Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2013

11:34 Uhr

Debüt in Hamburg

Schweiger holt mit Action-Tatort Quotenrekord

VonChristian Bartels

TV-Deutschland diskutiert Schweigers Tatort-Debüt, das die besten Quoten der Serie seit 20 Jahren holte: Das Konzept aus Action, Beziehungsstress, schlichtem Humor und groß gemeinten Kino-Gesten funktionierte.

Schauspieler Til Schweiger am 07.03.2013 bei der Premiere vom Tatort "Willkommen in Hamburg". Das Erste zeigt den Tatort am Sonntag um 20.15 Uhr. dpa

Schauspieler Til Schweiger am 07.03.2013 bei der Premiere vom Tatort "Willkommen in Hamburg". Das Erste zeigt den Tatort am Sonntag um 20.15 Uhr.

In aller Munde ist die ARD-Sonntagskrimi-Reihe „Tatort“ sowieso, ob nun Jan Josef Liefers und Axel Prahl Klamauk in Münster veranstalten oder jahrzehntelang bewährte südwestdeutsche Kommissarinnen am Ende immer die am wenigsten verdächtig erscheinende Nebenfigur des rätselhaften Mordes vom Anfang überführen. Die Folge „Willkommen in Hamburg“ von vergangenen Sonntag wird allerdings heißer thematisiert als die Vorgänger.

Deutschland diskutiert den ersten Fall des Hamburger Kommissars Nick Tschiller: die überschaubare Handlung, die genuschelte Kommunikation des Helden (insbesondere mit seiner Tochter), die sich versuchsweise an Bruce-Willis-Filme orientierende große Portion Action mit hoher Tötungstaktung (gleich drei Leichen in der Eröffnungsszene).

Die Einschaltquoten waren wie erwartet ausgezeichnet. 12,57 Millionen Zuschauer schalteten um 20.15 Uhr „Willkommen in Hamburg“ ein. Der Marktanteil betrug 33,5 Prozent: ein Rekord. In den vergangenen 20 Jahren erzielte kein Tatort bessere Werte. Somit interessierte sich jeder dritte TV-Zuschauer für den Fall.

Damit lagen Schweiger und sein Kollege Fahri Yardim als Kommissar Yalcin Gümer noch vor dem Münsteraner „Tatort“-Gespann mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl, die mit ihrem Fall „Das Wunder von Wolbeck“ am 25. November 2012 im Schnitt 12,19 Millionen Zuschauer interessierten.

Reaktionen auf ersten Schweiger-Tatort

Zu viel Ego, zu wenig Inhalt

Kritiker nahmen sich weniger der Handlung als der Person Til Schweiger an. „Das war ein absolut okayer "Tatort". [...] Das Problem ist, dass Til Schweiger immer Til Schweiger ist. Egal, was er macht. Das muss man akzeptieren“, schrieb „Die Welt“ in ihrem Live-Ticker im Internet. „Es geht hier um wenig anderes als die Zeichnung eines perfekten Helden. [...] Es wäre angenehmer, wenn es im nächsten Tatort aus Hamburg weniger um das Ego des Hauptdarstellers ginge als um den Film“, hieß es auf „Süddeutsche.de“.

Tatort war ein „Wagnis“

NDR-Intendant Lutz Marmor erklärte in einer Pressemitteilung, das Wagnis habe sich gelohnt. „Vor allem freut mich, dass der "Tatort" um eine actionreiche Variante mit einer modernen, tempogeladenen Bildsprache reicher ist.“

Zu viel Geballer

Bei Twitter wurde gerade diese Action heiß diskutiert. „Es wurde so viel geschossen, dass es in meinem Kopf auch danach noch total laut und unordentlich ist. #TATORT“, schrieb Nutzerin HappySchnitzel.

„Schweiger raus“

Andere wie m_l79 wurden noch drastischer: „Der lächerlichste #tatort den ich je gesehen habe. Dämliches Geballere, idiotische Konversationen. Unpolizeilicher gehts kaum #SchweigerRaus“.

