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08.02.2016

17:37 Uhr

Bestsellerautor und Ex-Fernsehmoderator

Roger Willemsen ist tot

Der Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er starb im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung. Er gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen.

Der Bestsellerautor ist im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben. dpa

Roger Willemsen

Der Bestsellerautor ist im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung gestorben.

Hamburg/FrankfurtDer Bestsellerautor und frühere Fernsehmoderator Roger Willemsen ist tot. Er starb im Alter von 60 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung, wie sein Büro in Hamburg und der Verlag S. Fischer in Frankfurt am Montag bestätigten. Demnach war Willemsen bereits am Vortag in seinem Haus in Wentorf bei Hamburg gestorben.

Der Publizist und Fernsehmann gehörte zu den bekanntesten deutschen Intellektuellen. Die Krebserkrankung war bei ihm im August vergangenen Jahres festgestellt worden - wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag. Daraufhin sagte er alle öffentlichen Veranstaltungen ab.

Auf die Nachricht von Willemsens Tod reagierten auch Spitzenpolitiker betroffen. „Deutschland verliert einen brillanten Intellektuellen, einen Weltbürger im besten Sinne und eine bedeutende Stimme unseres Kulturlebens - intelligent, pointiert, streitbar“, schrieb SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag auf Twitter. Grünen-Chefin Simone Peter äußerte sich ebenfalls schockiert. „Wir trauern um einen wunderbaren Menschen, um einen wichtigen Intellektuellen, Autor und Moderator“, twitterte sie.

Willemsen wörtlich (Teil 1)

Über den Deutschen Bundestag

„Da flackert er wieder auf, der Respekt, der die Institution meint, das Hohe Haus, das manchmal erhaben ist, manchmal bloß eine Kneipe. Noch in der Nacht überziehen sie alle gerne ihre Redezeit sagen nicht einfach „Nutztiere“, zählen sie lieber einzeln auf.“

Über Desinteresse

„Der Besucher darf kein Kaugummi im Mund haben, aber Desinteresse demonstrieren, allen gegenüber, auch jenen auf der Tribüne oder an den Fernsehgeräten, ist für Parlamentarier nicht unschicklich. Trittin redet gut und frei, immer wider wendet er sich der Kanzlerin zu, aber sie ist nicht mehr zu sehen im Rudel ihrer Gesprächspartner.“

Über Armut

„Man mag von Fall zu Fall streiten, wie aufrichtig ein Engagement für die „sozial Schwachen“ im Parlament ist. Aufrichtig aber ist jedenfalls der Hohn, der sich in Zwischenrufen verrät, wo allein die Wirklichkeit der Armut anerkannt werden soll.“

Über Werte

„Das Kabinett bleibt, während sie [Merkel] spricht, komplett, klatscht aber nicht. So sind nun mal unsere Werte. Die Kanzlerin hat absolviert. Dann berät sie sich, an Rösler vorbei, mit Westerwelle. Man lacht, Rösler niest.“

Über Franz Josef Strauß

„In den Reden bayerischer Abgeordneter zittert immer noch das Erbe von Franz-Josef Strauß nach. Selbst der bajuwarische Yuppie tritt wie ein Kraftmeier auf und möchte donnern – seine Rede aber gibt nur ein Räuspern her. Aus dem Satzbaukasten der Brachialrhetoriker hat man sich die Filetstücke herausgelöst.“

Über Egozentrik

„So verdichtet sich der Eindruck, dass sich der Apparat zunächst einmal selbst ernährt. Seine Egozentrik lässt in manchen Debatten keinen Raum für die Welt derer auf den Tribünen. Eher geht es von hier oben gesehen, um Betrachtung und Erhaltung des Status quo, also mehr um einen Zustand als um eine Bewegung.“

Über den Fortbestand der Erde

„Es geht um das Weltklima, also schließlich um den Fortbestand der Erde, und was man hört, ist eine in Formeln erstarrte, von Bürokratismen überwucherte Rhetorik, in der sich alle Dringlichkeit neutralisiert.“

Über Ressorts

„Unterschiedliche Ressorts, so scheint es, entwickeln unterschiedliche Aggressionsgrade. Um ökonomische und wirtschaftspolitische Themen wird ruchloser gestritten als um solche der Ökologie oder Bildung.“

Über Transparenz

„Glas redet nicht, es lässt durch. Dieser Raum will sagen: Es ist alles flüchtig. Wir werden von allen Seiten beobachtet. Wollen wir heimlich sein, müssen wir uns anstrengen, das heißt, noch undurchsichtiger werden, wenn schon der Saal es nicht ist, damit die Grenze zur Außenwelt, zur Allgemeinheit verwischt erscheine. Der Reichstag ist also modern als Monument des Flüchtigen.“

Über ordinäre Impulse

„Es ist ein ordinärer Impuls, sich von der Kanzlerin, ihrer Rhetorik, ihrer Erscheinung, ihrem Gefühlshaushalt, sich von der Volksvertretung insgesamt nicht vertreten zu fühlen. Es ist der billigst zu habende Dünkel, sich als Individuum zu verstehen, das im Kollektiv nicht aufgeht.“

Der Linken-Politiker Gregor Gysi würdigte Willemsen als einen der herausragenden Journalisten und Publizisten Deutschlands. „Bestechend waren seine Intelligenz und Klugheit, seine Bildung, seine Beobachtungsgabe, seine Genauigkeit und seine Reaktionsschnelligkeit“, erklärte der Bundestagsabgeordnete.

Als „zentralen Intellektuellen Deutschlands“ und „brillanten Autor“ würdigte ihn der Verlag S. Fischer. Willemsen sei auch ein „außerordentlicher Kämpfer für die Menschen“ gewesen, erklärte der verlegerische Geschäftsführer Jörg Bong. Sein Werk sei Teil der Identität von S. Fischer.

