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09.06.2012

08:46 Uhr

Documenta in Kassel

Wo Wind zur Kunst wird

VonSusanne Schreiber

Heute eröffnet die 13. Documenta in Kassel – für 100 Tage. Nach sprödem Entrée überrascht die Ausstellung mit starken, politischen Arbeiten. Nirgendwo ist der Kunstbegriff so weit gefasst. Ein Rundgang.

„Limited Art Project“: Yan Leis hat die Bilder aus dem Netz geladen. AFP

„Limited Art Project“: Yan Leis hat die Bilder aus dem Netz geladen.

Düsseldorf/KasselDas Feindbild ist klar: Enthemmte Wirtschaft und Finanzmärkte, Krieg und Vertreibung. Die 13. Documenta, die ab Samstag für 100 Tage geöffnet hat, kämpft dezidiert für eine andere Welt. So verzichtet die künstlerische Direktorin Carolyn Christov-Bakargiev demonstrativ auf Apple Computer und hat den Ausschank von Coca Cola untersagt. Weil sie die Politik dieser Global Player nicht mag.

Die Amerikanerin mit der Lockenfrisur steht dem Glauben an wirtschaftliches Wachstum grundsätzlich skeptisch gegenüber. Das passt zur einer Zeit, in der die Piraten als Partei ernst genommen werden müssen und die Occupy-Bewegung sich neu aufstellt und ständig Zuwächse verzeichnet. Dabei wurde die Direktorin mit dem Spitznamen CCB schon Ende 2008 nach Kassel berufen.

Wer schöne Bilder und gefällige Kunstwerke konsumieren möchte, wird in Kassel erst einmal gründlich verschreckt. Denn gleich im ersten Raum des Fridericianum, einem der vier zentralen Ausstellungsstätten, bläst dem Besucher zur Begrüßung ein ziemlich kalter Wind ins Gesicht.

Nichts als Böen spürt er, zunächst kaum wahrnehmbar, zumal, wenn er aus unwirtlichem Regenwetter herein kommt. Der weiträumige Saal ist absolut leer. Alle Besucher suchen Kunst und sehen rein gar nichts. Erst die Beschriftung sorgt für Erkenntnis. Aha: Der junge Brite Ryan Gander lässt tatsächlich nichts als eine „Brise" durch eine ganze Raumfolge wehen. Ziemlich dürftig für den Auftakt der weltweit wichtigsten Ausstellung zur zeitgenössischen Kunst.

Was am Anfang als Ärgernis wirkt, nämlich die provokativ gestellte Frage: „Ist Wind Kunst?“ erweist sich am Ende jedoch tatsächlich als Anstoß zu einem verloren gegangenen, anderen Naturbegriff, den wir heute wiedererlangen sollten. Den formuliert auf dem über die ganze Stadt verteilten Ausstellungsparcours beispielsweise Italiens Altmeister Giuseppe Penone mit seinem sinnlichen Umgang mit Holz und Stein oder auch Jimmie Durham mit eigens in der Karlsaue gepflanzten Apfelbäumen. Der Cherokee-Indianer pflanzte u.a. eine jener Sorten an, die Pfarrer Korbinian Aigner im KZ Dachau gezüchtet hatte. Der renitente Gottesmann hatte sich seinerzeit geweigert, Kinder auf den Namen Adolf zu taufen und sich generell Nazianweisungen standhaft widersetzt.

Fakten zur Documenta 13

Dauer

100 Tage (9. Juni bis 16. September)

Künstler

Die Teilnehmerliste umfasst 297 Namen, darunter sind aber auch Wissenschaftler, Mitarbeiter des Kuratorenteams und Tote.

Künstlerische Leiterin

Carolyn Christov-Bakargiev

Orte

Hauptorte in Kassel sind Fridericianum, documenta-Halle, Neue Galerie, Orangerie und der Karlsaue-Park. Es gibt aber viele weitere Orte wie ein Kino oder ein Hotel. Auch Veranstaltungen in Kabul, Kairo und Kanada gehören dazu.