Der neue Schimanski

Allerdings gab es auch positive Stimmen: „#Tschiller ist der neue #Schimanski! Bitte mehr davon!“, lobte Nutzer agrabher. „Fazit: Mehr von Fahri Yardim! #tatort“, fand zudem sybille_smile.

Diskussion im Netz

„Tatort“-Fans tauschten sich meist schon während der noch laufenden Sendung aus - zwischen acht und zehn Uhr abends twitterten sie am meisten. Die Begriffe „Tatort“ und „Schweiger“ schafften es am Montagmorgen in die deutschen Top-Ten der meistbenutzten Begriffe des Kurznachrichtendienstes.

Promis twittern zum „Tatort“

Unter den Twitterern gaben auch einige Prominente ihre Meinung preis: „Ok, folks. Ihr dürft Euch jetzt bitte nicht wieder so schlimm aufregen, aber: ich find den Tatort ganz gut“, schrieb Moderatorin Sarah Kuttner.

„Umgeschaltet“

Ihr Kollege Jan Böhmermann sah es anders: „Okaaaay, uuuund: Umgeschaltet. Aber es ist nicht Tils Schuld. #tatort“.

„Wie ne Famileinfeier“

Comedian Matze Knop sah den jüngsten Fall natürlich mit Humor: „Der 1. #Tatort mit @TilSchweiger. Mit viel Spannung, Action, Aggression und Gewalt. Wie ne Familienfeier mit der Schwiegermutter:-) #ARD“.

Die Bestmarken des Hamburger Duos Stoever (Manfred Krug) und Brockmöller (Charles Brauer) konnte Schweiger jedoch nicht knacken: Den Rekord nach dem Start der Messung im wiedervereinten Deutschland in allen 16 Bundesländern Mitte 1992 hält der Krimi „Stoevers Fall“ am 5. Juli 1992 mit 15,86 Millionen Zuschauern. Am 25. September 1993 erreichten sie noch einmal 12,83 Millionen Menschen.

Der Schweiger-Film entpuppte sich vor allem beim jüngeren Publikum als Hit: Bei den Zuschauern zwischen 14 und 49 Jahren betrug der Marktanteil nach Angaben der Marktforschungsfirma Media Control (Baden-Baden) 33,8 Prozent.

Unter den Bundesländern war die Resonanz in Schleswig-Holstein (46,8 Prozent), Hessen (43,2 Prozent), Hamburg (41,3 Prozent) und Bremen (40,6 Prozent) laut Media Control am besten, in Sachsen-Anhalt (15,3 Prozent) und Sachsen (23,1 Prozent) am schwächsten.

Der erste Quotenerfolg ist kein Wunder: Schließlich hat der NDR mit Til Schweiger den erfolgreichsten deutschen Kinostar für die erfolgreichste Krimireihe verpflichtet. Seit Ende 2011 bekannt wurde, dass er TV-Kommissar wird, taucht die Kombination Til Schweiger und „Tatort“ regelmäßig in den Schlagzeilen auf.

Thema ist dabei alle: Der Inhalt des Krimis, in dem an Action mit „letalem Ausgang“ in der Tat kein Mangel herrscht, und um so Skurriles wie den Nachnamenstausch von „Tschauder“ zu „Tschiller“, den Schweiger kurz vor Drehstart für seine Rolle vornahm. Und natürlich das Geld: Es handele sich um „den teuersten 'Tatort' aller Zeiten“, titelte die „Bild“-Zeitung vor Drehstart im Herbst 2012 und kolportierte ein Zwei-Millionen-Euro-Budget. Der NDR dementierte diese Zahl, bestätigte aber, dass der Schweiger-Film teurer sei als normale „Tatorte“. Seither ist zumindest der Durchschnitts-Preis von 1,3 bis 1,5 Millionen für einen „Tatort“ publik.

