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06.04.2012

14:42 Uhr

Damien Hirst Ausstellung

Endstation Museumsshop

VonMatthias Thibaut

Genie oder zynischer Abzocker? Wie kein Zweiter polarisiert der britische Künstler Damien Hirst die Kunstwelt. Die Tate Modern zeigt nun eine museale Bilanz seines Kunstschaffens zwischen Rebellion und Kommerz.

Der britische Künstler Damien Hirst vor seinem Werk „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“. dapd

Der britische Künstler Damien Hirst vor seinem Werk „The Physical Impossibility of Death in the Mind of Someone Living“.

LondonSelten stand für einen Künstler so viel auf dem Spiel. „Verkauft, bevor es zu spät ist“, riet der englische Kurator und Museumsdirektor Julian Spalding termingerecht zur Eröffnung der großen Hirst-Schau. Er ist nicht der einzige Missgünstige, der hofft, dass Damien Hirst endlich als Kaiser ohne Kleider entlarvt wird. Aber auch Wohlgesinnte sind inzwischen verunsichert. Der Kunstmarkt will wissen, wie es weitergeht mit Hirst.

Denn es steht ja längst nicht mehr so gut wie 2008, als er mit der Auktions-Show „Beautiful Inside My Head Forever“ bei Sotheby’s Ware für 112 Millionen Pfund direkt aus der Kunstfabrik verkaufte. In jenem Wunderjahr wurde weltweit Kunst von Hirst für über 250 Millionen Pfund versteigert, 2011 waren es nur noch knapp 18 Millionen Pfund. Viele haben bei diesem Abschwung Geld verloren. In der Tate hängt „Midas and the Infinite“, das in der „Beautiful“-Auktion 825 000 Pfund kostete. Im November kostete das Bild bei Christie’s brutto 601 250 Pfund – nach Abzug des Aufgelds ein Verlust von 300 000 Pfund.

Aber bleiben wir auf dem Boden. Auch wenn der Markt einen Einbruch erlitten hat: Hirst taugt schlecht für die Theorie, dass der Hype um Contemporary Art ohne fundamentalen Wert ist. 2011 wurden laut Artprice.com 403 Hirst-Werke für fast 18 Millionen verkauft. Damit liegt er immer noch einsam an der Spitze seiner Generationsgenossen. Und wenn die Schau in der Tate sonst nichts beweist: Sie teilt Hirst dennoch einen Platz in der Kunstgeschichte der Jahrhundertwende zu, aus der er nicht mehr wegzudenken ist.

Die Hände des Künstlers. Reuters

Die Hände des Künstlers.

Es gibt in der Ausstellung nichts über Hirst zu erfahren, was man nicht schon wüsste. Vor allem die Frage, was der 47-Jährige noch vor sich hat, bleibt offen. Die Schau endet auf dem Höhepunkt seines Schaffens, den prachtvollen, selbstgewissen Werken der „Beautiful“-Auktion von 2008. Keine Spur von Hirsts 2009 in der Wallace Collection gezeigten, vergeblichen Versuchen, sich als Maler im Bacon-Stil zu präsentieren. Keine Spur von den fotorealistischen Souvenirgemälden, die er von der Geburt seines Sohnes malen ließ.

Die Schau präsentiert ausschließlich das Enfant Terrible der „Young British Artists“, den Promoter und Produzenten, der als Speerspitze einer neuen Kunstpraxis auf den Schultern von Marcel Duchamp und Joseph Beuys die Kunst aus den elitären Musentempeln in die frische Luft von Konsum und Kommerz, Entertainment, Celebrity und populärer Massenkultur stieß. Das Paradox der Ausstellung ist nun, dass dieser großartige Bildersturm in einer Museumsschau endet, die so teuer ist, dass sie von der Reichsten der Reichen, der Museumsbehörde von Katar, gesponsert werden muss. Eine Sackgasse? Oder gar die Endstation?

Die Katharsis sind die vier Supervitrinen „The Seasons“, ein Jahreszeiten-Zyklus in Pillenfarben – „Winter“ wurde 2007 von Sheika Al Mayassa Al-Thani für den geltenden Rekordpreis von 9,7 Millionen Pfund gekauft. Alle vier Vitrinen zusammen jedoch sind ein ästhetischer Flop, denn sie haben den Charme einer edlen Duty-Free-Auslage im Flughafen von Katar und entlarven Hirsts größten Mangel: das „de trop“ des Aufsteigers.

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