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11.05.2018

22:30 Uhr

Susanne Schreiber

Düsseldorfer Galerien

Schriftliche Bildreflexion

VonSusanne Schreiber

Lars Breuer arbeitet mit Buchstaben, Berta Fischer faltet Plexiglas und Michael Bauch denkt mit unkonventionellen Mitteln über Malerei nach.

DüsseldorfEindeutiger geht’s nicht. Es steht ja geschrieben vor einem - meint der Galerieflaneur zunächst. Aber kaum macht er sich ans Entziffern der Wandarbeiten von Lars Breuer, gerät er ins Stocken.

Gar nicht so einfach herauszubringen ist, was der wache Zeitgenosse da an die zentrale Wand in der Galerie Pfab im Galerienviertel Düsseldorf-Flingern geschrieben hat.

Susanne Schreiber

Das liegt nicht nur an dem gespiegelten Verhältnis von weißem und schwarzem Grund. Die Buchstanden sind wie immer rhythmisch und in der schrägen Breuer-Typografie angelegt. Die erste Zeile zu lesen, gelingt noch zügig: „Dekoration“.

Na ja. Mäßig interessant, aber mein Kopfkino zeigt dennoch sofort Bilder vom Kunstmessen, die zu viel an reiner Deko-Kunst dabeihaben, weil sich gut vermarkten lässt, was gefällig ist und nicht weh tut.

Bei der zweiten Zeile wird es erheblich schwieriger, weil Breuer zwar immer von den architektonischen Gegebenheiten ausgeht, aber dort, wo etwa Türen sind, fallen die Buchstaben schlicht aus.

Auf die erste Silbe muss der Betrachter spielerisch kommen, oder sie von der Werkliste ablesen: „Agitation“. Jetzt fluten Assoziationen zur aktuellen gesellschaftspolitischen Debatte um die AfD mein Hirn. Hier legt der Künstler den Finger in die Wunde.

Blick auf die Wandarbeit „DEKORATION / AGITATION“ in der Galerie Pfab. Credit: Linda Inconi-Jansen; Galerie Pfab, Düsseldorf

Lars Breuer

Blick auf die Wandarbeit „DEKORATION / AGITATION“ in der Galerie Pfab.
Credit:

Mit sparsamen Mitteln entwirft Breuer ein treffendes Gesellschaftsbild jenseits aller Klischeebilder - nur mit Hilfe von Lettern. Zwischen den Polen Aufruhr und der Behaglichkeit des nur Schönen ist unsere Zeit doch gut charakterisiert.

Aber das ist nur (m)eine Lesart der Breuer'schen Kunst. Sie bringt Buchstaben – Sinn – Haltung – Graphik – Rhythmus – Architektur in einen Zusammenhang, der die meisten Betrachter zum Nachdenken anregt. „Dekoration / Agitation“ kostet übrigens 18.000 Euro.

Von seinen Wandarbeiten hat Lars Breuer etliche nicht nur für Museen und Privatsammlungen exklusiv entworfen und ausgeführt. Er hat auch für Audi und andere große deutsche Firmen vor Ort gearbeitet.

Aber von dem seit 1. April 2018 zum Professor für „Wahrnehmung, Form und Farbe“ an die Peter Behrens School of Arts der Hochschule Düsseldorf berufenen Breuer hat Rupert Pfab noch andere Werkgruppen ausgesucht.

In der Ausstellung mit dem Titel „Relikte voller Optimismus“ (bis 30.6.) kontrastieren kleine Schriftbilder („FAILED CLASSICISM“, Aquarell, 1.600 Euro) mit Zeichnungen auf Leinwand, die durch Verwendung von Kohle und Lack ihren Reiz entfalten (6.000 Euro).

Wiederkehrendes Element ist bei Lars Breuer das Symbol-Bild einer Explosion. Beispiele für Breuers Ansichten zum Thema „Esplosione“ finden sich in der Ausstellung in einer zackigen Lack-Alu-Arbeit in orange-schwarz, als Relief in vergoldetem Messing und als Mischtechnik schwarz-weiß auf Leinwand (je 6.000 Euro).

Das Wandobjekt "Untitled" in der Ausstellung bei Kadel Willborn. Galerie Günther, Hamburg

Berta Fischer

Das Wandobjekt "Untitled" in der Ausstellung bei Kadel Willborn.

Ein sternförmig ausgreifendes Element kommt auch in der Doppelausstellung von Berta Fischer und Michael Bauch vor. „Balam“ ist die einzige kompakte Skulptur von Berta Fischer unter lauter transparenten Objekten.

Die Schau ist ein Gastspiel der Galerie Karin Guenther aus Hamburg in den Räumen der Düsseldorfer Galerie Kadel Willborn (bis 30. Juni 2018). Man kennt sich, teil sich den Stand auf der einen oder anderen Messe und bereichert seine Klientel durch den Austausch starker Positionen.

Das Besondere ist, dass Berta Fischer eine eigene Galerie hat in Düsseldorf, Konrad Fischer, aber dort – natürlich - nicht ausstellt. Denn die Tochter von Dorothee und Konrad Fischer lebt ihr Leben als Künstlerin weiter, obwohl sie die Verantwortung trägt für eine weltberühmte Galerie, zwei Standorte sowie zahlreiche Künstler und Mitarbeiter.

Charakteristische Arbeiten der in Berlin lebenden Künstlerin Berta Fischer bestehen aus beschichtetem Plexiglas, das sie faltet und biegt als wäre es das Tuch einer Draperie aus dem Barock. Mal irisiert das Material wie bei der eher flächig aufgefassten Hängeskulptur „Iblay“ (36.000 Euro ohne Mwst.), mal sorgen verschiedenfarbige transparente Neontöne für Farbmischungen in den tiefen Falten und Wellen, etwa bei „Utlay“ (12.000 Euro ohne Mwst.).

Zugleich zeichnerisch und skulptural wirkt die kleine unbetitelte Wandskulptur im Büro. Sie strahlt große Leichtigkeit aus, als sei sie ein hingeworfenes Taschentuch, in dessen Kanten sich Farbe, Licht und Linien fangen.

Der Kontrast zu den Bildern von Michael Bauch könnte nicht größer sein. Der Maler baut sie als Nachdenken über Malerei heute auf, als ein subtiles Spiel zwischen Kontrolle und Kontrollverlust. Durch den Kontrast von senkrechten Hardedge-Kanten und dem freien Gießen von Farbe entstehen horizontale Partien, die wirken, als hätten aufgeklebte und entfernte Fetzen sie erzeugt.

Der Betrachter bleibt stehen, schaut länger und überlegt: Wo liegt welche Farbe? Was ist auf der Leinwand oben oder unten? Egal zu welcher Antwort er kommt, er sollte das Kolorit und das sich gegenseitig verstärkende Zusammenspiel der Farben nicht übersehen.

Karin Günther, seine Stammgaleristin, bietet seine Leinwände für Preise zwischen 5.000 und 16.000 Euro (ohne Mwst.) an. „Bauch malt das Malen als eine künstlerische Arbeit am Material“, beobachtet die Kunsthistorikerin Kerstin Stakemeier. Da lohnt auch ein zweiter oder ein dritter Blick.

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