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11.03.2006

16:27 Uhr

Panorama

Dallas und Denver in Houston

VonChristoph Moss

Der Enron-Skandal als Wirtschaftsthriller: Ein gelungenes Literatur-Experiment über eine "unglaubliche Geschichte von Habgier und Inkompetenz".

HB DÜSSELDORF. Literatur ist Kunst, Journalismus schnödes Handwerk. Beide Welten existieren nebeneinander und unterscheiden sich in einem wesentlichen Punkt: Der Literat darf, er muss Geschichten erfinden. Der Journalist ist zur Faktentreue verpflichtet.

Literatur und Journalismus zusammenzuführen ist folglich ähnlich schwierig wie das Malen eckiger Kreise. So gesehen ist "Verschwörung der Narren" eine kleine Sensation. Der amerikanische Journalist Kurt Eichenwald hat dem Skandal um den zusammengebrochenen Energieriesen Enron einen literarischen Rahmen gegeben. Das Ergebnis ist Wirtschaftsjournalismus in Romanform, eine Reportage in künstlerischer Perfektion.

Eichenwald selbst bezeichnet sein Werk als "erzählendes Sachbuch". In diesen Tagen kommt es in die deutschen Buchläden, zeitlich abgestimmt auf den Enron-Prozess, der gerade im texanischen Houston begonnen hat. Dort stehen die beiden ehemaligen Enron-Bosse Kenneth Lay und Jeff Skilling vor Gericht. Es ist einer der größten Wirtschaftsprozesse in der amerikanischen Geschichte. Die beiden Ex-Manager sind wegen Verschwörung, Betrugs und Insiderhandels angeklagt. Sollte das Gericht sie schuldig sprechen, drohen ihnen lange Haftstrafen.

Seit Jahren schreibt Eichenwald in der "New York Times" über diesen Fall. Er habe am Anfang Zweifel gehabt, ob die Geschichte den Stoff für ein Buch hergeben würde, sagt Eichenwald dem Handelsblatt. "Bilanzbetrug? Energiehandel? Das klang nicht nach einem Thriller." Doch je mehr sich der Journalist in den Fall hineinkniete, entdeckte er, dass Enron eine "unglaubliche Geschichte von Habgier und Inkompetenz ist".

Einst war Enron das größte Energiehandelsunternehmen der Welt. Zehntausende Menschen arbeiteten dort. Die Firma war an der Börse mehr als 70 Milliarden US-Dollar wert. Im Jahr 2001 gelangte das ganze Bilanzdesaster ans Tageslicht. In einem kaum durchschaubaren System von Tochteruntehmen tauchten gigantische Schulden auf. Enron beantragte Gläubigerschutz, die amerikanische Variante der Insolvenz. Anleger verloren Milliardenbeträge, Tausende Angestellte ihre Pensionsansprüche. Der Name Enron wurde zum Synonym für Wirtschaftsbetrug. Sechzehn ehemalige Enron-Manager bekannten sich bereits schuldig und wurden teilweise zu Haft- und Geldstrafen verurteilt.

Tief in den Skandal verwickelt ist auch Andrew Fastow. Der ehemalige Finanzvorstand hat inzwischen die Seiten gewechselt und tritt als Kronzeuge auf - gegen Lay und Skilling. In "Verschwörung der Narren" spielt Fastow eine zentrale Rolle.

"Es hat mich schon immer fasziniert, wie oft das reale Leben die Drehungen und Wendungen eines John-Grisham-Thrillers widerspiegelt", sagt Eichenwald. Sein Buch ist 864 Seiten dick. Allein der Teil mit den Quellenangaben ist so umfangreich, dass man ein eigenes Buch daraus machen könnte. Er habe mehr als tausend Stunden Interviews geführt, schreibt Eichenwald dort. Hundert Menschen habe er befragt und mehrere tausend Dokumente ausgewertet. Jede Person, die in diesem Fall eine wichtige Rolle spielte, habe die Gelegenheit zu einem Interview bekommen.

Der Journalist rekonstruiert in seinem Buch Dialoge, die zum Teil mehr als zwanzig Jahre zurückliegen. Das ist, gerade für deutsche Leser, gewöhnungsbedürftig. Eichenwald erzählt, als habe er mit im Raum gesessen. Kann ein solcher Stil seriös sein? Immerhin tauchen in dem Buch leibhaftige US-Präsidenten wie George W. Bush und Bill Clinton auf. Wie viel Fiktion ist dabei zulässig?

Er behaupte nicht, dass die Gespräche eine Eins-zu-eins-Wiedergabe der Ereignisse darstellen, schreibt Eichenwald. Sie entsprächen aber am ehesten den Erinnerungen an diese Ereignisse und an die Gespräche zwischen den Beteiligten. "Sie spiegeln die Realität genauer wider als jede Paraphrase." Einige Gespräche seien durch Mitschriften belegt, die meisten allerdings mit Hilfe von Zeugen, Gesprächsteilnehmern oder Unterlagen rekonstruiert.

Menschen wie Kurt Eichenwald recherchieren jahrelang. Sie werten Verhörprotokolle aus und sammeln E-Mails, Spesenabrechnungen und Notizen aus Terminkalendern. Investigativ nennt man diese wichtige, oft auch trockene Form des Journalismus. "Verschwörung der Narren" aber ist ausgesprochen unterhaltsam. Wenn man so will, ist es die journalistische Variante ökonomischer TV-Seifenopern wie Dallas oder Denver, die in den achtziger Jahren eine ganze Zuschauergeneration prägten. Dabei verzichtet Eichenwald auf jede Form von Seichtheit. Im Gegenteil: Wer begreifen will, wie Bilanzierung funktioniert oder welchen Sinn das komplizierte Geschäft mit Verbriefungen hat, lernt bei Eichenwald noch hinzu.

Vor allem aber kommt das Buch ohne Wertungen aus. Es besticht durch Faktenreichtum. Der Leser begreift von selbst, wer die bösen Buben in dem bizarren Thriller um Enron sind. "Verschwörung der Narren" ist ein interessantes, ein gelungenes Experiment der Journalismus-Literatur. Dieses Buch ist ein Krimi, der es verdient hätte, über die potenzielle Zielgruppe von Wirtschaftsprüfern und Rechtsanwälten hinaus weite Verbreitung zu finden.

Kurt Eichenwald: Verschwörung der Narren - Eine wahre Geschichte Bertelsmann Verlag, München 2006, 864 Seiten, 24,95 Euro

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