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11.02.2017

17:22 Uhr

Buchtipp „Kraft“

Verzweifelt im Valley

VonAntje Korsmeier

Eigentlich ist Richard Kraft überzeugter Neoliberaler. Doch als der Professor für einen TED-Talk ins Silicon Valley kommt, überfordert ihn der skrupellose Hurra-Kapitalismus. Eine herrliche Satire von Jonas Lüscher.

Der Silicon-Valley-Investor fiel zuletzt vor allem durch seine enge Verbindung zum neuen US-Präsidenten Donald Trump auf. AP

Peter Thiel

Der Silicon-Valley-Investor fiel zuletzt vor allem durch seine enge Verbindung zum neuen US-Präsidenten Donald Trump auf.

Nie ist es einfach, nie und nichts! Diese Allerweltsweisheit begleitet den Mittfünfziger Richard Kraft durchs Leben, das ihn für zwei Wochen nach Kalifornien verschlagen hat. Dort nimmt er auf Anregung seines Studienfreundes Ivan an einem Wettbewerb im Stil der TED-Konferenzen teil, in dem er begründen soll, dass alles, was ist, gut ist.

Und noch verbessert werden kann. Als Preisgeld winkt eine Million Dollar, ausgesetzt von Tobias Erkner, einem Venture-Capital-Hai mit Milchbubi-Gesicht. Kraft braucht das Geld, will sich damit aus seiner gescheiterten Ehe befreien.

Doch der Rhetorikprofessor, der sonst alles und jeden an die Wand argumentiert, tut sich schwer mit der Aufgabe. Als Studenten waren er und Ivan im Berlin der achtziger Jahre glühende Anhänger von Reaganomics und Thatcherismus: Deregulierung, Privatisierung, Steuersenkungen – das war sexy! Den Beginn der Ära Kohl feierten sie euphorisch.

„Spiegel“-Bestseller Sachbuch

Platz 1

Eckart von Hirschhausen
Wunder wirken Wunder
Rowohlt, Euro 19,95

Stand: 04.03.2017

Platz 2

Roger Willemsen
Wer wir waren
S. Fischer, Euro 12,00

Platz 3

Cameron Bloom
Penguin Bloom
Knaus, Euro 19,99

Platz 4

Peter Wohlleben
Das geheime Leben der Bäume
Ludwig, Euro 19,99

Platz 5

Andrea Wulf
Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur
C. Bertelsmann, Euro 24,99

Platz 6

Yuval Noah Harari
Homo Deus
C.H. Beck, Euro 24,95

Platz 7

Christian Nürnberger und Petra Gerster
Der rebellische Mönch, die entlaufene Nonne und der größte Bestseller aller Zeiten
Gabriel, Euro 14,99

Platz 8

Michail Gorbatschow
Kommt endlich zur Vernunft - Nie wieder Krieg!
Benevento, Euro 7,00

Platz 9

Horst Lichter
Keine Zeit für Arschlöcher!
Gräfe und Unzer, Euro 16,99

Platz 10

Peter Wohlleben
Das Seelenleben der Tiere
Ludwig, Euro 19,99

Quelle: Im Auftrag des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ermittelt das Fachmagazin „buchreport“ wöchentlich die Bestsellerlisten durch elektronische Abfrage der Verkaufszahlen bei rund 450 Buchhändlern.

30 Jahre später muss der hochintelligente, aber nicht gerade lebenskluge Kraft im Silicon Valley feststellen, dass die Wirklichkeit ihn und seine mit allen philosophischen Wassern gewaschenen liberalen Ideale überholt hat. Daheim in Tübingen ein stolzer Early Adopter – „Kraft sieht es als eine Art Bürgerpflicht, mit dem Erwerb elektronischer Geräte die Volkswirtschaft zu stützen“ –, ist er im Land der Sonne „old Europe“.

Die Passagen, in denen Kraft auf Erkner und andere Vertreter der digitalen Ökonomie stößt, sind grandios. Durch deren Habitus im Kleinen und ihre Visionen im Großen nimmt Lüscher diese neuen Leistungsträger herrlich aufs Korn, entlarvt ihre Form von Ideologie. Wettbewerb? Ist für Loser. Die Zukunft gehört den Skrupellosen. Peter Thiel lässt grüßen.

