Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

14.01.2005

13:21 Uhr

Deutsch - Polnische Verständigung

Ein Dokument menschlicher Erfahrungen

VonReinhold Vetter (Handelsblatt)

Seit dem vergangenen Jahr sind die deutsch-polnischen Beziehungen einer starken Belastungsprobe ausgesetzt. Denken wir nur an die kontroverse Debatte über das geplante Zentrum gegen Vertreibung oder den Streit über die Entschädigungsklagen deutscher Vertriebener vor polnischen Gerichten.

HB WARSCHAU. Solche Auseinandersetzungen sorgen für Distanz, auch wenn uns Kanzler Gerhard Schröder und sein polnischer Kollege Marek Belka erzählen, die wichtigsten Probleme seien geklärt. In solchen Situationen ist es gut, wenn sich Fachleute zu Wort melden, die den zeithistorischen Überblick behalten und das Bleibende vom Unwichtigen unterscheiden können.

Eine solche Wortmeldung ist das neue Buch des früheren polnischen Außenministers Wladyslaw Bartoszewski über die Geschichte der bilateralen Beziehungen seit 1945. Bartoszewski, der 1986 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels erhielt, erinnert an Ereignisse, die bahnbrechend für die deutsch-polnische Verständigung waren und deren Bedeutung durch die jüngsten Auseinandersetzungen nicht geschmälert wird.

Dazu zählen insbesondere die Versöhnungsbotschaft der polnischen Bischöfe von 1965, der Kniefall Willy Brandts vor dem Warschauer Ghettodenkmal und die deutsch-polnischen Verträge von 1990/91. Der Autor selbst hat mit seiner Rede vor dem Bundestag zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkriegs im April 1995 einen entscheidenden Beitrag zur Aussöhnung geleistet.

Bartoszewskis Buch ist nicht die nüchterne Analyse eines Historikers, sondern die persönlich gefärbte Bilanz eines engagierten katholischen Publizisten, der engen Kontakt zu führenden Politikern hielt, auf die es in den deutsch-polnischen Beziehungen ankam. Er verhehlt nicht, dass dies in Deutschland in erster Linie Vertreter der CDU/CSU waren, selbst wenn ihm Sympathien auch für einige Sozialdemokraten und Grüne nachgesagt werden.

Sein tiefer Wunsch nach Aussöhnung wurzelt in seiner Biografie. Als achtzehnjähriger Häftling erlebte er das Grauen des Konzentrationslagers in Auschwitz. Danach engagierte er sich in einer geheimen Hilfsorganisation für verfolgte Juden in der von den Deutschen besetzten Hauptstadt Warschau. Im stalinistischen Polen der frühen fünfziger Jahre saß er als Oppositioneller im Gefängnis und führte Gespräche mit ebenfalls inhaftierten deutschen Kriegsverbrechern.

So ist sein Buch vor allem ein Dokument menschlicher Erfahrungen mit Deutschen - Erfahrungen, die er in fünfzig Jahren gesammelt hat.

WLADYSLAW BARTOSZEWSKI: Und reiß uns den Hass aus der Seele - Die schwierige Aussöhnung von Polen und Deutschen Deutsch Verlag, -Polnischer Warschau 2005, 19,90 Euro

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×