Dass Schweiger wie bei seinen Kinofilmen Einfluss weit über den Nachnamen hinaus hatte, war von Anfang an klar. Lutz Marmor, der Intendant des zuständigen NDR und derzeitige ARD-Vorsitzende, erhoffte sich ausdrücklich „einen Hauch von Hollywood“ und Orientierung am amerikanischen Genrekino.

Deutschlands Love-Interest: Til Schweiger Karriere

Berufswahl

Til Schweiger war lange auf der Suche nach dem passenden Beruf für sich. Nach seinem Zivildienst begann er erst ein Germanistikstudium mit der Intention Lehrer zu werden. Doch er brach ab, weil ihm die Vorstellung gefiel „etwas Sinnvolleres zu tun“ und Arzt zu werden. Als er dann aber die Tage vor dem Mikroskop verbrachte, während seine Freunde ständig unterwegs waren, brach er wieder ab. Schauspieler zu werden lag insofern nahe, als dass Schweiger schon als Kind sein ganzes Geld für Kinofilme ausgab. Er besuchte die Schauspielschule des Kölner Theaters der Keller, spielte im Theater und in der Lindenstraße mit.

Erste Hauptrolle

Zum ersten Mal eine Hauptrolle hatte Til Schweiger in der Ruhrpott-Komödie „Manta Manta“. Schweiger spielte hier Bertie, den stolzen Besitzer eines getunten Mantas. 2008 wurden erstmals Gerüchte um eine mögliche Fortsetzung von „Manta Manta“ bekannt. Zwei Jahre später tauchte sogar ein Release-Datum auf. Doch mit dem Tod des Produzenten Bernd Eichinger wurde das Projekt eingefroren. Aktuell ist nichts über eine Wiederaufnahme bekannt.

Erster großer Erfolg

Einem breiteren Publikum bekannt wurde Til Schweiger durch den Film „Der bewegte Mann“ von Regisseur Sönke Wortmann. Schweiger spielt hier an der Seite von Schauspielerin Katja Riemann in einer charmanten Verwechslungskomödie, die mit mehr als vier Millionen Kinobesuchern zum erfolgreichsten deutschen Film 1994 avanciert.

Mr. Brown Entertainment

Es folgen weitere Rollen als Schauspieler, unter anderem in dem US-amerikanischen Film Judas Kiss. Doch Schweiger will mehr und gründet 1996 zusammen mit Produzenten Thomas Zickler und André Hennicke seine Produktionsfirma Mr. Brown Entertainment.

Debüt als Regisseur

1998 debütiert Til Schweiger mit „Der Eisbär“ als Regisseur und spielt gleichzeitig die Hauptrolle in der Thriller-Komödie. Zwar sprechen manche fortan von dem „Allround-Talent Schweiger“, die Kritiken für seine eigenen Filme fallen aber eher negativ aus.

Hollywood

Schweiger wollte schon immer nach Hollywood, lange Zeit vergeblich. 2000 spielte er dann endlich die Hauptrolle in der US-amerikanischen Produktion „Magicians“, eine Zauberer-Komödie, die jedoch so erfolglos war, dass die deutschen Kinos sie nicht in ihr Programm aufnahmen.

Kassenschlager

In den letzten Jahren arbeitete Schweiger vermehrt als Drehbuchautor, Regisseur und Produzent in einem. Seine Filme Keinohrhasen, dessen Nachfolger Zweiohrküken, Kokowääh waren alle große Kinoerfolge, mit denen Schweiger Millionen Zuschauer begeisterte. Jedes Mal im Film dabei war seine jüngste Tochter Emma.

Verhältnis zur Presse

Schweigers Verhältnis zur Presse ist zwiespältig. Besonders deutlich wird das an seinem Film „Schutzengel“. Diesen Film hielt seine Produktionsfirma für so gut, dass sie ihn sogar als Oscar-Kandidaten für den besten nicht englischsprachigen Film vorschlug. Vergeblich. Zur Vorab-Premiere durften jedoch nur wenige, eingeladene Kritiker kommen, da Schweiger negative Kritiken fürchtete.

