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11.06.2012

12:23 Uhr

Documenta 13

Abenteuer-Spielplatz für die Sinne

Die Documenta in Kassel ist so viel versprechend und verführerisch, dass man zur Besichtigung mehrere Tage braucht. Allein über 50 Künstler bespielen die barocke Parkanlage der Karlsaue. Unsere Korrespondentin Sigrid Nebelung war für das Handelsblatt mit dem Rad unterwegs.

Sam Durants begehbare Skulptur nach Modellen alter und neuer Galgen. Documenta 13, Foto: Nils Klinger

Sam Durants begehbare Skulptur nach Modellen alter und neuer Galgen.

KasselSeit Beginn der Documenta war die ausgedehnte Parkanlage der barocken Karlsaue die traditionelle Ruhezone für die Besucher. Diesmal bildet sie mit über 50 Künstlern einen neuen Schwerpunkt, der sich kilometerlang erstreckt. Zum Glück kann man sich Fahrräder ausleihen und losradeln, vorbei frisch gepflanzten Apfelbäumchen und Wildwuchs auf den Wiesen, vorbei an den kleinen Holzhäusern im Baumarkt-Design, die an Wellness-Oasen erinnern oder Behausungen der Occupy-Bewegung nahestehen. Am großen See klettern Kinder und Erwachsene auf einem hohen Holzgerüst herum. Wer ahnt schon, dass Sam Durant, Jahrgang 1961, sich bei der Konstruktion an historischen und aktuellen Galgenmodellen orientiert hat. Das Anti-Denkmal des Amerikaners schockiert. Durant setzt sich mit der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten auseinander.

Von einer versteckten Lichtung im Wald klingen sphärische Klänge herüber und laden ein zum Verweilen. Die Idylle trügt, diese Sound-Installation von Janet Cardiff & George Bures Miller verunsichert, der Besucher hört plötzlich ein Geräusch wie Panzerketten hinter sich, Bäume fallen, Unheil droht. Weiter geht es zum schwarzen „Tea Party Pavillon“ von Rosemarie Trockel. Nur drei oder vier Personen auf einmal dürfen hinein und die Bilder betrachten. Draußen radeln Galeristen vorbei, das Handy am Ohr.

Auf der anderen Seite des Kanals zeigt Thea Djordjadze in einem Gewächshaus eine ortsbezogene Skulptur. Sie kommt wie gewohnt mit „halbfertigen Sachen“ an und arbeitet mit den möbelartigen Stücken aus einfachen Materialien wie Gips, Drahtnetz, Holz, Lehm, Papier und Textilien vor Ort.

Lois Weinbergers Arbeit von 1997 "Das über Pflanzen / ist eins mit ihnen" im Kulturbahnhof ist Teil der Documenta 13. Foto: Uwe Zucchi dpa

Lois Weinbergers Arbeit von 1997 "Das über Pflanzen / ist eins mit ihnen" im Kulturbahnhof ist Teil der Documenta 13. Foto: Uwe Zucchi

„Körperkino“ von Cardiff & Miller

Cardiff & Miller spielen auch auf dem neuen Schauplatz der Documenta, dem Kulturbahnhof, eine Rolle. Als 1991 nach der Wiedervereinigung der gesamte Fernverkehr auf den neu gebauten Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe umgeleitet wurde, verwaiste der alte Bahnhof. Heute dient er nur noch als Haltepunkt für Pendlerzüge. Das Areal wird zum ersten Mal von der Documenta genutzt.

Ehe der Besucher in Richtung „Südflügel“ oder „Nordflügel“ aufbricht, wird er von Cardiff & Miller an die Hand genommen. Ihren „Video-Walk“ über den „Alten Bahnhof“ kann man sich auf ein Smartphone  herunterladen. Unten im Bahnhofs-Kino werden auch Abspielgeräte  mit Kopfhörer verliehen: Nun eröffnet sich eine Welt, in der sich Realität und Fiktion auf eine verstörende Weise vermischen, die man als „Körperkino“ bezeichnet. Der Betrachter erlebt über einen kleinen Bildschirm alles mit, er befindet sich genau dort, wo das Bildmaterial gedreht wurde. Man folgt den bewegten Bildern, glaubt, die Kamera selbst zu bedienen, was zu einer noch nie erlebten Verwechslung von Realitäten führt. Man erfährt Bedrückendes (den Abtransport der Juden von Gleis 13), aber auch Heiteres.

Willie Dohertys Videoinstallation „Secretion“ (2012), die der Künstler aus Irland an Orten in und um Kassel gedreht hat, gehört zu stillen Meisterwerken der Documenta. Der verschlungene Lauf der Fulda mündet in einem Industriegebiet am Stadtrand, die Bilder der zerstörten Landschaft und der Verwesung sind das Vermächtnis des Anfang 50-Jährigen. 

Wie irreal wirkt das Vorgehen des Künstlers Rabih Mroué, Jahrgang 1967, aus Beirut. Er arbeitet mit Handy-Videos, die syrische Oppositionelle von ihren Mördern machten, bevor sie erschossen wurden. Das funktioniert ohne Schock-Ästhetik.

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