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14.01.2011

11:56 Uhr

Birgit Jürgenssen

Schutzpreise mit Abschreckungspotenzial

VonChristiane Fricke

Birgit Jürgenssen wäre beinahe durch die Raster der Kunstgeschichte gefallen. Ihre Wiederentdeckung ermöglicht der österreichische Stromkonzern Verbund. Eine Wiener Ausstellung spürt einem Werk voll erstaunlicher Bildfindungen, voller Poesie und erotischem Esprit nach.

Hautnah ist Birgit Jürgenssens Spiel mit der Maske. Das unbetitelte Farbfoto entstand 1988. Foto (Ausschnitt): Sammlung Verbund, Wien/VBK Wien 2010. VG Bild-Kunst / Sammlung Verbund, Wien/VBK Wien 2010

Hautnah ist Birgit Jürgenssens Spiel mit der Maske. Das unbetitelte Farbfoto entstand 1988. Foto (Ausschnitt): Sammlung Verbund, Wien/VBK Wien 2010.

WIEN . Starke Frauen müssen provozieren, um gehört zu werden. Das lehren die Karrieren der beiden feministischen Künstlerinnen aus Wien, Valie Export und Elke Krystufek. Export brachte 1968 das konservative Wien auf die Palme, als sie ihren Freund Peter Weibel als Hund Gassi führte. 30 Jahre später feiert die jüngere Krystufek mit pornografischen Performances und aggressiver Malerei Publikumserfolge.

Birgit Jürgenssen (1949-2003) war auch stark, hatte aber nichts dergleichen zu bieten. Weder den Mut zum öffentlich praktizierten Tabubruch noch einen wiedererkennbaren Stil, der ihre Durchsetzung auf dem Kunstmarkt erleichtert hätte. An der Wiener Hochschule für angewandte Kunst ließ sie sich 1968 bis 1971 in graphischen Techniken ausbilden und musste sich anhören: "Ach, Fräulein Jürgenssen, warum schleppen Sie sich denn mit den schweren Lithosteinen ab, Sie werden doch eh bald heiraten."

„Fräulein Jürgenssen“ setzt sich durch

"Fräulein Jürgenssen" ließ sich nicht beirren, heiratete und arbeitete hart, auch als Lehrerin an Hochschule (1980/81) und Kunstakademie (ab 1982). Dort etablierte sie die erste Fotoklasse. Die Anerkennung ihrer Studenten war ihr bald sicher; doch die der Kunstwelt ließ lange auf sich warten. Jetzt würdigt sie eine dicht gehängte Retrospektive im Kunstforum Wien der Bank Austria.

Zu entdecken ist ein Werk voll erstaunlicher Bildfindungen, voller Poesie und erotischem Esprit. In den feinen, mit viel Liebe zum Detail ausgearbeiteten Hausfrauen-Zeichnungen umkreist Jürgenssen gesellschaftliche Zustände, wie sie Anfang der 70er-Jahre noch selbstverständlich waren. Krasse Klischees bringt sie zu Papier wie die Frauengruppe, die mit Schürze und Kopftuch den Boden schrubbt. Anstelle von Lappen wirngt sie kleine Mischwesen aus, halb Mann, halb Phallus. Auf einem anderen Blatt rüttelt eine zum Tiger mutierte Frau mit Küchenschürze an den Gitterstäben ihres Haushaltskäfigs.

„Ich will hier raus“

Zu den bekanntesten Arbeiten gehört eine Schwarz-Weiß-Fotografie von 1976, heute im Besitz des Centre Pompidou: "Ich will hier raus" steht auf einer Glasfläche geschrieben, hinter der Jürgenssen, mit adrettem weißem Spitzenkragen bekleidet, ihre Handflächen und ihr Gesicht mit verzweifelter Miene gegen das Glas presst.

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