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22.05.2012

09:13 Uhr

Buchmalerei

Auktionsrekord für ein Gebetbuch

Ein Unbekannter bot in Paris 1,9 Millionen Euro für bemaltes Stundenbuch der Spätrenaissance. Fachleute wundern sich, weil sie den Preis für überhöht halten.

Mahzor: hebräisches Gebetbuch der Spätrenaissance, bemalt. (Ausschnitt) Christie's Images Ltd. 2012

Mahzor: hebräisches Gebetbuch der Spätrenaissance, bemalt. (Ausschnitt)

ParisChristie’s Marketing lief anlässlich der Versteigerung eines illuminierten Manuskriptbandes der Spätrenaissance mit hebräischen Gebeten auf Hochtouren. Die Mühe lohnte sich. Am 11. Mai erreichte der sog. Machzor bei Christie's Paris den sensationellen Preis von 1.9 Millionen Euro. Ein Weltrekordpreis für so eine bemalte Handschrift des späten 15. Jahrhunderts, die ähnlich wie ein Stundenbuch gestaltet ist. Eingeliefert hatten den in braunes Maroquin gebundenen Machzor die Erben von Edmond Bicart-Sée (geboren 1865). Die  Bibliothèque Nationale de France erteilte die Ausfuhrerlaubnis.

Unbekannter Käufer

Im Auktionssaal saßen nur knapp 20 Menschen. Dagegen schlugen sich neun Telefonbieter 15 Minuten lang um den 442 Blatt umfassenden Manuskriptband. Gegen Ende des Bietergefechts beteiligten sich nur noch internationale Privatsammler an den Geboten.

Der Käufer ist ein europäischer Privatsammler, dessen Nationalität Christie’s nicht bekannt gibt. Er ist keinem der Spitzenhändler bekannt, die entweder auf illuminierte Manuskriptbände spezialisiert sind oder gelegentlich mit ähnlichen Luxusobjekten handeln. Das ergab die Nachfrage bei einem guten Dutzend Antiquare.

Schöpfer aus Florenz

Dabei wurde aber auch deutlich, dass die Spezialisten den Preis von fast 1,9 Millionen Euro im Verhältnis zur stilistischen Qualität der Miniaturen für überhöht halten.

Der Machzor enthält die Gebete zum liturgischen Zyklus des Jahres, darunter die Gebete zu den hohen Festtagen, wie Rosh Hashanah oder Yom Kippur. Er wurde zirka 1490 vermutlich vom florentinischen Buchmaler Boccardino il veccio (1460-1529) begonnen. Andere Maler aus Boccardinos Werkstatt ergänzten die Miniaturen und die opulenten, mit Gold gehöhten Bordüren. Boccardino arbeitete für die florentinische Familie Medici, besonders für Lorenzo I. il Magnifico. Dennoch reicht die Qualität der Illustrationen, besonders der Menschendarstellungen, nicht an die französischen, deutschen oder flämischen Buchmaler heran.

Hebräische illuminierte Handschriften sind unter anderem wegen der Jahrhunderte langen systematischen Verfolgung der jüdischen Familien selten. Trotzdem fanden die befragten Antiquare den Schätzpreis von 400.000 bis 600.000 Euro bereits optimistisch. 

Zum Vergleich kann nur ein bei Christie’s in Amsterdam am 10. Mai 2005 versteigerter Machzor aus der gleichen Zeit herangezogen werden. Er war allerdings weniger reich illuminiert und erzielte 182.240 Euro, das heißt, weniger als ein Zehntel des jetzigen Zuschlags.

Hausse für Buchmalerei

Der deutsche Antiquar Jörn Günther, neuerdings in Basel tätig, fragt sich, wieso in Paris derzeit illuminierte Manuskripte so hoch bewertet werden. Am 27. April kam  ein Pariser Stundenbuch („Livre d'heures à l'usage de Paris“) von zirka 1420-1440 mit 530 Blättern, das angeblich unkomplett war, im Hôtel Drouot unter den Hammer von Auktionator Alexandre Millon. Er schlug es für  mehr als 2 Millionen Euro brutto zu. Auch dieses illuminierte Stundenbuch auf Pergament, das aus der Sammlung Jean André Hachette stammte, sei viel zu teuer, meinen die spezialisierten Antiquare. „Was ist derzeit los in Paris, dass die Preise so hochschnellen?“ fragen sie sich.

Von

Olga Grimm-Weissert

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