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29.04.2011

00:00 Uhr

Die deutsche Hanse

Ehrbare Kaufleute und gierige Spekulanten

VonMark Christian Schneider

Ein neues Buch und eine TV-Dokumentation zeichnen die Erfolgsgeschichte und den Niedergang der deutschen Hanse nach. Der Leser erfährt viele spannende Details der wechselhaften Geschichte.

"Im Hafen einer Hansestadt" heißt die Farblithographie, die 1909 entstand. Quelle: akg-images

"Im Hafen einer Hansestadt" heißt die Farblithographie, die 1909 entstand.

Hamburg.Zeiten der Sinnsuche sind Zeiten historischer Besinnung. Die Kette von wirtschaftlichen und politischen Krisen, mit denen wir uns konfrontiert sehen, lassen uns nach historischen Vorbildern suchen. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise erlebte der ehrbare Kaufmann hanseatischer Prägung eine Renaissance. Mitten in einer Phase, in der die Schuldenberge europäischer Länder wie Griechenland und Irland das Projekt eines einheitlichen Europas in den Augen vieler infrage stellen, legen die Film- und Buchautorin Gisela Graichen und der Historiker Rolf Hammel-Kiesow ein Buch über die deutsche Hanse vor. Es kommt nächste Woche in die Buchhandlungen, passend zu einem ZDF-Zweiteiler in der Serie Terra X am 1. und 8. Mai.

Das Buch zu lesen lohnt sich. Die Autoren schlagen auf gut 400 Seiten einen großen Bogen von den Anfängen als losem Handelsverbund von Fernkaufleuten bis zur Blüte als nordeuropäischer Supermacht des Geldes, der auf ihrem Zenit bis zu 200 europäische Städte angehören.

Der Leser erfährt viele spannende Details der wechselhaften Geschichte. Am Tag der Hochzeit des englischen Kronprinzen William ist es besonders reizvoll, daran zu erinnern, dass der Dortmunder Hansekaufmann Tidemann Lemberg dem klammen englischen König Edward III. viel Geld für die Dauerfehde mit Frankreich geliehen hat - als Pfand musste der Monarch zwei Kronen und die englischen Kronjuwelen in Köln hinterlegen, wo Lemberg das Bürgerrecht erworben hatte. Für den Kaufmann ein lohnendes Geschäft: Dank des Gewinns konnte sich der Dortmunder acht Schlösser in England kaufen - mehr als die Queen heute besitzt.

Spannend zu erfahren, dass der in den verbliebenen Hansestädten hochgehaltene Begriff des "Hanseatischen" erst im 18. Jahrhundert entstanden ist und das "Hansische" des Mittelalters ablöste. Desillusionierend für Sinnsucher unserer Zeit ist, dass dem Hanseatischen zugeschriebene Werte wie Ehrlichkeit, Toleranz und Zuverlässigkeit auch in der Blüte nicht die Regel waren.

In zwei Kapiteln zeigt das Autorenduo, dass die Hansekaufleute keineswegs moralisch unangreifbarer waren als ihre heutigen Nachfahren. "Es gab den ehrbaren Kaufmann, aber genauso den von Gier getriebenen Spekulanten und Betrüger", schreiben Graichen und Hammel-Kiesow.

Das dürfte nicht nur die Fernsehteams und Forscher interessieren, die gern im Lübecker Stadtarchiv vorstellig werden. In zwei Jahren soll dort ein Europäisches Hansemuseum die Rolle der Hanse als Wegbereiterin Europas würdigen.
Das Buch tut dies bereits heute. Konkrete Antworten auf die Fragen unserer Zeit aber, etwa nach dem Umgang mit schuldenbeladenen Partnern in der Währungsunion, bietet leider auch die Historie der Hanse nicht.

Festzuhalten bleibt, was die beiden Autoren als einen der wichtigsten Gründe für den Niedergang der Hanse am Ende des 16. Jahrhunderts benennen: den Verlust der Fähigkeit, "auf neue Situationen angemessen zu reagieren".

G. Graichen, R. Hammel-Kiesow: Die deutsche Hanse. Eine heimliche Supermacht Rowohlt, Reinbek 2011, 416 Seiten, 24,95 Euro

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