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09.05.2011

15:08 Uhr

Carlfriedrich Claus

Bilder aus mikrofeinem Schriftgewitter  

VonMichael Zajonz

Carlfriedrich Claus war einer der unabhängigsten Künstler in der DDR. Bis heute ist sein Werk nur Eingeweihten bekannt. Kunstsammler bekommen schon für kleine Beträge außerordentliche, experimentelle Kunst- wie einen Blick auf seinen Markt zeigt.

Carlfriedrich Claus: Fernwirkungen des Russischen Oktober, Geschichtsphilosophisches Kombinat, Blatt 14, 1963 (Ausschnitt). Quelle: Ku-Sa.Chemnitz, VG Bildkunst

Carlfriedrich Claus: Fernwirkungen des Russischen Oktober, Geschichtsphilosophisches Kombinat, Blatt 14, 1963 (Ausschnitt).

BerlinWas hätte nicht alles aus ihm werden können – ganz leicht, ohne all die Plackereien und Exerzitien, die er sich zugemutet hat. Ein guter Fotograf zum Beispiel, gediegen eingebettet in die Tradition der klassischen Moderne. Carlfriedrich Claus (1930-1998) wurde nicht Fotograf, sondern Lautpoet und Konzeptkünstler. Der 1998 in Chemnitz viel zu früh verstorbene Universalist aus Berufung wählte zeitlebens den unbequemen, schweren Weg. Das Glück verwöhnte diesen bescheidenen Mann, dem man gewünscht hätte, Joseph Beuys kennenzulernen, erst ganz am Ende seines Lebens ein wenig.

Neue Seiten im Werk

Das bereits zu Lebzeiten in den Kunstsammlungen Chemnitz platzierte künstlerische Archiv von Claus gibt immer wieder Überraschendes preis. Nun bieten Brigitta Milde und Matthias Flügge mit ihrer Carlfriedrich-Claus-Ausstellung „Geschrieben in Nachtmeer“ in der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz nicht nur einen repräsentativen Werküberblick, sondern auch Kennern frischen Stoff. Neben späten Filmaufnahmen – Claus beidhändig zeichnend auf den beiden Seiten einer Glasplatte – sind es vor allem akustische Experimente wie der rekonstruierte Lautprozess-Raum von 1995 und seine erstmals gezeigten frühen Fotos, die bislang wenig beachtete Seiten des Künstlers vorstellen.

In kleinformatigen Schwarz-Weiß-Aufnahmen verknappt Claus Anfang der 50er-Jahre elementare Natureindrücke durch Drehungen um 90 oder 180 Grad zu autonomen Versuchsanordnungen. Als Claus 1957 intensiv zu zeichnen beginnt, verliert er an seinen fotografischen Experimenten das Interesse. Nun setzt die Beschäftigung mit den „Sprachblättern“ ein, beidseitig auf Transparentpapier komponierten Zeichnungen, die Gedankenströme und Textflüsse in skriptural-bildnerische Strukturen übersetzen. Parallel dazu entsteht ein umfangreiches druckgrafisches Oeuvre mit stark experimentellen Zügen. Exemplarisch breitet die Ausstellung die wunderbare, 1977 von Rudolf Mayer im Dresdner Verlag der Kunst herausgegebene Radierungsmappe „Aurora“ aus – einschließlich einiger rarer Probe- und Zustandsdrucke aus dem Besitz des Chemnitzer Künstlers Thomas Ranft, der das Auflagenwerk damals für Claus gedruckt hat.

Großer Rang – kleine Fangemeinde

Obwohl er im Todesjahr 1998 noch den ins dreidimensionale übersetzten Aurora-Experimentalraum in der Wandelhalle des Berliner Reichstagsgebäudes installiert sehen konnte, ist Claus – gemessen an seinem künstlerischen Rang – bis heute erstaunlich unbekannt geblieben. Ohne Nachfolge sowieso. Der zu DDR-Zeiten in selbst gewähltem Einsiedlertum in Annaberg im Erzgebirge lebende Künstler war ein Monolith des 20. Jahrhunderts. Von der Stasi überwacht, korrespondierte er über den Eisernen Vorhang hinweg mit Ernst Bloch, Franz Mon und Raoul Haussmann. Im Gegensatz zu den Funktionären, die ihm das Leben schwer machten, hatte er seinen Marx und Bloch, die Kabbala oder Carl Friedrich von Weizsäcker gelesen. Mehr noch: in nächtlichen Seancen Satz für Satz auseinandergenommen.

