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27.01.2006

14:33 Uhr

Ein Buch von Wolfgang Kraushaar

Wer war Genosse Bombenleger?

VonRalf Balke

Was Polizei und Staatsschutz nicht schafften, gelingt einem Politologen des Hamburger Instituts für Sozialforschung: Nach mehr als dreißig Jahren klärt Wolfgang Kraushaar die Urheberschaft des versuchten Bombenanschlags auf das Jüdische Gemeindehaus in Berlin auf. Damals, am 9. November 1969, während der Gedenkveranstaltung für die Opfer der Pogromnacht von 1938, tickte dort eine Bombe, die aber nicht explodierte.

HB DÜSSELDORF. Zwar brachte ein Bekennerschreiben die Ermittler rasch auf die Spuren der Tupamaros West-Berlin, einer aus der 68er-Studentenbewegung hervorgegangenen radikalen Splittergruppe. Der eigentliche Bombenleger konnte jedoch nie identifiziert werden. Dank akribischer Recherchen präsentiert Kraushaar nun Albert Fichter, einen Mitstreiter des Apo-Urgesteins Dieter Kunzelmann, als Urheber der Tat.

Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus ist weit mehr als nur eine vergessene Fußnote in der wechselvollen Geschichte der Apo, der "außerparlamentarischen Opposition". Sie markiert einen Wendepunkt, denn die Tupamaros West-Berlin wählten damit erstmals Terror und Gewalt als Mittel im Kampf gegen das "Schweinesystem" - und das noch vor der Roten-Armee-Fraktion. Die Tatsache, dass erstmals die Verantwortung für einen antisemitischen Anschlag von Menschen übernommen wurde, die sich als politisch links definierten, hat eine Vorgeschichte. Bereits unmittelbar nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 war Israel gemäß Apo-Diktion ein "ökonomisch und politisch parasitärer Staat" ohne Existenzrecht. Kunzelmann, Fichter & Co. reisten denn auch prompt in die Ausbildungscamps von Arafats Al-Fatah-Bewegung, um dort aus erster Hand zu lernen, wie man den "Zionismus im eigenen Land schlagen" kann.

Kraushaars Buch ist in doppelter Hinsicht von Bedeutung: Zum einen skizziert es auf breiter Quellenbasis sehr detailliert und dennoch gut lesbar, wie Teile der Apo in die Illegalität abrutschten. Zum anderen thematisiert es genau das, was gemeinhin als linker Antisemitismus zu verstehen ist: "Palästina gleich Vietnam, Faschismus gleich Zionismus, Israel gleich ,Drittes Reich? und Al-Fatah gleich Antifaschismus" - eine Formel, die offensichtlich bis heute eine verheerende Faszination auf viele Menschen ausübt.

WOLFGANG KRAUSHAAR: Die Bombe im Jüdischen Gemeindehaus Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2005, 300 Seiten, 20 Euro

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