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16.06.2017

09:02 Uhr

Buchtipp: Nach Gott

Der Aufstieg des Menschen zu höherer Gewalt

VonHans-Jürgen Jakobs

Peter Sloterdijk, philosophischer Unterhalter der Nation, geht den großen Fragen des Glaubens nach. Amtskirchen sieht er scheitern. Neue Herren der Schöpfung sind im heutigen Zeitalter Genies und Ingenieure.

„Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“ Imago

Peter Sloterdijk

„Attentate sind missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht.“

Der öffentliche Philosoph verbraucht und verzehrt Themen, er ist manchmal sogar Themenzermalmer. In dieser Gattung hat es Peter Sloterdijk zu einiger Prominenz gebracht. Er ist sozusagen der öffentlichste aller deutschen Philosophen, herausgefordert vielleicht von Richard David Precht, dem er schon mal Unschärfe in Formulierungen vorwirft. Sloterdijk aber, ein unterhaltsamer Themenvielfraß, hat sich zuletzt zu allem Möglichen geäußert, was die bunte Republik Deutschland bewegt: zur Gier des Fiskus, zum Orgasmus der Frauen, zum Wesen der Sozialdemokratie, zur Macht des Fußballs, natürlich auch zum Oligarchen Trump sowie zur „Überrollung“ Deutschlands durch Geflüchtete und zum „Lügenäther“ als Phänomen neben dem, was Pegida & Co. „Lügenpresse“ nennen.

In der Rolle des großen Rufers muss er sich geradezu zwangsläufig auch schon einmal des Beifalls von falscher Seite erwehren, in diesem Fall der Alternative für Deutschland (AfD). Der intellektuelle Sloterdijk ist nach eigenem Bekunden „linkskonservativ“, ganz sicher nicht rechtsaußenalternativ.

Philosophie pur

So gesehen bewegt sich der Professor der Karlsruher Hochschule für Gestaltung mit seinem neuen Opus im sicherem Heimatstadion der „Philosophie pur“. Es ist für die Akademien der Republik linkskonservativer Pflichtstoff, aber in die Boulevardzeitung und die Talkshows wird er es mit „Nach Gott“ wahrscheinlich nicht schaffen. Dafür ist das Thema zu sphärisch, die Sachlage zu kompliziert und der Stil an manchen Stellen ein wenig zu verschraubt. Aber der Schuster mit seiner großen Ahle bleibt zu seinem Siebzigsten – Sloterdijk wurde am 26. Juni 1947 geboren – bei seinen Leisten. Er fragt, warum wir Menschen hier sind und wohin wir danach gehen und ob da jemand über uns für uns zuständig ist oder ob wir alles am besten selbst erledigen.
Mehr „Sein“ geht nicht.

Diesem großen Thema geht Sloterdijk in zwei aktuellen Essays nach, denen eine Reihe älterer Werke folgen, wie er am Ende in einer „editorischen Notiz“ darlegt. Aus der ambitionierten Aufbereitung und Wiederaufbereitung folgt: Gott ist nicht einfach „tot“, wie Friedrich Nietzsche behauptet hat, er ist höchstens unsichtbar, und er ist auch nicht mehr alleine und hat wie viele Jahrhunderte lang ein angebetetes Monopol, sondern befindet sich nun in der verblassenden Gemeinschaft höherer Wesen. Marktwirtschaft und Liberalismus haben, wenn man so will, auch dieses Feld erobert. Es begann im Grunde in der Renaissance, als die Heiligen plötzlich ohne Heiligenschein gemalt wurden. Die Aura ist weg.

Der Mensch plädiert für die Unerschöpflichkeit der Zukunft

Kurzum: Es gilt der leuchtende Satz von der „Götterdämmerung“. Die Zukunft werde nicht mehr restlos in die Vergangenheit entleert, sondern der Mensch plädiere nunmehr für die Unerschöpflichkeit der Zukunft und damit gegen die Existenz eines allwissenden Gottes, so Sloterdijk. Das ist die Ortsbestimmung, die er immer wieder vornimmt, ein Abgesang auf den Monotheismus, der alle Einzelnen zu „Charaktermasken Gottes“ mache.
Die Konsequenzen sind im Alltag zu spüren. In der modernen Welt „gibt ein Gott vom Typus Allah eine unmögliche Figur“ ab, formuliert Sloterdijk, der sich selbst eine gewisse „protestantische Musikalität“ attestiert hat. Der Terror der Islamisten innerhalb und außerhalb des „Hauses des Islam“ stelle die „Vollzugsform der Allah-Dämmerung dar“, glaubt er, Attentate seien „missratene Beweise eines Gottes, der die Welt nicht mehr versteht“. So ist das Wirken der IS-Milizen noch nie analysiert worden.
Wie kann das mit Allah auch anders sein, wenn nicht mehr Gott alleiniger Schöpfer ist, sondern in der Logik des Professors auch Natur und Mensch diese Funktion übernehmen. Hier agiert kein Menschlein mehr, der seine Anweisungen von oben bekommt, sondern ein voll ausgerüstetes Individuum, das seine Kreativität in Kunst, Wissenschaft und Technik beweist: „Wo Götter waren, sollen Menschen werden.“ Sloterdijk sieht überall Genies und Ingenieure aufsteigen „zu einer Elite neuen Typs“, man lebe nun mal nicht mehr vor oder nach Gott, sondern „vor oder nach Kolumbus, vor oder nach Tizian, vor oder nach Kant, vor oder nach Siemens“.

