

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