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21.11.2014

13:26 Uhr

Deutsche Musikcharts im Wandel

Warum Zuhälter-Rap Pink Floyd schlägt

VonChristoph Henrichs

Eine alte Rockband stürmt die Charts. Doch die Musikindustrie hat sich in den letzten 20 Jahren verändert: Digitale Downloads liegen im Trend. Und davon profitiert der Rapper Kollegah, der gerade vor Gericht stand.

Mit dem Album „King“ hat der Rapper Kollegah dieses Jahr die meisten Alben innerhalb einer Woche verkauft. Foto: Laion/dpa Picture Alliance

Mit dem Album „King“ hat der Rapper Kollegah dieses Jahr die meisten Alben innerhalb einer Woche verkauft. Foto: Laion/dpa

DüsseldorfSchon vor der Veröffentlichung von „The Endless River“ stellten Pink Floyd einen Rekord auf: Der Handelsriese Amazon meldete, das Album sei in Großbritannien das am meisten vorbestellte Album in der Geschichte des Konzerns.

Die Meldung zeigt, welche Relevanz Amazon mittlerweile als Händler gewonnen hat: Bevor das Album überhaupt in die Geschäfte kam, konnte das Unternehmen schon einen durchschlagenden Erfolg der neuen Platte vorhersagen.

Der angekündigte Triumph ließ auch in Deutschland nicht auf sich warten. Direkt in der ersten Woche setzte sich das Album an die Spitze der offiziellen deutschen Albumcharts. Allein durch die realen Verkäufe in der ersten Woche habe das Album Goldstatus erreicht, sei also 100.000 Mal verkauft worden, meldete die Agentur Networking Media, die Pink Floyd in Deutschland vermarktet.

Zum einen bewahrheitet sich die Amazon-Prophezeiung also: Das Album ist bemerkenswert erfolgreich – vor allem angesichts dessen, dass es nach 20 Jahren Pause das erste musikalische Lebenszeichen der Band ist. Im schnelllebigen Musikbusiness dürften nur die allerwenigsten Top Acts in der Lage sein, nach so einer langen Pause direkt wieder auf Platz 1 der Charts einzusteigen.

Doch auf Rekordkurs gehen die Altrocker mit diesen Verkaufszahlen in Deutschland nicht. Denn der deutsche Rapper Kollegah, der gerade vor Gericht freigesprochen wurde, hat alleine in der ersten Verkaufswoche im Mai dieses Jahres sein Album „King“ um die 160.000 Mal verkauft.

Der Rapper Kollegah vor Gericht

Anklage

Es flogen die Fäuste. Wegen gefährlicher Körperverletzung nach einem Discoauftritt stand „Kollegah“ vor Gericht.
Quelle: dpa

Auslöser

Auslöser der Schlägerei an jenem frühen Morgen des 30. Juni 2013 war ein Wort aus der Gossensprache gewesen. Ein Discobesucher hatte dem Rapper beim Hinausgehen zugerufen: „Kollegah, du Hurensohn“.

Reaktion

„Es war reine Notwehr“, beteuerte „Kollegah“ vor Gericht. „Ich wurde angegriffen und musste mich verteidigen.“ In seinem letzten Wort sagte der 30-Jährige, der seit 2009 Jura studiert: „Ich werde doch meine Karriere und meine Zukunft nicht aufs Spiel setzen.“

Freispruch

Vor Gericht konnte nicht mehr geklärt werden, ob der Rapper Täter oder Opfer der Schlägerei war. Am Ende blieb dem Schöffengericht nichts anderes übrig: Es sprach „Kollegah“ mangels Beweisen frei. Der bekannte Rapper mit dem hippen Künstlernamen triumphierte nicht offen.

Richter

Für Richter Thomas Hippler und die beiden Schöffen ist nicht erwiesen, dass der Musiker zwei Männer zusammenschlug, wie von der Staatsanwaltschaft vorgetragen.

Rapper

Zwar habe der Rapper zweifelsfrei zugeschlagen, es könnte aber Notwehr gewesen sein, so das Gericht. Es entschied nach dem alten richterlichen Grundsatz „in dubio pro reo“ - im Zweifelsfall für den Angeklagten.

Staatsanwalt

Die Staatsanwaltschaft Traunstein hatte den Jurastudenten im Frühjahr wegen gefährlicher Körperverletzung angeklagt. Sie war überzeugt davon, dass der Sänger Ende Juni 2013 einen Discobesucher nach einem Auftritt in Freilassing niederschlug und dessen zu Hilfe eilendem Bekannten das Nasenbein brach.

Berufung

Dass das Gericht den Rapper freisprach, anstatt ihn - wie beantragt - 18 Monate ins Gefängnis zu schicken, will die Staatsanwältin nicht akzeptieren. Sie werde höchstwahrscheinlich Berufung gegen das Urteil einlegen, sagte sie.

Gegen Gewalt

Der künstlerische Stil des Promis aus Düsseldorf ist stark an den Gangsta-Rap angelehnt. Er selbst sprach mehrfach von Zuhälter-Rap. Sein jüngstes Album „King“ brach Verkaufsrekorde und landete an der Spitze der deutschen Charts. Schon am ersten Prozesstag hatte der verheiratete Vater auf die Frage, wie er zum Thema Gewalt stehe, geantwortet: „Ich bin absolut gegen Gewalt.“

Fans

Weil am Buß- und Bettag in Bayern schulfrei war, konnten an die 60 Jugendliche ihren Star im Laufener Sitzungssaal beinahe hautnah erleben. Den Freispruch quittierten sie mit Beifall und stürmten danach hinaus, um ein Selfie mit dem Rapper zu schießen.

„Das schafft Pink Floyd nicht“, sagt Nadine Arend vom Marktforschungsunternehmen GfK Entertainment, das im Auftrag des Bundesverband Musikindustrie e.V. (BVMI) die deutschen Charts ermittelt. Für die Musikhitlisten bekommt die GfK die Verkaufsdaten von allen großen Händlern in Deutschland geliefert.

Kommentare (2)

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Herr Kurt Küttel

21.11.2014, 14:58 Uhr

Es gibt mittlerweile in Deutschland ja auch genug "Dummvolk" die als Kundschaft für Genossen wie Kollegah dienen. (...)

Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: „Nicht persönlich werden“ http://www.handelsblatt.com/netiquette

Herr T M

21.11.2014, 16:36 Uhr

Aus der Sicht der Vermarktung könnte es doch nicht besser sein. Jugendliche Trotte aus sozial benachteiligten Familien, alle mit Smartphone, alle unfähig, Fiktion und Realität zu unterscheiden. Das "Kollegah" zumindest mal als Jurastudent noch immatrikuliert ist mutig, andere Gangsterrapper haben stets versucht, ihre nicht allzu oft vorhandene Prekariatsherkunft zu vertuschen. Die Erwartungshaltung des Kunden erfüllen....Storytelling. Straßenglaubwürdigkeit. Mal die Comments auf Youtube unter solchen Videos anschauen, ich persönlich fand es in den 90ern angenehmer, als noch nicht jeder Einzeller Internetzugang hatte. Einen korrekten Satz deutsche Sprache schreiben können die bis heute auch nicht. Voll Krass Alder LOL und ROFL. Kollegah rockt, er weiß dieses White-Trash-Publikum zu unterhalten - und zu verdienen.

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