Die Zivilisation erzeugt viel Kunstlicht

Joe Kaeser, der als CEO das Erbe des 1847 im Berliner Hinterhof gegründeten Unternehmens von Werner von Siemens verwaltet, darf sich erkannt und geschmeichelt fühlen.

Gottes Licht erscheint in der Sicht des Karlsruher Philosophens fahl, weil Zivilisation und Medienbetrieb auf einmal, ganz schöpferisch, viel Kunstlicht erzeugen und dabei „Coolness“ beweisen. Die „Apparatkirchen“ jedoch hätten inzwischen „eher subkulturellen Charakter angenommen“, sie seien nur ein System von vielen, wichtig und nützlich vielleicht, aber nicht mehr bestimmend – alles in allem „vorwiegend Filteranlagen für Eigennachwuchs“ oder auch „Unternehmen zur Selbstverwaltung der Melancholie über die Unmöglichkeit von Kirche“, an Mitteln und Medien aber längst den „politischen Bemutterungsagenturen“ unterlegen. Der Untergang Roms vollziehe sich, so scheint es Sloterdijk, zweimal – einst beim Römischen Imperium als Tragödie, nun im Fall des Vatikans als Farce.

Nach Gott – Glaubens- und Unglaubensversuche. Suhrkamp 2017, 367 Seiten, 28 Euro.

Peter Sloterdijk

Nach Gott – Glaubens- und Unglaubensversuche. Suhrkamp 2017, 367 Seiten, 28 Euro.

Das ist starker Tobak, manchmal nahe an der Satire. Doch Peter Sloterdijk, einmal in Fahrt, diagnostiziert noch mehr: eine Seelendämmerung sowie – qua Roboterisierung und Automatisierung – eine Intelligenzdämmerung. In deren Verlauf würden zahlreiche Leistungen des menschlichen Geistes mehr und mehr auf die „zweite Maschine“ übertragen werden. Die Folgen des „immer rascheren Abfließens von Menschenreflexionen in Maschinenreflexionen“ seien unabsehbar. Schon gingen viele Koryphäen dazu über, ihre spirituellen Sorgen in der Vision von der Überwältigung der Menschen durch ihre digitalen Golems auszudrücken. Vielleicht werden wir ja bald wieder zwischen Gott und Götze unterscheiden.

Die neuen Götzen?

Hier, wo es richtig interessant werden könnte, bricht der Autor leider ab. Was folgt en détail aus der angeblich neuen, zweiten Schöpfungswoche, die wir in der Modernen erleben, die des Menschen nämlich, der übernimmt, nachdem Gott sich ausgeruht hat und Adam und Eva das Paradies verlassen haben, es also zum „Sündenfall“ gekommen ist?

„Nach Siemens“, das bedeutet zum Beispiel Digitalisierung und Globalisierung. Sind Bill Gates, Mark Zuckerberg und Larry Page mit ihren Heilsversprechen und ihren völkerverbindenden Plattformen und Gemeinden („Communities“) die neuen Götzen? Oder ist es ein Warren Buffett oder ein Larry Fink mit der Botschaft, das Geld arbeite rund um den Globus für alle, man müsse „Asset Management“ nur frei gewähren lassen? Und was ist mit den Fußballklubs und ihren Stammesritualen und Schamanen, die sich Präsident oder Vorstandsvorsitzender oder Coach nennen, und die inzwischen das Tischgespräch bestimmen, das immer seltener ohne Tischgebet auskommt?