Carlfriedrich Claus: Ausblick, Geschichtsphilosophisches Kombinat, Blatt 18, 1963 (Ausschnitt). Quelle: KuSa Chemnitz, VG Bild-Kunst

Carlfriedrich Claus: Ausblick, Geschichtsphilosophisches Kombinat, Blatt 18, 1963 (Ausschnitt).

Die Kunst von Carlfriedrich Claus ist für ihn selbst nur Mittel zum Zweck. Sie hat in guter Marxscher Dialektik die „Naturalisierung des Menschen und die Humanisierung der Natur“ voranzutreiben, und ist ohne mäandernde Lektüreerlebnisse und philosophischen Überbau undenkbar. Ein weites Feld: spröde und intellektuell höchst anspruchsvoll – und in den meist kleinformatigen Zeichnungen und Druckgrafiken mit ihren mikrofeinen Schriftgewittern oft kaum wiederzufinden. Schwer verdaulich auch für den westlichen Kunstmarkt. Maueröffnung und kurzer Ostkunst-Hype Anfang der 90er-Jahre haben Claus nicht mehr viel genützt.

Der Künstler und sein Markt

Der Berliner Kunsthändler Gunar Barthel www.barthel-tetzner.de hat Claus in den späten 70er Jahren als Leiter der Chemnitzer Galerie oben kennengelernt. Barthel und sein Geschäftspartner Tobias Tetzner verfügen über die umfangreichste Sammlung von Claus-Graphik, -Archivalien und -Filmen in privater Hand. Als langjähriger Marktbeobachter resümiert er die Bewertung von Claus: „Das ist ein sehr spezieller und kleiner Markt. Die Sammler von Claus sind weniger an Kunst aus der DDR als an den intellektuellen und philosophischen Hintergründen seiner Arbeiten interessiert.“ Auch Ekkehard Hellwich, Gründer und Seniorchef der Ostdeutschen Kunstauktionen in Berlin, www.ostdeutsche-kunstauktionen.de  weiß: „Das sind außerordentlich gebildete Leute“.

Hellwich erinnert sich, dass die Preise für Arbeiten von Claus – auch für Druckgraphik – Anfang der 90er Jahre „enorm hoch“ waren, nach dessen Tod jedoch „ziemlich nach unten gegangen“ sind. Nun stabilisieren sie sich langsam wieder. Eine Mitschuld am Preisverfall trug womöglich der Künstler selbst, der nach der Wiedervereinigung einige Blätter mit dreistelliger Auflagenhöhe – so für die Hamburger Griffelkunst – in Umlauf brachte. Gute druckgraphische Blätter bewertet der Auktionator Hellwich zwischen 250 und 600 Euro, bei Barthel und Tetzner kosten Auflagendrucke zwischen 750 und 1400 Euro. Etwa das Doppelte ist für Probe- und Experimentaldrucke mit unikatem Charakter zu bezahlen.

Auf ihrer diesjährigen Frühjahrsauktion am 7. Mai bot das Berliner Auktionshaus Dr. Irene Lehr wwww.lehr-kunstauktionen.de zwei in Claus’ Oeuvre zentrale Graphikmappen an: Die auch in der Ausstellung präsentierte Mappe „Aurora“ (40er Auflage, Taxe 4000 Euro) erzielte ohne Aufgeld 5.700 Euro. „Aggregat K“ von 1986/88 (Exemplar 39/50, Taxe 3.500 Euro) ließ sich zu 4.600 Euro versteigern.

Zeichnungen verschenkt

Äußerst selten am Markt zu haben sind Zeichnungen, die Claus zu Lebzeiten nicht verkauft, sondern höchstens – oft mit persönlicher Widmung – an Freunde und Kollegen verschenkt hat. Für ein bedeutendes Sprachblatt von 1966 erwarten Barthel und Tetzner 45.000 Euro, kleinere Arbeiten sind schon für weniger als 10.000 zu haben.

 

 

„Carlfriedrich Claus: Geschrieben in Nachtmeer“.

Akademie der Künste, Berlin, Pariser Platz 4,

bis 5. Juni 2011, danach im Kunsthaus Zug sowie im Leonhardi Museum Dresden. Das Ausstellungsmagazin kostet 8 Euro.

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