Erfolge feierte Willemsen vor allem mit essayistischen Reisebüchern wie „Die Enden der Welt“. Zuletzt landete er mit seinem Buch „Das Hohe Haus“ (2014) einen Bestseller. Dafür hatte er ein Jahr lang das Geschehen im Bundestag von der Tribüne als Zuhörer verfolgt.

Im Fernsehen war Willemsen bereits ab 1991 für den Bezahlsender Premiere mit der Gesprächssendung „0137“ zum Shootingstar in der Moderatorenwelt avanciert. Die Show galt als „Talk ohne Tabu“, angesiedelt zwischen Politik und Boulevard.

Willemsen wörtlich (Teil 2)

Über den Tiefpunkt aller Debatten

„Verfolgt zu haben, wie fünf der sechs Parteien im Deutschen Bundestag Rüstungsexporte selbst in den Nahen Osten und nach Pakistan verteidigen, sich auf humanitäre Absichten, realpolitische Zwänge oder Arbeitsplätze herausreden, und wie sie sich in den einzigen glaubwürdigen Gegner dieser Politik verbeißen, mit welcher Empathielosigkeit dies geschieht, das wird auch noch ein Jahr später ein Tiefpunkt aller Debatten sein, die ich im Hohen Haus verfolgte.“

Über Renate Künast

„Inzwischen hat Renate Künast (BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN) das Rednerpult herabgefahren und die Stimme herauf. Sie spricht mit der Autorität der Veteranin, de sich immer dann verjüngt, wenn sie keift, und die zugleich die Abläufe zu gut kennt, um die eigene Empörung frisch halten zu können.“

Über gesunden Menschenverstand

„Man stellt sich immer vor, das Parlament nähme an allem teil, es sei so etwas, wie der geballte gesunde Menschenverstand. In der Annäherung merkt man, es sitzen meist die Fachleute der Fraktionen zusammen. Sie kommen aus den Ausschüssen, hauen sich das dort Gesagte effekthascherisch noch einmal um die Ohren und verlassen, kaum ist die Simulation einer entscheidenden Debatte vorbei, den Raum.“

Über Wirklichkeit

„Für den Einzelnen findet Politik oft nicht da statt, wo der Politiker es gern hätte. Da dieser Bürger in vielem, was ihm das Fernsehbild aus politischen Debatten vermittelt, seine eigene Wirklichkeit nicht erkennt, setzt er eine vermeintlich wirklichere Wirklichkeit dagegen.“

Über Kantinengeflügel

„Hinter mir beginnen unterdessen zwei Sicherheitsbeamte mit der Diskussion des Mittagessens. Es ist 9 Uhr 23. Sie entscheiden sich für ein Hähnchen mit Chili-Soße. „5 Euro 90, da stimmt das Preis-Leistungs-Verhältnis“, anders gesagt, auch die Wettbewerbsfähigkeit des Kantinengeflügels ist gesichert.“

Über Glaubwürdigkeit

„Das [die LINKE kein Interesse an Arbeitsplätzen hat] glaubt zwar niemand, aber wo ein Politiker „Glaubwürdigkeit“ beansprucht, heißt das ja nicht, dass er sich auch selbst glauben muss.“

Über Kollegialität

„Beim Hereinkommen sieht man gut, wer sich grußlos aneinander vorbeischlängelt, wer mit dem Arm wen aus dem Weg schiebt, wer sich kollegial, wer respektvoll, freundschaftlich oder komplizisch begrüßt.“

Über Gedenken

„Wenn ein Gedenken dem Grundsatz folgt, pauschal zu erinnern mit den immer gleichen Stereotypen und zugleich präzise zu vergessen, nämlich alles, was das Erinnern verbindlich machen würde, dann handelt es sich hier um ein Vergessen durch Erinnern.“

Über den Politiker als Individuum

„Seinen schlechten Ruf verdankt der Politiker auch der Tatsache, dass er, als Massen-Individuum auftretend, wenig von dem hat, was man am Einzelmenschen schätzt. In dieser Hinsicht ist er wie ein Saalpublikum oder ein Fußballstadion. Sowenig er zurückscheut vor Exzessen des Eigenlobs, so wenig blamiert ihn jede denkbare Verunglimpfung des Gegners.“

Über Verhandlungen

„Nachdem der Antrag [auf Verschiebung eines Tagesordnungspunktes] also abgelehnt wurde, folgt die Debatte. Dass sie das Gesetz [über Urheber-/Leistungsschutzrecht] im Bundesrat kippen werden, dass man dann neu verhandeln müsse, kündigen die Oppositionsparteien schon an. Verhandelt wird dennoch – für wen?“

Mehr als 600 Interviews führte er: Von Audrey Hepburn bis zu Palästinenserführer Jassir Arafat waren viele Prominente dabei - darunter auch ein Bankräuber. Sein Anspruch, „genau zu sein“, und seine besonders einfühlsame Gesprächsführung machten Willemsen und sein Magazin preiswürdig. 1992 wurde er unter anderem mit dem Bayerischen Fernsehpreis ausgezeichnet. Im Jahr darauf erhielt Willemsen den Adolf-Grimme-Preis in Gold.

Nach seinem Wechsel zum ZDF nach Mainz moderierte er von 1994 bis 1998 „Willemsens Woche“. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ bezeichnete sein Format als „Muster für intelligente, wenn nicht gar intellektuelle Unterhaltung“. Im Schweizer Fernsehen moderierte er den „Literaturclub“. Mit seiner eigenen TV-Produktionsfirma „Noa Noa“ produzierte und koproduzierte Willemsen Themenabende und Preisverleihungen.

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Von

dpa

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