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14.01.2014

11:54 Uhr

Brandenburg

Umstrittene Kunst in Brandenburg

Porträts von Diktatoren wie Hitler und Stalin sind eine eher untypische Bebilderung, erst recht für eine politische Einrichtung wie den Brandenburger Landtag. In Potsdam ist darüber nun ein Streit entbrannt.

Darf man das? Altkanzler Helmut Schmidt und Konrad Adenauer, aber auch von NS-Diktator Adolf Hitler und NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nebeneinander abbilden? In Potsdam scheiden sich die Geister. dpa

Darf man das? Altkanzler Helmut Schmidt und Konrad Adenauer, aber auch von NS-Diktator Adolf Hitler und NS-Propagandaminister Joseph Goebbels nebeneinander abbilden? In Potsdam scheiden sich die Geister.

PotsdamNoch vor der ersten Sitzung im Neubau des Potsdamer Landtags gibt es den ersten handfesten Krach: Die Auseinandersetzung entzündet sich an verfremdeten Porträts von Hitler, Stalin und Goebbels, die seit vergangenem Wochenende in den Fluren des gerade erst bezogenen Parlaments hängen. In 112 Bildern hat der Berliner Künstler Lutz Friedel knapp 400 Jahre deutsche Geschichte aufgereiht, neben den Diktatoren sind auch Helmut Schmidt, Franz Kafka oder Anne Frank zu sehen.

„Mörder und Tyrannen haben im Landtag nichts zu suchen“, schimpft FDP-Fraktionschef Andreas Büttner. Auch der Zentralrat der Juden kritisiert das Projekt. Der CDU-Abgeordnete Ingo Senftleben stört sich neben den NS-Verbrechern und Diktatoren auch an einem Bild von Hilde Benjamin, die zu DDR-Zeiten als Vorsitzende Richterin in Prozessen gegen Oppositionelle an Todesurteilen beteiligt war und daher im Volksmund „Blutige Hilde“ genannt wurde. „Eine Ausstellung zum Land Brandenburg mit seiner Kultur und seinen Landschaften wäre passender“, meint Senftleben.

Der Künstler ist empört über die Richtung der Diskussion: „Es ist schlicht Bosheit, mir zu unterstellen, dass ich Hitler und diese ganze braune Scheiße damit verherrlichen wolle“, sagte der 65-Jährige der Nachrichtenagentur dpa. Vielmehr wolle er die Betrachter der Bilder zum Nachdenken über die Geschichte anregen. Das umstrittenste Porträt heißt „Selbst als Helge Schneider als Hitler“. „Das ist nicht Hitler“, betont der Künstler. „Das ist ein Porträt von Helge Schneider als Schauspieler in einem Komikerfilm über Hitler, wo auch gefragt wurde, ob man das darf.“

Senftleben will im Präsidium dafür kämpfen, dass die Bilder wieder abgehängt werden - doch dort beißt er bei den regierenden Sozialdemokraten und Linken auf Granit. „Ich will nicht mehr in einem Land leben, wo irgendwer bestimmt, welche Bilder aufgehängt werden und welche nicht“, sagte Gerrit Große (Linke). Susanne Melior (SPD) meinte: „Es ist unsere Geschichte, und Geschichte ist nicht teilbar. Ich wäre auch lieber Anne Frank -–aber es gab auch die bösen Gestalten Hitler und Goebbels.“ Die Diskussion stehe dem Landtag gut an, sagt die Grünen-Angeordnete Marie Luise von Halem. „Wir brauchen keine Wohlfühl-Ausstellung mit brandenburgischen Landschaften.“

„Wenn Kunst nicht gut ist, provoziert sie nicht“, sagte Ausstellungs-Kuratorin Brigitte Rieger-Jähner vom Museum Junge Kunst in Frankfurt (Oder). „Ich meine, dass wir der Wahrheit ins Auge schauen müssen, der Wahrheit, dass wir alle von Mördern abstammen, dass die Tünche, das Furnier der Zivilisation sehr dünn ist“, schrieb die Professorin zu der Ausstellung. Die Werke stammen aus der Serie „Ich! Meine Selbstporträts zwischen 1635 und 2003“, für die Friedel Plakate und Bildvorlagen übermalte. Die Werke seien keine Geschichtsaufarbeitung, sondern Kunst.

Am kommenden Wochenende können sich die Brandenburger selbst ein Bild von der Ausstellung machen: Tausende Bürger können erstmals ihr neues Parlament hinter der wiedererrichteten Fassade des Potsdamer Stadtschlosses besichtigen. Das verfremdete Porträt von Walter Ulbricht, unter dessen Herrschaft die Mauer zwischen den deutschen Staaten errichtet wurde, werden sie aber wohl nicht zu sehen bekommen. Es wurde bereits am Montag abgehängt, nachdem ein Unbekannter einen Zettel mit der Aufschrift „Mörder“ auf das Bild geklebt hatte.

Von

dpa

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