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16.07.2017

13:54 Uhr

Buchtipp: Unter Profis

Berauscht in einer Tour

VonCorinna Nohn

Seit jeher bestimmen wirtschaftliche Interessen das Schicksal der Tour de France. „Doping ist Business“, heißt es denn auch in der schonungslosen und exzessgeladenen Biografie des früheren Radprofis Thomas Dekker.

Die berühmten Serpentinen von L'Alpe d'Huez gehören zu den Radsportmonumenten der Tour de France — und sind ein Mythos für sich.. dpa

L'Alpe d'Huez

Die berühmten Serpentinen von L'Alpe d'Huez gehören zu den Radsportmonumenten der Tour de France — und sind ein Mythos für sich..

DüsseldorfUnerschwingliche Höhen. Unbeschreibliche Abgründe. Unmenschliche Leistungen. Das ist das Spannungsfeld, in dem sich die Tour de France auch 2017, in ihrem 115. Jahr, bewegt. Der Kontrast zwischen der Schönheit erhabener Pyrenäenpässe und den schmerzverzerrten Gesichtern jener, die sich dort hinaufquälen, gehört ebenso dazu wie der Raum für Spekulationen und Legenden, der sich aus den Gegensätzen ergibt.

Gleichzeitig ist der Mythos der Tour ohne die wirtschaftlichen Interessen im Hintergrund nicht zu verstehen.

Doping als Business

Das zeigt sich auf banalste Weise beim Thema Doping: „Doping ist Business“, heißt es dazu in der Biografie des früheren niederländischen Radprofis Thomas Dekker, die gerade auf Deutsch erschienen ist. Dekker, Jahrgang 1984, fährt als Jungprofi Siege so mühelos ein, dass er schon mit Anfang 20 als der lang herbeigesehnte künftige niederländische Tour-Sieger gilt.

Selbstherrlichkeit und maßloser Ehrgeiz ergänzen sein außergewöhnliches Talent, bald ist er süchtig nach Siegen – und ordnet alles dem Traum vom Millionengehalt unter. Wozu bräuchte er einen Schulabschluss? Und warum das Rennen aufgeben, nur weil er stürzt und sich fünf Zähne ausschlägt?

Tour de France 2017: So viel Preisgeld bringen die Trikots

Radsport-Spektakel

Vor rund einer Million Zuschauern startete am 1. Juli 2017 die Tour de France in Düsseldorf. Tony Martin träumt vom ersten Gelben Trikot, Chris Froome vom Gesamtsieg. Was das dreiwöchige Spektakel den Fahrern finanziell einbringen könnte.

Quelle: Procycling, Offizielles Programm-Magazin Tour de France 2017

Weißes Trikot

Das weiße Trikot belohnt den bestplatzierten Fahrer in der Gesamtwertung, der in diesem Jahr 25 oder jünger ist. Preis: 20.000 Euro für den, der es zum Schluss trägt.

Gepunktetes Trikot

Das gepunktete Trikot trägt der Führende in der Bergwertung. Punkte werden auf dem Gipfel alle kategorisierten Anstiege vergeben. Doppelte Punkte gibt es im Ziel der 18. Etappe auf der Passhöhe des Izoard.

Grünes Trikot

Das grüne Trikot trägt der Führende in der Punktewertung. Punkte gibt es bei den Zwischensprints, die auf den Straßenetappen ausgetragen werden, und im Ziel jeder Etappe. Preis: 25.000 Euro für den, der es zum Schluss trägt.

Gelbes Trikot

Das gelbe Trikot kennzeichnet den jeweils Führenden in der Gesamt-Einzelwertung. Preis: 500.000 Euro für den, der es zum Schluss trägt. Traditionell teilt der Gewinner seine Börse mit den übrigen Teammitgliedern die ihm für den Sieg zuarbeiten – und wie die meisten Fahrer mit deutlich geringeren Preisgeldern rechnen müssen.

Trikot-Verteidigung

Jeder Tag im gelben Trikot bringt einem Fahrer 500 Euro extra. Alle übrigen Trikots bringen ihrem Träger einen Bonus von 300 Euro ein.

Etappensiege und Platzierungen

Für einen Etappensieg erhält ein Fahrer 11.000 Euro. Auch die Plätze zwei bis 20 bringen den Fahrern noch Geld ein. Im Überblick:

Platz 2: 11.000 Euro, Platz 3: 5.500 Euro, Platz 4: 2.800, Platz 5: 1.500 Euro, Platz 6: 830 Euro, Platz 7: 780 Euro, Platz 8: 730 Euro, Platz 9: 670 Euro, Platz 10: 650 Euro, Platz 11: 600 Euro, Platz 12: 540 Euro, Platz 13: 470 Euro, Platz 14: 440 Euro, Platz 15: 340 Euro. Die Plätze 15 bis 20 bringen einem Fahrer einen Bonus von 300 Euro.