Feldzug der Unzufriedenen

Sloterdijk bleibt, wo tiefere Soziologie vonnöten wäre, im Ungefähren der lustvollen Beschreibung der „theopoetischen Menschen“ und ihrer höheren Mächte. An einer Stelle allerdings raunt er von der „Hetzmeute“ (Elias Canetti), die auf die Liquidierung von Natur- und Talentadel setze – „in der Endphase dieses Prozesses leben wir heute“. Er beschreibt einen „Egalitarismus“. Wir dürften nicht mehr „in Höher oder Tiefer, in Besser oder Schlechter“ einteilen, sondern müssten die Menschen als Wesen beschreiben, die sich nur noch in der Horizontalen unterscheiden, „nicht mehr dem Rang oder gar der existenziellen Wertigkeit nach“. Das Lamento passt weder zu seiner Lobpreisung der aufsteigenden Genies und Ingenieure noch zur Realität mit ihren charismatischen Agenten des Wandels, siehe Emmanuel Macron. Entweder die Menschen können ernst machen mit der neuen Schöpfungsidee, wie Sloterdijk sie verbreitet, oder sie sind doch eher ein Haufen von Tölpeln und Neidern, was in der Konsequenz vielleicht eher für die moralische Autorität anderer Instanzen sprechen würde, zum Beispiel der von Kirchen.

Auch führt Sloterdijk einmal aus, dass es im „Konfessionskrieg unserer Tage“ einen Aufstand der Massenkultur gegen die Hochkultur gäbe, „der sich als Feldzug der Unzufriedenen gegen die ,Eliten‘ maskiert“. Die neue Schöpfungs-Euphorie kommt hier als Eliteprojekt rüber, der es an Anerkennung fehle. Der gestalterische Optimismus, den Sloterdijk als Grundton anschlägt, scheint flankiert vom nagenden Misstrauen, ob denn auch wirklich genügend Menschen mit der „Götter-Dämmerung“ umgehen können.
Wo eine differenzierte Theorie des Nach-Gott-Seins nötig wäre, liefert der Autor in seinem Sammelband wunderschöne Fragmente, die Fragen offen lassen. Das gilt auch für die Eugenik, die geregelte menschliche Fortpflanzung, die Sloterdijk als „legitimstes Kind der Aufklärung“ lobt, ohne auf Vorbehalte einzugehen. Aufklärung votiere hier wie überall für mehr Licht. Er zitiert Platon, wonach die Partnerwahl mit offenen Augen erfolgen solle.

Die Amerikanisierung des Religiösen

Eine wirkliche Offenbarung ist Sloterdijks philosophisches Patchwork nicht. Die Anstrengung lohnt dennoch. Er ermöglicht eine anregende Wanderung durch 2 500 Jahre Kultur- und Geistesgeschichte, die Jaspers, Kierkegaard, Heidegger und die „jesuanische Ekstatik“ einschließt. Die frühchristliche Gnosis, die aufs Einzelerleben Gottes setzte, sowie die Ideen einige Ketzer wie Margareta Poreta im 13./14. Jahrhundert („Spiegel der einfachen Seelen“) haben es Sloterdijk besonders angetan. Die inneren Strukturen der „Affaire zwischen Gott und Seele“ faszinieren ihn; Poreta bezeichnet er als eine der „mystischen Mütter der Liberalität“. Und vor allem preist der Autor, der selbst zwischen den Zeilen mehr oder weniger offen als Mystiker erkennbar wird, einen Harvard-Professor: William James.

Der US-Philosoph trat vor mehr als 100 Jahren für eine Individualisierung der Religiosität ein, also für einen Götterpluralismus. Das Interesse an Religion ersetze die Religion selbst, befand er. In einer Welt, die alles erforscht und prüft, sei Individualreligion „die adäquate Form“ der Beziehung zum Übersinnlichen, schlussfolgert Sloterdijk. Diese „Amerikanisierung des Religiösen“ passe zum technischen Zeitalter. Er sieht Religion gewissermaßen heilpraktisch als „Vitamin, mentale Diät, Antidepressivum und Herztonikum“, als „Faktor einer umfassenden Selbstmedikation und Selbstmission“. Sie überwinde den Schmerz, ein Mensch zu sein. Begeistert zitiert er James, wonach ein Held ist, wer sich täglich aufrafft, sich zu seiner Chance zu bekennen.
Philosophen sind Experten für Selbstgespräche, die öffentlich werden. Das ist Sloterdijks Chance. Augenscheinlich redet er mit sich selbst am liebsten über die neue Freiheit der Religion und mit anderen notgedrungen über Tagesfechtereien wie die Asylfrage oder die Trump-Frage. Sein Fazit: Der moderne Mensch will die höhere Gewalt nicht erleiden, er will selbst die höhere Gewalt sein.

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