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24.12.2016

10:23 Uhr

Civilization 6 im Test

Einmal Gandhi zum Mars schießen

VonAlexander Möthe

Der Spieleklassiker Civilization geht in die sechste Auflage. Im neuesten Teil wird der Städtebau zum regelrechten Puzzle – genau wie Diplomatie, Innenpolitik und Handel. Gerade das macht den Reiz aus, auch als Geschenk.

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Blühende Landschaften

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DüsseldorfDer Angriff der Brasilianer trifft mich unvorbereitet. Trotz einer langen gemeinsamen Grenze war die Beziehung zwar nie herzlich, aber doch zumindest sachlich. Während die religiöse chinesische Führung mich, den Kommunisten, regelmäßig als Kriegstreiber denunziert, pflegen der brasilianische König Pedro II. und mein römisches Ich rege Handelsbeziehungen.

Meine technologische Überlegenheit nutze ich im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und zur Entwicklung eines Raumfahrtprojekts, das als Ziel die Besiedlung des Mars hat. Jetzt stehen brasilianische Artillerieeinheiten vor Rom und nehmen meine Startrampe ins Visier. Norwegens König Harald, der meine starke Flotte respektiert und mit dem ich ein freundschaftliches Verhältnis pflegte, bis mein Geheimdienst einen seiner Spione gefangengenommen hat, schaut tatenlos zu. Lediglich der verbündete Stadtstaat Vancouver greift zu meinen Gunsten in den Krieg ein. Mit einem Katapult.

Das ist keine Beschreibung eines schrägen Traums, sondern ein Szenario aus dem Strategiespiel „Civilization 6“. Keine andere Spielreihe hat je eine derartige ökonomische, diplomatische und militärische Tiefe wie der vor 25 Jahren gestartete Klassiker. Schon mit dem ersten Teil hat sich Entwickler Sid Meier ein Denkmal gesetzt. Nach sechsjähriger Pause kam in diesem Jahr die heißersehnte sechste Auflage in den Handel. Und wird zu Weihnachten noch einmal die Verkaufscharts stürmen. Auch, weil es als Titel im Spielenetzwerk Steam per Download-Code als Laste-Minute-Geschenk taugt.

Das Grundprinzip bei Civilization ist immer gleich. Als Spieler schlüpft man in die Rolle des Anführer eines Volks, etwa der Römer, Azteken oder der Deutschen. Man beginnt im Jahr 4000 vor Christus, mit einer Handvoll Siedler, wenig Wissen und keinerlei Macht.

Das Ziel ist so einfach formuliert wie schwer zu erreichen: Sich gegen fast ein Dutzend anderer Spieler im Kampf um die Weltherrschaft behaupten. Der lässt sich diplomatisch erreichen, indem man zum Vorsitzenden der Uno gewählt wird; militärisch, in dem man schlichtweg alle anderen Länder erobert; inzwischen auch durch wissenschaftliche, kulturelle oder religiöse Dominanz. Und natürlich der altbekannte Sieg im „Space Race“: Wer schießt sich zuerst zum Mars – Sie oder Gandhi?

Ich selbst bin seit ziemlich genau 20 Jahren in meiner Freizeit Staatslenker und Autokrat. Alles begann mit Civilization 2, damals noch unter Windows 3.11. Die bisher letzte Partie habe ich irgendwann 2015 gezockt. Das Suchtpotenzial der „Civ“-Reihe ist unter Fans zum geflügelten Wort geworden: „One more turn“, auf Deutsch „nur noch eine Runde“. Und ehe man es sich versieht, hat man wieder die ganze Nacht vor dem Rechner verbracht.

Es ist die Lust am Unbekannten, an immer neuen Entwicklungen, an den zufällig erstellten Welten und Szenarien, den wechselnden Gegnern, die die Faszination der Reihe ausmachen. Was liegt hinter dem nächsten Gebirgszug? Was auf der anderen Seite des Ozeans? Wo finde ich Wissen, Schätze, Rohstoffe? Und das um vier Uhr morgens?

Seit Civ2 ist vieles passiert. Die weiterentwickelten Teile haben das Spiel viel tiefer, aber auch komplexer und schwerer berechenbar gemacht. Konnte ich damals noch unbehelligt ein Eisenbahnnetz zu allen Gegnern aufbauen und schließlich innerhalb einer einzigen Runde die Weltherrschaft erobern, ist das heute schwieriger. Die Ereignisstränge im Spiel inzwischen von einem teils erschreckenden Realismus geprägt. Grenzen anderer Staaten können nur mit entsprechenden Abkommen überschritten werden, es gibt je nach Regierungsform parlamentarische Kontrolle der eigenen Entscheidungen, es gibt vor allem aber wirtschaftliche Abhängigkeiten.

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