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21.11.2011

06:55 Uhr

Dorotheum

Auf Zwischenstopp in Wien

Die im Wiener Dorotheum anstehenden Auktionen für zeitgenössische Kunst haben den Geschmack der internationalen Sammler im Blick. Daneben kommen in dieser Woche auch Design und Klassische Moderne zum Ausruf.

Zaha Hadi: Woush-Sofa, Entwurf 1985/86. Laut Katalog wurden seit 1986 nur sechs unterschiedliche Versionen ausgeführt. Zaha Hadid - Dorotheum, Wien

Zaha Hadi: Woush-Sofa, Entwurf 1985/86. Laut Katalog wurden seit 1986 nur sechs unterschiedliche Versionen ausgeführt.

WienIm Herbst 2004 eröffnete im Museum of Contemporary Art Cleveland eine Ausstellung, die von fiktiven Künstlern „beschickt“ worden war: Von Charles Rosenthal und Ilya Kabakov, beides Personen, die der Vorstellung des realen Künstlers Kabakov entsprangen. Damals gesellte sich zu der Schau noch ein dritter Künstler hinzu, Igor Spivak. Mit diesem Werkkomplex imaginierte Kabakov eine idealisierte Alternative zur russischen Kunstgeschichte, die sowohl den populistischen Geist als auch Themen des sozialistischen Realismus mit den utopischen Symbolen von Abstraktion verknüpft. Das Bild „Bei der Universität 1972“ war Bestandteil dieser großen Installation und gastierte auch bei der ersten Retrospektive in Moskau seit Kabakovs Emigration, die von Roman Abramovich finanziert wurde. Nun soll es am 24. November im Wiener Dorotheum versteigert werden.

Das aktuelle Interesse an dem Bild sei außergewöhnlich, erläutert Petra Schäpers, Leiterin der Düsseldorfer Dorotheums-Repräsentanz und verantwortliche Expertin. Das hätten die Vorbesichtigungen in Paris, in Brüssel, Düsseldorf, München und in Wien gezeigt. Das Werk motiviere die Betrachter, sich darüber auszutauschen, auch wegen seiner kunsthistorischen „Zitate“, den Partien in expressionistischem, impressionistischen und konstruktivistischem Stil. Und, obwohl man das von Kabakovs-Konzeptkunst nicht unbedingt annehmen würde, dieses Werk besitze auch Sofaqualitäten. So habe es sich etwa nahtlos in das historische Ambiente der österreichischen Botschaft in Paris eingefügt, wo das Bild während der Fiac präsentiert worden war.

Internationale Kapazitäten & heimisches Establishment

Vor allem aber gilt das auf 600.000 bis 800.000 Euro taxierte Kabakov-Bild als heißer Anwärter auf den Titel höchster Zuschlag der Woche. Auf dem Sekundärmarkt ist der russische Künstler bislang deutlich weniger präsent als in der Galerienszene. Seit 1990 gelangten laut „Artprice“ insgesamt nur 135 Arbeiten auf den Markt, darunter bloß 14 Ölgemälde. Phillips de Pury notierte 2008 in London den höchsten Auktionspreis für Kabakov mit 3,83 Millionen Euro für das 1982 entstandene „Beetle“.

Dabei ist Kabakov nur einer der zahlreichen Gegenwartskapazitäten, auf die man in dem knapp 220 Positionen umfassenden Zeitgenossen-Katalog stößt. Abgesehen von der hier schon traditionell dominant vertretenen Italien-Fraktion (u.a. Enrico Castellani, Lucio Fontana, Agostino Bonalumi) und ergänzt um das österreichische Establishment unter anderem mit Arnulf Rainer, Hermann Nitsch und Alfred Hrdlicka, finden sich auch internationale Köder: Etwa Robert Indiana mit seinem Berliner Mauer-Fragment „Love/Wall“, das 90.000 bis 120.000 Euro kosten soll, oder der Arte Povera-Mitbegründer Jannis Kounellis. Seine unbetitelte Arbeit aus dem Jahr 1989, in der er Farbe, Eisen, Blei und Kohle zu zeitloser Poesie komponierte und mit archetypischen Klischees spielte, ist auf 140.000 bis 180.000 Euro geschätzt.

Auch das Angebot der Sparten Design und vor allem Klassische Moderne, das am 22. und 23. November zum Ausruf kommt, wurde am globalen Geschmack ausgerichtet. Das gilt für Zaha Hadids vier Meter langes „Woush“-Sofa (26.000 bis 32.000) ebenso wie für Paula Modersohn-Beckers um 1902 datiertes „Mädchen mit Ziege“ (150.000 bis 180.000). Auch Joan Mirós „Sobreteixim sac 2“ von 1973 (200.000 bis 300.000) und Amedeo Modiglianis Zeichnung „Portrait Jean Cocteau dürften in Österreich nur einen kurzen Zwischenstopp einlegen und bei internationalen Sammlern eine neue Heimat finden.

Von

Olga Kronsteiner

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