Ausstellungsfläche in Kassel (inklusive Außenflächen)

rund 1,5 Quadratkilometer

Besucher

Vor fünf Jahren kamen rund 750 000, diese Zahl möchte die documenta-Chefin wieder erreichen.

Etat der Documenta 13

24,6 Millionen Euro

Akkreditierte Journalisten

mehr als 2500

Öffnungszeiten

täglich von 10.00 bis 20.00 Uhr

Preise

Tageskarte 20 Euro (ermäßigt 14 Euro), Zweitages-Karte 35 Euro (ermäßigt 25 Euro), Dauerkarte 100 Euro (ermäßigt 70 Euro), Familientageskarte für bis zu zwei Erwachsene und drei Kinder 50 Euro.

Publikationen

„Das Buch der Bücher“ mit Abbildungen und Aufsätzen, „Das Logbuch“ über die Entstehung der documenta und „Das Begleitbuch“ zu den Kunstwerken.

Jimmie Durham unterläuft mit seiner von indianischem, naturverbundenem Denken geprägten Kunst gern westliche Vorstellungen davon, wie Kunst zu sein und sich zu präsentieren hat. Der aus dem Korbiniansapfel und einen schwarzhäutigen Arkansas Black Apple gepresste Saft ist auf der Documenta zu haben schmeckt übrigens köstlich.

Kern der Mammutschau mit mehr als 160 Künstlern an über 20 Orten in der Stadt und in rund 30 Holzpavillons in der Karlsaue ist die Frage: „Wie können wir uns die Welt neu, d.h. anders vorstellen?"

Diese Frage stellt die weltweit arbeitende Kunsthistorikerin Christov-Bakargiev nicht nur den ausgestellten Künstlern, sondern auch Physikern und Biologen, Experten für erneuerbare Energien und Philosophen. Deren ausführliche Überlegungen füllen den ersten von drei Katalogbänden. Die Begründung der eloquenten Chefin für dieses Vorgehen: „Wir müssen über die Kunst hinausgehen, um zum eigentlichen Kern der Kunst und damit zu den gesellschaftspolitischen Fragestellungen der Gegenwart zu gelangen".

Auf der Pressekonferenz gibt die 54-Jährige Feministin mit bulgarisch-italienischen Wurzeln noch keck und bewusst provozierend zu Protokoll: „Ich habe kein Konzept". Doch ihr Motto "Collapse and Recovery" ist der rote Faden zu manchmal doch arg heterogenen Kunstwerken. Gerade hier in Kassel, der geschundenen Stadt seien die geschichtlichen Voraussetzungen ideal, um "über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nachzudenken", beharrt Chefin CCB auf ihrem Ansatz.

Kommentare (5)

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Account gelöscht!

09.06.2012, 13:13 Uhr

... da wird sogar aus einem Schrotthaufen ein Kunstwerk.

Die Mehrheit der Kasseler Bevölkerung ist nicht an der Documenta interessiert. Die Stadt KS behauptet zwar, dass die einen Gewinn bringt, schaut man sich aber die Bilanz der Dokumenta GmbH genauer an, so kommen da erhebliche Zweifel.

Und wer kenn im Ausland schon die Dokumenta. Mir ist bisher noch keiner über den Weg gelaufen der Kassel kannte, geschweide denn die Documenta.

Account gelöscht!

09.06.2012, 13:50 Uhr

"Und wer kenn im Ausland schon die Dokumenta. Mir ist bisher noch keiner über den Weg gelaufen der Kassel kannte, geschweide denn die Documenta."

Das kann ich mir in Ihren bildungsfernen Kreisen sehr gut vorstellen.

Account gelöscht!

09.06.2012, 14:02 Uhr

Wer einen Schrotthaufen oder einen Erdhaufen vor der schönen Oragerie in der Karlsaue als Kunst bezeichnet der ist mit Verlaub bekloppt.

Empfehlenswert ist hingegen ein Besuch der Gemäldeausstellung im Schloss Wilhelmshöhe.

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