„Literatur-Spiegel“-Bestseller

Platz 1

Jojo Moyes
Im Schatten das Licht
Rowohlt, Euro 14,99

Stand: 04.03.2017

Platz 2

Audrey Carlan
Trinity. Tödliche Liebe
Ullstein, Euro 12,99

Platz 3

Cilla und Rolf Börjlind
Schlaflied
btb, Euro 15,00

Platz 4

E.L. James
Shades of Grey. Befreite Lust
Goldmann, Euro 12,99

Platz 5

Daniel Speck
Bella Germania
Fischer, Euro 14,99

Platz 6

Tana French
Gefrorener Schrei
Fischer Scherz, Euro 16,99

Platz 7

Rita Falk
Weißwurstconnection
dtv, Euro 15,90

Platz 8

Stefan Ahnhem
Minus 18 Grad
List, Euro 16,99

Platz 9

Cixin Liu
Die drei Sonnen
Heyne, Euro 14,99

Platz 10

E.L. James
Shades of Grey. Geheimes Verlangen
Goldmann, Euro 12,99

Quelle: Im Auftrag des Magazins „Literatur-Spiegel“ ermittelt das Fachmagazin „buchreport“ wöchentlich die Bestsellerlisten durch elektronische Abfrage der Verkaufszahlen bei rund 450 Buchhändlern.

Lüscher schreibt elegant und mit Tempo, anspielungsreich, gewitzt, mit leichter Hand und doch dicht. Die Geschichte des Liberalismus wird ebenso thematisiert wie die Spielarten der Freiheit. Wie unterschiedlich sind doch das, wofür sich der aus Ungarn geflohene Ivan und Kraft als Studenten einsetzten, und die Freiheit der kalifornischen Neoliberalen! Und dann ist da noch jene Art von Freiheit, mit der sich Kraft in seiner Beziehung zu Frauen herumschlägt. Nie ist es einfach, nie und nichts.

Wie schon in seinem ersten Roman, dem Bestseller „Der Frühling der Barbaren“, gelingt es Jonas Lüscher hervorragend, gesellschaftliche Phänomene, die sich oftmals der Wahrnehmung entziehen oder schwer greifbar sind, am Schopfe zu packen und den Lesern näherzubringen. Dafür kombiniert er gefühlte Wahrheiten seiner Protagonisten mit deren teils liebevoller Karikatur aus Erzählersicht und der Beschreibung vermeintlich nebensächlicher Details.

„Spiegel“-Bestseller Belletristik

Platz 1

Martin Suter
Elefant
Diogenes, Euro 24,00

Stand: 04.03.2017

Platz 2

Elena Ferrante
Meine geniale Freundin
Suhrkamp, Euro 22,00

Platz 3

Elena Ferrante
Die Geschichte eines neuen Namens
Suhrkamp, Euro 25,00

Platz 4

Paul Auster
4 3 2 1
Rowohlt, Euro 29,95

Platz 5

Sebastian Fitzek
Das Paket
Droemer, Euro 19,99

Platz 6

Julian Barnes
Der Lärm der Zeit
Kiepenheuer und Witsch, Euro 20,00

Platz 7

Hanya Yanagihara
Ein wenig Leben
Hanser, Euro 28,00

Platz 8

T.C. Boyle
Die Terranauten
Hanser, Euro 26,00

Platz 9

Zsuzsa Bank
Schlafen werden wir später
S. Fischer, Euro 24,00

Platz 10

Joanne K. Rowling
Harry Potter und das verwunschene Kind
Carlsen, Euro 19,99

Quelle: Im Auftrag des Hamburger Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“ ermittelt das Fachmagazin „buchreport“ wöchentlich die Bestsellerlisten durch elektronische Abfrage der Verkaufszahlen bei rund 450 Buchhändlern.

Denn gesellschaftliche Zustände sind eben nicht das Resultat von rationaler Entwicklung, wirtschaftlicher Optimierung, historischem Fortschritt. Vielmehr speisen sich Visionen und Realitäten immer auch aus Umwegen, Zufällen, Gefühlen. Entlang seines feinnervigen Antihelden lotet Jonas Lüscher die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse der Gegenwart gekonnt aus. Zeigen statt benennen – das macht seit jeher gute Literatur aus.

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