So waren direkt auch diverse Schweiger-Kinofilmpartner dabei – darunter Luna Schweiger, die 16-jährige Tochter des Stars, die in sechs von ihrem Vater mit sich selbst in der Hauptrolle inszenierten Kinofilmen auftrat und gerade von mehr als zwei Millionen Zuschauern in „Kokowääh 2“ gesehen wurde.

Zumindest vier Tage lang soll Til Schweiger sogar im Schneideraum des Fernsehkrimis dabei gewesen sein, berichtete der „Spiegel“. Kurz: Schweiger agiert wie ein Produzent seines „Tatort“-Krimis und hatte offenbar alles unter Kontrolle.

Zwar hat er mit seinen Produktionsfirmen Mr. Brown Entertainment und barefoot films seit 1997 tatsächlich 15 Kinofilme produziert. Den „Tatort“ jedoch nicht – wegen des für seine Verhältnisse „extrem engen finanziellen Rahmen beim Fernsehen“, wie er in einem „Spiegel Online“-Interview betonte. Dass deutsche Fernsehproduzenten Dienstleister der auftraggebenden Sender sind, wenig zu sagen haben und über sinkende Margen klagen, weiß Schweiger.

Als Produktionsfirma agiert aber auch nicht, wie sonst bei den Hamburger, Hannoveraner und Kieler „Tatorten“, die 100-prozentige NDR-Tochter Studio Hamburg, sondern Constantin Television, der TV-Produktions-Zweig der Constantin-Medien. Dieses Unternehmen ist aus der vom 2011 verstorbenen Bernd Eichinger gegründeten Constantin-Film, dem Rechtehändler EM-Sport und der schweizerischen Highlight Communications entstanden; zu den Großaktionären zählte der Medienmogul Leo Kirch.

Aufsichtsratsvorsitzender ist Fred Kogel - der einstige Radiomoderator, der als Ex-ZDF-Unterhaltungschef und Sat.1-Geschäftsführer zu einem der bekanntesten deutschen Medienmanager aufstieg. Als Partner des Late-Night-Moderators Harald Schmidt in der Kogel & Schmidt GmbH ist er immer noch im Produktionsgeschäft. Außerdem ist Kogel mit seiner Fred Kogel GmbH exklusiver Berater von „renommierten nationalen und internationalen Medienunternehmen und Medienschaffende in sämtlichen Medienbereichen“ - als Beispiel nennt sein Internetauftritt Til Schweiger.

Kommentare (27)

Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.  Selber kommentieren? Hier zur klassischen Webseite wechseln.

svebes

10.03.2013, 14:05 Uhr

Interessanter Artikel. Endlich erfährt man wie und wo die Millionen versenkt werden - in den Eitelkeiten der Schauspieler. 1 Tatort pro Jahr mit dem Schweiger - ds ist eine Totgeburt. Es wurden ja wohl schon [...] alle Typen auprobiert. Flop nach Flop eben. Mal über absetzen nachgedacht? Dafür gut recherchierten Investigativdokufilm mit relevanten Bezug zur Primetime bringen. Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte bleiben Sie sachlich.

Armselig

10.03.2013, 14:56 Uhr

Zitat aus dem Artikel: "Zumindest vier Tage soll lang Til Schweiger sogar im Schneideraum des Fernsehkrimis dabei gewesen sein soll,..."

Ist das deutscher Sprachee? Können du mir ubersetzen?

Passt gut zu diesem Werbeniveau für eine Fernsehsendung, die man getrost als Unterschichten-Belustigung bezeichnen kann. Ich bin dafür, dass jede Stadt und jedes Dorf seinen eigenen Tatort-Kommissar bekommt.

Account gelöscht!

10.03.2013, 19:03 Uhr

Ich mag Schweiger nicht, und ein Tatort mit Ihm erst recht nicht!!!

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×