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05.10.2011

11:51 Uhr

Biennale de Lyon

Das Werk der Totengräber

Die Welt ist schrecklich, trostlos und schön. Das erfahren die Besucher der Biennale von Lyon. In diesem Jahr dominieren die leiderprobten Künstler des südamerikanischen Kontinents.

Ulla von Brandenburg: "Kulisy" auf der 11. Biennale de Lyon 2011. concept, Paris

Ulla von Brandenburg: "Kulisy" auf der 11. Biennale de Lyon 2011.

Lyon.Besucher der Kunstbiennale von Lyon kommen sich vor wie Alice im Wunderland. Fünf große, drapierte Papiervorhänge müssen sie durchqueren, bevor sie im Ausstellungsgebäude „Sucrière“ die Kunstbühne betreten. Schöpferin dieser schwarz, blau, rot und gelb bemalten „Kulissen“ ist die deutsche Künstlerin Ulla von Brandenburg. Ihr theatralisches Werk gehört zu den wenigen farbigen Arbeiten dieser Schau, auf der Schwarzweiß dominiert.

Eingerichtet wurde die elfte Ausgabe der Biennale von der belesenen jungen Argentinierin Victoria Noorthoorn. Sie wählte als bewusst paradoxen Titel eine Gedichtzeile von William Butler Yeats: „Eine schreckliche Schönheit ist geboren“. Noorthoorn privilegiert den Schrecken und konfrontiert die Betrachter willentlich mit ihrer Skepsis, Ratlosigkeit oder Ablehnung. Ihre Kunstwelt reflektiert Trostlosigkeit, Chaos und den Verlust der Utopien. Nur gelegentlich blitzt ein surrealer Lichtblick oder schwarzer Humor auf, wie in den provokanten Videos der Südafrikanerin Tracey Rose (Jahrgang 1974).

Rolle der älteren Künstler

Die Biennale führt Kunstschaffende aus der ganzen Welt zusammen, insbesondere die in Europa noch weitgehend unbekannten südamerikanischen Künstler. Die meisten sind zwischen 30 und 45 Jahre alt. Noorthoorn präsentiert sie in harmonischer Koexistenz mit ihren historischen Vorgängern. Die Idee stammt von Biennale-Direktor Thierry Raspail, der seit der ersten Lyoner Biennale 1991 die künstlerisch-ideologische Linie festlegt. Er gab der Kuratorin den Begriff „Transmission“ als Leitmotiv mit.

Der Brasilianer Augusto Campo (geb. 1931) gehört mit seinen „visuellen Gedichten“ zu den historischen Vermittlern. Seine schwarzweißen Typografien bedecken viele Wände. Als Vermittler gilt auch der französische Fluxus-Künstler Robert Filliou (1926-1987), der mit einer 84 Meter langen, bestickten Leinwand-Installation vertreten ist.

Laura Lima: "Gala Chicken" auf der 11. Biennale de Lyon 2011. Cadu d?Oliveira

Laura Lima: "Gala Chicken" auf der 11. Biennale de Lyon 2011.

Gleich hinter den Papiervorhängen Ulla von Brandenburgs steht ein monumentaler Metallzylinder, ein Büchersilo des Polen Robert Kusmirowski (geb. 1973), das sich den Blicken total verschließt. Erst aus dem zweiten Stock des Ausstellungsgebäudes blickt man in dessen Inneres, in dem Zerstörungswut die Bücher hemmungslos durcheinander warf.

Diesem an Humanität mangelnden Werk steht die strenge, den Menschen als abstraktes Fleisch begreifende Position  „Men=flesh/Women=flesh“ der Brasilianerin Laura Lima (Jahrgang 1971) gegenüber. Lima wand schwarze Bänder um die weißen Eckpfeiler der Ausstellungsfläche, die den Raum strukturieren. Gebündelt lasten sie auf den Schultern eines nackten Herkules. Die Besucher betrachten den Mann wie eine antike Steinstatue, seine physische Präsenz scheinbar ignorierend.

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