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24.11.2014

14:46 Uhr

Bern tritt Gurlitt-Erbe an

Raubkunst bleibt in Deutschland

VonLucas Elmenhorst

Die Entscheidung ist offiziell – das Kunstmuseum Bern nimmt das schwierige Erbe von Cornelius Gurlitt an. Bern, München und Berlin schließen einen Vertrag über den Umgang mit dem Nachlass.

Am 3. November 2013 wurde der spektakuläre Kunstfund in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt öffentlich. Gurlitt ist inzwischen gestorben. dpa

Am 3. November 2013 wurde der spektakuläre Kunstfund in der Schwabinger Wohnung von Cornelius Gurlitt öffentlich. Gurlitt ist inzwischen gestorben.

BerlinFast ein Jahr nach dem Bekanntwerden des Schwabinger Kunstfunds beendete der Stiftungsratsvorsitzende des Kunstmuseum Bern, Christoph Schäublin, die monatelange Spekulationen und bestätigte, was bereits gestern in der Presse zu lesen war. Vor internationalen Pressevertretern erklärte Schäublin am Montagmittag offiziell, dass Bern das Erbe von Cornelius Gurlitt annimmt.

Anschließend unterzeichneten Christoph Schäublin als Stiftungsratsvorsitzender des Kunstmuseum Bern, Kulturstaatsministerin Monika Grütters und Bayerns Justizminister Winfried Bausback eine Vereinbarung über den weiteren Umgang mit Gurlitts Nachlass. Grütters lobte diese Vereinbarung als „einen Meilenstein unserer Geschichte“.

In ihren Ansprachen betonten Grütters, Schäublin und Bausback übereinstimmend ihre besondere historische Verantwortung für die rückhaltlose Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts und gegenüber den wahren Eigentümern möglicher NS-Raubkunst im Nachlass von Gurlitt. Schäublin stellte klar, dass das Kunstmuseum durch den Erbfall überrascht worden sei und dieser „keine Triumphgefühle ausgelöst“ habe. „Die Anfechtung des Testaments konnte und durfte kein ausschlaggebender Faktor sein“, so Schäublin.

Der Fall Gurlitt

Vater und Sohn Gurlitt

Cornelius Gurlitt war der Sohn des Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt (1895-1956). Dieser hatte wegen seiner jüdischen Wurzeln zwar unter den Nazis zu leiden, er gehörte aber nach Darstellung von Experten auch zu den zentralen Figuren des NS-Kunsthandels.

1500 Werke

Nach dem Tod seiner Eltern, erst des Vaters, 1968 auch der Mutter, war Sohn Cornelius Gurlitt (geboren 1932) für die Sammlung von mehr als 1500 Werken, darunter Arbeiten von Matisse, Picasso und Monet, verantwortlich. Er hielt sie im Verborgenen.

Kunstmuseum als Alleinerbe

2012 entdeckten Fahnder im Zuge von Zoll- und Steuerermittlungen einen Großteil der Bilder in seiner Münchner Wohnung. Die Werke wurden sichergestellt. Cornelius Gurlitt starb im Mai 2014. Er setzte das Kunstmuseum Bern als Alleinerben ein.

Raubkunst

Die Raubzüge der Nationalsozialisten haben viele Menschen um ihren materiellen Besitz gebracht. Die Nazis enteigneten unter anderem jüdische Sammler oder zwangen sie, ihre Kunstschätze unter Wert zu verkaufen. Die im Zuge der Verfolgung den Opfern abgenommenen Werke werden Nazi-Raubkunst genannt. Teile der Sammlung Gurlitt stehen unter Raubkunst-Verdacht.

Sogenannte „Entartete Kunst“

Der Begriff „entartet“ stammt aus der Nazi-Rassenlehre. Die Nationalsozialisten übertrugen ihn auf moderne Kunst, die nicht zu ihrem Kunstverständnis und Menschenbild passte. Als „entartet“ diffamierte das NS-Regime unter anderem Werke des Expressionismus, Surrealismus und Kubismus. 1937 zeigten die Nazis in München die Propaganda-Schau „Entartete Kunst“ mit zuvor beschlagnahmten Werken. Teile der Sammlung Gurlitts konnten nach Angaben der Datenbank Lostart dem Beschlagnahmegut der nationalsozialistischen „Aktion Entartete Kunst“ zugeordnet werden.

Provenienzforschung

Das Wort Provenienz bezeichnet die Herkunft, die Abstammung, den Ursprung. Bei der Provenienzforschung versuchen Experten, die Herkunft von Kunstwerken zu klären. Museen wollen zum Beispiel ausschließen, dass sich Nazi-Raubkunst in ihren Beständen befindet. Dazu prüfen die Fachleute etwa die Eingangsdaten und die Preise, zu denen Werke gekauft wurden. Die Suche ist oft mühsame Detektivarbeit, denn meist sind die fraglichen Bilder und Skulpturen durch mehrere Hände gegangen, wurden getauscht oder bei Auktionen verkauft.

Entscheidend sei gewesen, ob das Kunstmuseum seiner Verantwortung gegenüber den Anspruchstellern, Interessierten und Öffentlichkeit, aber auch der Sammlung und der Reputation und Wirtschaftlichkeit des Museums selbst gerecht werden könne. „Werke, die sich als NS-Raubkunst erweisen, werden an die Berechtigten restituiert“, bekräftigte der Stiftungsratsvorsitzende: „Es gelangen keine Werke ins Kunstmuseum, die als NS-Raubkunst einzustufen sind.“

Dabei will sich das Kunstmuseum Bern uneingeschränkt den Washingtoner Prinzipien für die Rückgabe von NS-Raubkunst unterwerfen und diese bei Rückgabeverlangen von Anspruchstellern strikt anwenden. Dies ist angesichts des bisherigen, eher restriktiven Umgangs der Schweiz mit den Washingtoner Prinzipien ein bemerkenswerter Fortschritt.

Denn bislang hat die Schweiz anders als Deutschland nur geraubte und den jüdischen Eigentümern abgepresste Werke freiwillig zurückgegeben, nicht jedoch auch solche, die als Folge von Diskriminierungen oder wirtschaftlicher Not verkauft wurden, etwa um die von den Nationalsozialisten verhängte so genannte „Reichsfluchtsteuer“ zu zahlen.

Überraschend kündigte Schäublin zudem an, dass das Kunstmuseum selbst aktiv werden wolle und eine eigene Forschungsstelle in Bern einsetzen werde, um die Geschichte der Sammlung und die Bedingungen ihrer Entstehung aufzuarbeiten. Bereits morgen sollen Listen des gesamten Nachlasses ins Netz gestellt werden.

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