Combatif und Super Combatif

Nach jeder Etappe erhält der Combatif, der kämpferischste Fahrer, eine Prämie von 2000 Euro. Den „Prix de la Combativité“ vergibt eine Jury aus Journalisten, Ex-Profis und Vertretern des Rennveranstalters. Am Ende der Tour wird noch der „Super Combatif“ gewählt, der kämpferischste Fahrer des gesamten Rennens, er erhält eine Prämie von 20.000 Euro. Wer unterwegs bester Kämpfer wird, erhält am nächsten Tag eine rote Startnummer.

Sieger der Mannschaftswertung

Für den Gesamtsieg in der Mannschaftswertung erhält ein Team 50.000 Euro. Für die Teamwertung werden die Zeiten der drei bestplatzierten Fahrer pro Mannschaft einer Etappe addiert – sobald eine Mannschaft weniger als drei Fahrer an den Start einer Etappe bringt, wird sie aus der Wertung gestrichen. Die Fahrer des führenden Teams tragen eine gelbe Stratnummer.

Klettern lohnt sich

Fünf Bergkategorien kennt die Tour, der jeweils erste Gipfelstürmer der sie bezwingt kassiert, abhängig vom Schwierigkeitsgrad:

hors catégorie, der höchste Schwierigkeitsgrad: 800 Euro

Kategorie eins: 650 Euro

Kategorie zwei: 500 Euro

Kategorie drei: 300 Euro

Kategorie vier: 200 Euro

Am meisten aber gewinnt der Fahrer, der als Erster den Col du Galibier, den höchsten Berg der diesjährigen Tour, bezwingt. Sein Lohn: das Souvenir Henri Desgrange und 5000 Euro.

Vielleicht überrascht es nicht, dass Dekker, dessen Mutter Bademeisterin und dessen Vater Gepäckträger am Amsterdamer Flughafen ist, anfällig war für Doping. Auch haben schon andere Radsportidole ihre Sünden in Büchern gebeichtet. Doch Dekkers schonungslose Darstellung seiner Zeit beim niederländischen Team Rabobank liest sich wie ein Krimi und ist außergewöhnlich.

Teambuilding im Bordell

Die Welt, die Dekker und sein Co-Autor, Radsportkenner Thijs Zonneveld, schildern, ist extrem erfolgsorientiert und exzessgeladen, irgendwo zwischen Gruselkabinett und „Wolf of Wallstreet“ zu verorten.

Da trainiert die von der niederländischen Vorzeigebank finanzierte Radsportelite bis zur Besinnungslosigkeit, versackt aber nach Etappensiegen beim Saufgelage, marschiert zum Teambuilding ins Bordell, fährt Porsche – und verspritzt vor wichtigen Rennen beim Hantieren mit der Spritze an den Adern das eigene Blut im Hotelbad.

Der frühere Rabobank-Fahrer über seine frühe Begeisterung für den Radsport: „Es war ganz anders als Eislaufen oder Fußball. Es war rauer, heroischer. [...] Im Vergleich zu Radrennen waren alle anderen Sportarten nur ein Spiel. dpa

Ex-Profi und Ex-Doper Thomas Dekker

Der frühere Rabobank-Fahrer über seine frühe Begeisterung für den Radsport: „Es war ganz anders als Eislaufen oder Fußball. Es war rauer, heroischer. [...] Im Vergleich zu Radrennen waren alle anderen Sportarten nur ein Spiel.

Eindrücklich offenbart sich die Geschäftsmäßigkeit, mit der betrogen wird, wenn sich Dekker das erste Mal vom spanischen Dopingarzt Eufemiano Fuentes Blut in einem Hotelzimmer abzapfen lässt. Er ist da 21 Jahre alt und wird zur Nummer: 24. Das gut inszenierte Drama muss in der Katastrophe münden – körperlicher Burn-out, zerstörter Kindheitstraum und Dopingsperre inklusive.

„Unter Profis“ wirbt nicht um Verständnis, es ist kein Buch der Reue, und doch tut sich darin ein Lichtblick auf: Denn Dekker, der nach seiner Sperre 2011 ein Comeback versuchte, schildert auch das Misstrauen und die Extraauflagen, die ihn als Ex-Doper trafen. Und wie neue, ernsthafte Kollegen jetzt auch ohne Doping siegen.

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