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02.02.2009

09:00 Uhr

Buchrezension

Pflichtlektüre für US-Diplomaten in der Ära Obama

VonEwald Stein

Vom Reich des Schahs zum „Schurkenstaat“: Der Pulitzer-Preisträger Stephen Kinzer schreibt über Amerikas Verhältnis zum Iran. Im Fokus steht das Jahr 1953. Amerika und die Briten betreiben den Sturz des ersten demokratisch gewählten Premiers des Iran.

DÜSSELDORF. „Spektakulär, epochal, mutig, riskant“: Mit solchen Vokabeln würdigt das internationale Publikum gerade Barack Obamas Offerte zum Dialog zwischen seinem Land und den Muslimen. Denn dass ein neuer US-Präsident sein erstes offizielles Interview ausgerechnet einem Journalisten eines arabischen TV-Senders gewährt, das hat schon was.

Diese Taktik basiert sicher auf nüchterner politischer Kalkulation. Sie ist aber, so darf man jedenfalls hoffen, kaum weniger auch von Emotionen geprägt, die in Obamas multikultureller Vita zu suchen sind. Seine in Washington so fulminant gestartete Riege soll – und muss – aus ureigenstem politischem, ökonomischem, nicht zuletzt auch ethisch-moralischem Interesse Amerikas Image im Nahen Osten nicht nur oberflächlich polieren, sondern gründlich restaurieren.

Stephen Kinzer konzentriert sich in seinem Buch auf Amerikas Verhältnis zu Iran. Er stellt die Frage, warum dieses Land letztlich auf George W. Bushs „Achse des Bösen“ eingereiht, mit dem in vielen radikal-islamischen Zirkeln heute als Orden interpretierten Prädikat „Schurkenstaat“ dekoriert wurde. Im Fokus steht das Jahr 1953: Die Geheimdienste der Amerikaner und der – damals wie heute – treu ihre Flanke stützenden Briten betrieben zielstrebig den Sturz des ersten demokratisch gewählten Premiers Mohammed Mossadegh.

Ihnen und vielen anderen im Westen, darunter auch die Bundesrepublik, galt nur Schah Reza Pahlevi als Garant ihrer individuellen Interessen: einer giftigen Mixtur aus strategischem Übermut und wirtschaftlicher Dominanz, will heißen die langfristige Kontrolle über die dortigen Ölreserven.

Der in Chicago lebende Pulitzer-Preisträger Kinzer, der aus über 40 Ländern für den „Boston Globe“ und dann für die „New York Times“ berichtete, durchleuchtet akribisch nicht nur die fragwürdigen Methoden, mit denen die Macht des Schahs abgesichert wurde, sondern auch, welche Folgen deren brutaler Missbrauch zeitigte. Die Frage, ob eine Regierung unter Mossadegh letztlich Ende der 70er-Jahre ein Abgleiten Irans in den Islamismus hätte verhindern können, vermag Kinzer natürlich nicht zu beantworten. Aber er kann doch nachvollziehbar erklären, welche Reaktionen die Intervention der amerikanischen und britischen Geheimdienste in Iran fast zwangsläufig auslösen musste: tiefes Misstrauen, verletzter Stolz, das Empfinden von Schmach eines alten Kulturvolkes. Dass solche Wut einem Ajatollah Chomeini den Weg bereiten musste, ist fast eine logische Konsequenz. Insofern sollte das Buch gerade jenen, die nun die US-Diplomatie bestimmen werden, als Pflichtlektüre empfohlen werden. Denn bereits Kinzers 2007 erschienenes Buch „Putsch“, mit dem er die US-Interventionspolitik seit Ende des 19. Jahrhunderts vor den Röntgenschirm stellt, lehrt: Fast alle bislang 13 Versuche, ausländische Regierungen aus ideologischen oder ökonomischen Gründen mit martialischen Methoden zu beseitigen, bescherten auf längere Sicht höchst selten den erwünschten Erfolg. Iran ist keine Ausnahme. Als der ranghohe CIA-Agent Kermit Roosevelt, ein Sprössling der Präsidentendynastie Roosevelt, 1953 dem wieder inthronisierten Schah seine Aufwartung machte, wurde laut Kinzer Wodka serviert. Beide erhoben ihr Glas, tranken auf ihren Triumph.Der Kater wirkt bis heute nach.

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