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20.04.2017

13:48 Uhr

Buchtipp: Der diskrete Charme der Bürokratie

Liebeserklärung an Europa

VonKathrin Witsch

Populisten wollen die EU lieber heute als morgen abwickeln. Der Autor Andre Wilkens hält mit Habermas und Popper dagegen. Herausgekommen ist ein kluges Plädoyer für die vermeintliche Monsterbehörde.

Der Blick auf einen Kontinent - und ein umstrittenes politisches Projekt. dpa

Europa

Der Blick auf einen Kontinent - und ein umstrittenes politisches Projekt.

DüsseldorfWer im Januar mitbekam, wie die führenden Rechtspopulisten Europas mit wehenden Fahnen ihrer jeweiligen Länder auf ihrem ersten gemeinsamen Treffen in Koblenz auf die Bühne zogen, bekam das Gefühl, dass die einst als Ideal der offenen Gesellschaft gefeierte Idee Europa kurz vor dem Untergang steht. So düster war das Bild des Kontinents, das Nationalisten wie Marine Le Pen, Geert Wilders oder Frauke Petry in ihren Reden zeichneten.

Und es stimmt ja, Europa steckt in einer tiefen Krise. Der Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union ist bisher ihr stärkster Ausdruck. Aber auch der Sieg Donald Trumps bei den Präsidentschaftswahlen in den USA stärkt ein kurzsichtiges Denken verunsicherter Europäer, die die Illusion einfacher Lösungen für komplizierte gesellschaftliche Probleme dankend annehmen.

Verbrämt als die scheinbar neu entdeckte Vision eines Europas der Nationen, frönen viele einem tribalen Egoismus statt dem gemeinsam europäischen Gedanken.

Ob in Österreich, Polen, Frankreich oder Deutschland – Populisten sind europaweit auf dem Vormarsch.

Und in all diesem Chaos taucht plötzlich das Buch „Der diskrete Charme der Bürokratie“ auf. Gerade jetzt, wo Europa an seine Grenzen zu kommen scheint, schreibt der gebürtige Ost-Berliner Andre Wilkens ein flammendes Plädoyer für das gefürchtete Brüsseler Bürokratiemonster?

Genau das hat sich der studierte Politikwissenschaftler und ehemalige EU-Mitarbeiter anscheinend zur Aufgabe gemacht. Dabei steckt in diesem Buch so viel mehr, als der Titel erahnen lässt.

Nicht abstrakt, sondern selbst erlebt, verwebt Wilkens sein Studium in London, die Arbeit in Brüssel und das Leben in Italien mit den großen europapolitischen Fragen um die Flüchtlingskrise, Grenzen und die Währungsunion. Wer jetzt allerdings eine blinde Liebesbekundung an die EU erwartet, wird gehörig enttäuscht.

Denn Wilkens wirft, anders als sich anfangs vermuten lässt, einen zutiefst kritischen Blick hinter die bröckelnde Fassade der zweifelnden europäischen Gesellschaft. Das tut er allerdings mit einer so angenehm lockeren Schreibweise, dass die Schwere des Themas dem Leser kaum auffällt.

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