Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

11.03.2006

12:45 Uhr

Deutscher Hörbuchpreis

Produktionen über Nazi-Zeit ausgezeichnet

Hörbücher werden in unserer zunehmend mobilen Arbeitswelt immer beliebter. Deswegen erfreut sich auch der Hörbuchpreis größerer Aufmerksamkeit. Gewonnen hat ihn in diesem Jahr die Produktion über eine groteske Nazi-Verbrecher-Geschichte.

HB KöLN. Max Schulz ist ein heimtückischer SS-Mann, ein Massenmörder, der sich rein waschen will: Die SS-Tätowierung wird entfernt, das Glied beschnitten, er nennt sich jetzt Itzig Finkelstein. "Max Schulz, das verstümmelte Glied, das passt zu Ihrem Gesicht", sagt Doktor Hugo Weber. Es ist eine der vielen grotesken Stellen der Geschichte "Der Nazi & der Friseur". Der Roman von Edgar Hilsenrath über einen Nazi-Verbrecher, der die Identität seines Opfers annimmt, sorgte nach seinem Erscheinen in den 70er Jahren wegen seines satirischen Humors für Aufruhr. Am Sonntagabend wurde das gleichnamige Hörbuch mit dem Deutschen Hörbuchpreis 2006 ausgezeichnet.

Autor Hilsenrath und der Schauspieler Bodo Primus erhielten für ihre Leistungen das Prädikat "Beste Unterhaltung". Die Adaption wurde vom Saarländischen Rundfunk produziert und ist bei Random House erschienen. Es war eine von insgesamt sechs Kategorien, in der die besten Produktionen des vergangenen Jahres prämiert wurden. Die Verleihung des Westdeutschen Rundfunks und der WDR mediagroup fand zum vierten Mal im Rahmen des Internationalen Literaturfests lit.Cologne in Köln statt.

Zwei weitere Preisträger haben sich mit der Nazi-Zeit auseinandergesetzt: In der Rubrik "Beste Information" gewann das einstündige Feature "Weinen Sie nicht, die gehen nur baden" von Jochanan Shelliem über die Frankfurter Auschwitz-Prozesse, produziert vom Südwestrundfunk und erschienen beim Audio Verlag Berlin. Als "Bestes Jugendhörbuch" wurde der Autor Uri Orlev für "Lauf, Junge, lauf" über die Flucht eines Jungen aus dem Warschauer Ghetto prämiert. Das Buch, gelesen von Ulrich Pleitgen, ist bei Beltz und Gelberg erschienen.

Das Segment Hörbuch wächst bekanntermaßen seit Jahren stetig an: 2005 verzeichnete der deutsche Hörbuchmarkt ein Umsatzplus von 20 Prozent. "Das Vorlesen bringt das Gedruckte zum Tönen, zum Schwingen", sagte der Rundfunk-Satiriker Peter Zudeick, der die Gala gewitzt moderierte. Der Erfolg hängt dabei nicht nur von der Geschichte, sondern auch vom Sprecher ab. So zeigte etwa die Schauspielerin Sophie Rois, was man aus einem Roman mit der eigenen Stimmgewalt zaubern kann. Die Österreicherin erhielt für ihre Lesung des viktorianischen Klassikers "Jane Eyre" von Charlotte Brontë den Preis "Beste Interpretation".

Einen zweiten Preis innerhalb kurzer Zeit wurde posthum dem bereits 1975 gestorbenen Autor Rolf Dieter Brinkmann zuerkannt: "Das besondere Hörbuch" ging an "Wörter Sex Schnitt. Originalaufnahmen 1973"; die bei Intermedium Rec. (München) erschienen Produktion haben Herbert Kapfer und Katarina Agathos zusammengestellt. Das sechsstündige Hörstück war Ende 2005 bereits als Hörbuch des Jahres ausgezeichnet worden.

"Best of all" wurde in diesem Jahr eine Neubearbeitung des Hörspielklassikers "Unter dem Milchwald" des walisischen Autors Dylan Thomas, produziert vom Mitteldeutschen Rundfunk und erschienen beim Hörverlag. Die Auszeichnung ging an den renommierten Regisseur des Stücks, Götz Fritsch. Insgesamt waren 320 Hörbücher eingereicht worden. Die Preisgelder hatten einen Gesamtwert von 23 300 Euro.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×