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17.02.2006

17:00 Uhr

Bier statt Bücher

Die Russen lesen kaum noch

VonMathias Brüggmann

Mindestens die Hälfte der Russen hat wenigstens ein Jahr lang keine Literatur zur Hand genommen, zwei Drittel in diesem Jahrtausend keinen einzigen Band gekauft.

Zeitgenössische Aufnahme des russischen Dichters Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Er starb am 9. Februar 1881 in St. Petersburg. Foto: dpa

Zeitgenössische Aufnahme des russischen Dichters Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Er starb am 9. Februar 1881 in St. Petersburg. Foto: dpa

HB MOSKAU. Den Blick in Dostojewskijs "Schuld und Sühne" gesenkt, auf der unendlich erscheinenden Rolltreppe in die Tiefe rauschen. Ohne das Haupt zu heben, im Menschenstrom mitschwimmend, in den Waggon steigen und in Moskaus Metro von einer wie ein unterirdischer Palast wirkenden Station zur nächsten rasen. Daneben hält der Nebenmann die neueste Ausgabe der Literaturzeitschrift "Nowyj Mir" (Neue Welt) in der einen Hand, die andere hoch am Haltegriff. So kennen viele Russland-Reisende die Moskowiter. Doch das war damals. Damals, als noch Dissidenten in Lagern saßen. Oder damals in der glückseligen Gorbatschow-Zeit, in der das Lesen des "Archipel Gulag" erlaubt wurde und Andrej Sacharow aus der Verbannung befreit wurde. Damals, als Russland "das lesendste Land der Welt" war.

Aus und vorbei. Wer heute in Moskaus Metro strebt, erlebt nicht nur unendliche Menschenmassen, Gedränge, Geschubse, Gerempel und Gerüche nasser Wolle, von Erbrochenem und dem Schweiß der in dicke Pelzmäntel gehüllten Sich-Schiebenden. "Die Abgeordneten wissen ja nicht, was am Wochenende und am Montagmorgen in der Metro vor sich geht und wie viel Bier da getrunken wird - sie fahren ja nie U-Bahn", kommentierte der Radiosender "Echo Moskwy" die Entscheidung der Duma, Biertrinken in der Öffentlichkeit mit zehn Euro Strafe zu belegen. "Pochmelitsja" nennen die Russen das Biertrinken am Morgen, um den Wodkarausch der Vornacht leichter abzuschütteln. Und wer will und kann dabei schon lesen?

Mindestens die Hälfte der Russen hat wenigstens ein Jahr lang keine Literatur zur Hand genommen, zwei Drittel in diesem Jahrtausend keinen einzigen Band gekauft. "Das Buch ist kein Fluchtort mehr vor der Repression des Staates", kommen die Soziologen des Meinungsforschungsinstituts "Obschestwennoje Mnenije" (Gesellschaftliche Meinung) zum Schluss ihrer traurigen Befragung von 1 500 Landsleuten.

Seit das Gebälk des Kommunismus über den Köpfen der Menschen zusammenbrach, hat die Hektik des Kapitalismus Einzug im Osten gehalten. Statt ausgeruht in der Metro in die Fabrik zu fahren, wo es mangels Ersatzteilen ohnehin nichts zu tun gab, drängeln sich heute Millionen hinterm Steuer in stundenlangen Staus von Job zu Job. Denn seit staatlich garantierte Löhne abgeschafft sind, muss man sich den Lebensunterhalt oft durch Putzen, Taxifahren, Vorlesungen oder andere Zusatzjobs sichern.

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