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28.10.2015

10:58 Uhr

Bernhard Decker

Ich sehe was, das Du nicht siehst

VonSusanne Schreiber

Lempertz versteigert den Lagerbestand des kürzlich verstorbenen Skulpturenhändlers Bernhard Decker. Selten gab es so viele museale Schnitzwerke mit original erhaltener Fassung.

Michel Erhart zugeschrieben ist dieses charaktervolle Büstenfragment des Hl. Bernhardin von Siena aus der Sammlung Bernhard Decker. Quelle: Lempertz

Den Menschen im Blick

Michel Erhart zugeschrieben ist dieses charaktervolle Büstenfragment des Hl. Bernhardin von Siena aus der Sammlung Bernhard Decker. Quelle: Lempertz

Düsseldorf Er war das Auge, wenn es um Skulptur der Zeit zwischen Gotik und Barock ging. Bernhard Decker, der in diesem Sommer 70-jährig verstarb, war nicht nur habilitierter Kunsthistoriker, er war auch ausgebildeter Restaurator. Erst 1998 hatte der zurückhaltende Akademiker die Seiten gewechselt und eine Kunsthandlung im Frankfurter Westend eröffnet. Seinen hohen wissenschaftlichen Anspruch behielt er bei und wurde durch seine Kennerschaft zum Lieferanten und Gesprächspartner privater Connaisseure und führender Museen in Wien, Nürnberg, Karlsruhe und Straßburg.

42 bedeutende Skulpturen aus Deckers Lager bietet das Kölner Auktionshaus Lempertz jetzt als Kern seines Skulpturenkatalogs an. Die Schätzsumme liegt knapp unter einer Million Euro.

Bernhard Decker war ein Idealist. Kunst war für ihn mehr als schnell drehende Ware. Auch in Zeiten, in denen Verkäufe – nicht zuletzt auf Kunstmessen – immer schwieriger zu realisieren waren, verzichtete er auf Dumpingpreise. Decker sah, was andere übersehen und in seiner Bedeutung nicht erkannt hatten. Das hat seinen Preis. Denn für die seinem geschulten Auge entsprungenen Zuschreibungen konnte der Kunsthistoriker stichhaltige Belege anführen.

Die „Prophetenbüste“ aus dem Einflussbereich des Bildhauers Michael Pacher wurde in Tirol um 1485/1490 geschnitzt. Quelle: Lempertz

Rotwangig und wirklichkeitsnah

Die „Prophetenbüste“ aus dem Einflussbereich des Bildhauers Michael Pacher wurde in Tirol um 1485/1490 geschnitzt. Quelle: Lempertz

Zauber des Originals

Reihenweise weist der Katalog auf authentischen Erhaltungszustand und originale farbige Fassungen hin.  Das war Decker, der Koryphäe auf dem Gebiet der deutschen Skulptur des Spätmittelalters, stets ein besonderes Anliegen.

Davon zeugt nicht nur die „Prophetenbüste“, geschnitzt in Tirol um 1485/1490, deren Provenienzliste die Sammlung Goldschmidt und die Sammlung der Fürsten von Liechtenstein nennt. Dieser als Fenstergucker gestaltete Prophet diskutiert so lebhaft wie nachdenklich. Rote Wangen zeugen von seinem inneren Feuer. Das blaugefütterte Manteltuch „fließt“ über die Brüstung und rahmt das Buch  – wohl das Alte Testament – effektvoll ein. In dem Buch liegt der inhaltliche und kompositorische Mittelpunkt dieser wirklichkeitsnah aufgefassten Büste. Die Lindenholzskulptur aus dem Einflussbereich Michael Pachers soll nun 60.000 bis 70.000 Euro kosten. 

Norddeutsch, um 1520 wurde dieser Putto mit Vanitassymbolik gehauen. Aus dem Nachlass von Generalkonsul Bruno Schubert, Sammlung Bernhard Decker. Quelle: Lempertz

Memento Mori

Norddeutsch, um 1520 wurde dieser Putto mit Vanitassymbolik gehauen. Aus dem Nachlass von Generalkonsul Bruno Schubert, Sammlung Bernhard Decker. Quelle: Lempertz

Emotionen darstellen

Dass ein herausragender Bildschnitzer Nachdenken oder innere Bewegung zu verdeutlichen weiß, zeigt auch die Büste des Heiligen Bernhardin von Siena. Decker hat sie mit Zustimmung von Kollegen, dem Ulmer Schnitzer Michel Erhart zugeschrieben. Obwohl die spätgotische Büste einst eine Standfigur war, gilt ihr die höchste Schätzung von 70.000 bis 80.000 Euro. Asketisch blickt der Mönch nach unten und nach innen, die Stirn anrührend in tiefe Falten gelegt.

Bildhauerkunst: Madonna mit "Ballon-Sturmhaube"

Bildhauerkunst

Madonna mit "Ballon-Sturmhaube"

Der Kunsthändler Bernhard Decker hat einen neuen Bestandskatalog publiziert. Das Angebot konzentriert sich auf Werke der europäischen Bildhauerkunst. Auf dem Gebiet kennt sich der Frankfurter Kunsthistoriker bestens aus.

Konsumfreundliche Schätzpreise

Etliche Bildwerke sind vorsichtig geschätzt, das dürfte die Nachfrage ankurbeln. Ein in den Tönen Gold, Rot, Blau und Grün strahlendes Relief einer spanischen Madonna Lactans in einem prachtvollen Ädikularahmen wird bei 14.000 Euro aufgerufen. Ein barocker Engel aus Neapel, dem das Wappen, das er einst hielt, abhanden kam, ist auf 18.000 bis 20.000 Euro angesetzt.

Die Rezeptionsgeschichte hat Decker immer mitgedacht. Maßstabsetzend waren beispielsweise  1981 Katalog und Ausstellung „Dürers Verwandlung in der Skulptur zwischen Renaissance und Barock“ im Liebieghaus in Frankfurt. Als eine der letzten Nummern der Decker-Offerte kommt bei Lempertz  eine Dürer-Büste unter den Hammer. Der Franzose A.-E. Carrier-Belleuse schildert Albrecht Dürer nicht christusgleich, sondern als erkennenden und sehenden Tatmenschen, machtvoll wie ein Renaissancefürst. Die obere Taxe der imposanten Marmorbüste aus den Jahren 1860 bis 1874 liegt bei 13.000 Euro.    

Ging man mit Bernhard Decker durch eine Auktions-Vorbesichtigung, dann raunte er immer wieder „Fälschung“ oder „Fälschung des 19. Jahrhunderts“. Denn auch die Vorlieben des die Spätgotik wiederentdeckenden 19. Jahrhunderts hatte der Hüne mit den kräftigen Händen in seinem abwechslungsreichen Leben auf einer Museumsstation intensiv studieren können. Aus dem steten Abgleich zwischen verbürgt Authentischem der Gotik und dem übertreibend Nachempfunden der Kopisten speiste sich sein verlässliches Urteil.

Vorbesichtigung: Lempertz vom 6. bis 13. November 2015

Auktion der Skulpturen am 14. November 2015 um 15 Uhr

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