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10.03.2012

14:22 Uhr

Cindy Sherman

Aufschlussreiches Frühwerk

VonChristiane Fricke

Der Energieversorger Verbund besitzt eine ansehnliche Sammlung früher Werke der Fotokünstlerin Cindy Sherman. Jetzt legt das kunstsinnige Unternehmen sogar ein Werkverzeichnis vor.

US-Konzeptkünstlerin Cindy Sherman hat sich schon als Kind gerne optisch verunstaltet. «Es gibt Fotos von mir als alte Frau. Ich wollte immer anders sein als die anderen Mädchen, die Prinzessinnen oder Feen oder hübsche Hexen sein wollten. Ich war dann immer die hässliche Hexe oder das Monster», sagte Sherman der Zeitung «New York Times». dpa

US-Konzeptkünstlerin Cindy Sherman hat sich schon als Kind gerne optisch verunstaltet. «Es gibt Fotos von mir als alte Frau. Ich wollte immer anders sein als die anderen Mädchen, die Prinzessinnen oder Feen oder hübsche Hexen sein wollten. Ich war dann immer die hässliche Hexe oder das Monster», sagte Sherman der Zeitung «New York Times».

WienDie kleine alte Dame zieht die Lippen über die Zähne, als hätte sie kein Gebiss; und der Freundin an ihrer Seite sind die Socken bis auf die Knöchel gerutscht. Perfekt mimen Cindy Sherman und eine Klassenkameradin für die Kamera ihrer Lehrerin zwei schon etwas gebrechliche „Old Ladies“. Sie sind zwölf Jahre alt. Damals arbeitete Sherman bereits seit zwei Jahren – ohne es zu ahnen – an ihrem ersten Frühwerk. Es ist ein selbst gebasteltes Papieralbum mit ihren Kinder- und Jugendbildern, auf denen sie ihr Konterfei 1975 handschriftlich mit einem „That’s me“ markierte.

Im soeben erschienenen Werkverzeichnis zum Frühwerk lässt die Künstlerin das abgegriffene Album unter der Nr. 1 auflisten, mit einer Entstehungszeit, die elf Jahre abdeckt. Sherman nahm es 1964 als Zehnjährige in Angriff und schloss es 1975 ab, in dem Jahr, in dem sie als Studentin in Buffalo mit der Fotografie künstlerisch zu arbeiten begann.

Was 1977 mit Shermans Umzug nach New York oder 59 Katalognummern später endet, ist für die Kunstwelt eine Entdeckung im buchstäblichen Sinne des Wortes. Zum ersten Mal tritt die im Kunstmarkt so erfolgreiche Amerikanerin als Wesen mit einer Geschichte in Erscheinung. Für ihr Publikum hatte sie sich bislang perfekt hinter der Maske der vielen Identitäten verborgen, die sie in fast vier Jahrzehnten vor der Kamera verkörperte.

Nun kann der Betrachter ihr gleichsam dabei zuschauen, wie sie, in andere Rollen schlüpfend, das Selbst zum Verschwinden bringt.

Von der schrittweisen Entfernung vom Selbst erzählt ein unbetiteltes, 1975 entstandenes Leporello aus 23 zusammengenähten Selbstporträts. Darin verwandelt sich Sherman von der ungeschminkten, schwarz-weiß fotografierten Studentin mit Hilfe eines kunstvollen Make-ups in die farbige Abbildung einer glamourösen, ihrer erotischen Reize bewussten Frau. „Bei diesen frühen Arbeiten ging es darum, einen Prozess zu zeigen, und vielleicht war es auch ein Weg zu ‚beweisen’, dass ich in Wahrheit diese Figur war, die man am Ende fertig zurechtgemacht sieht“, resümierte Sherman.

Rückblickend bezeichnete die Künstlerin das Leporello als ihre erste ernsthafte Arbeit. Tatsächlich ist es ein Schlüsselwerk. Die wichtigsten künstlerischen Strategien sind in ihm bereits angelegt: die Konzeption von Aktionen eigens für die Film- und Fotokamera, das Interesse an einer Verbildlichung von Zeit, die Affinität zur Selbstdarstellung und zur Performance, ein planmäßiges, „konzeptuelles“ Vorgehen und das Arbeiten in Serien.

Zu den erstaunlichsten Entdeckungen dieses Frühwerks gehören die „Cut-outs“, Collagen einzelner aus Fotos ausgeschnittener Figuren. Komplexe Bildgeschichten entstehen, darunter auch die aus 80 Szenen und 255 Einzelfiguren zusammengesetzte Kriminalgeschichte „Murder Mystery“ (1976) oder die im selben Jahr entstandene Serie „Bus Rider“, in der die Künstlerin mit dem Selbstauslöser in der Hand die Fahrgäste eines Busses mimt.

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