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13.03.2011

10:45 Uhr

Eugen Schönebeck

Neubewertung eines Schrittmachers

VonJohannes Wendland

Eugen Schönebeck brach der Figuration in den 1960er-Jahren in Deutschland eine Bahn. Kenner schätzen sein kleines Werk hoch. In der Schirn entdeckt jetzt auch das große Publikum den Pionier.

Eugen Schönebeck  in der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur  in der Hauptstadt, vor einem seiner Gemälde. Quelle: Dawin Meckel/OSTKREUZSchirn Kunsthalle Frankfurt, 2011 /Dawin Me

Eugen Schönebeck in der Berlinischen Galerie, Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur in der Hauptstadt, vor einem seiner Gemälde.

FrankfurtDiese Gelegenheit ist selten: Da bietet die Kunsthalle Schirn in Frankfurt am Main an, in einer Ausstellung das Gesamtwerk eines zeitgenössischen Künstlers zu besichtigen. Also praktisch alles, was dieser Künstler geschaffen hat, bzw. was davon erhalten geblieben ist. Dabei handelt es sich um einen Künstler, der vielen Kunstliebhabern unbekannt sein dürfte, der von Museumsdirektoren, Kuratoren und einigen Kennern jedoch zu den Schlüsselfiguren der deutschen Kunst nach 1945 gezählt wird. Dessen Werk innerhalb von nur zehn Jahren entstanden ist. Denn danach hat der Mann, der ein Schrittmacher war in den 1960er-Jahren, die Kunst ganz einfach aufgegeben.

Die Rede ist von Eugen Schönebeck, geboren vor 75 Jahren in Heidenau bei Dresden, als Maler tätig in Berlin zwischen 1955 und 1966. Seither Privatier, der sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Rund 30 Gemälde und ebenso viele Zeichnungen sind in der Frankfurter Ausstellung zu sehen, die erste Schönebeck-Retrospektive seit fast 20 Jahren, als der Maler mit dem schmalen Werk in Berlin noch einmal einen bedeutenden Kunstpreis erhalten hatte und daneben in Hannover umfassend ausgestellt wurde.

Eingang in wichtige Sammlungen

Durch seine Präsenz in Sammlungen wie der Neuen Pinakothek in München, der Berlinischen Galerie, dem Frankfurter Städel oder dem Ludwig Forum in Aachen ist Schönebeck prominent in der Kunstöffentlichkeit platziert. Auch die Deutsche Bank hat für ihre Corporate Collection ein großes Konvolut Zeichnungen erworben. Es geht in der Schirn-Ausstellung also nicht darum, einen Vergessenen wieder auszugraben. Eher geht es darum, die Bedeutung von Eugen Schönebeck für die Kunst der Gegenwart neu zu bewerten. Und das geht bei einem solchen Künstler am besten, indem man sein Gesamtwerk wieder einmal zusammenträgt.

Debüt als Dekorationsmaler

Es sind wirklich wenige Bilder, die Schönebeck der Öffentlichkeit übergeben hat – was ihm als unzulänglich erschien, pflegte er selbst zu zerstören. So entsteht in der Ausstellung das Bild einer künstlerischen Entwicklung, die drei wesentliche Stufen umfasste. Wie die allermeisten seiner Zeitgenossen malte Schönebeck Ende der 1950er-Jahre zunächst abstrakt. Wie sein damaliger Freund und Arbeitskollege Georg Baselitz, wie Gerhard Richter oder wie der Nagelkünstler Günther Uecker kam Schönebeck aus der DDR. Bis 1955 studierte und arbeitete er als Dekorationsmaler in Pirna und später in Ostberlin. Nachdem seine Bewerbung an der Hochschule für bildende Künste in Westberlin im Herbst 1955 angenommen wurde, siedelte er über den eisernen Vorhang in den Westen und begann, sich mit der dortigen Kunstszene auseinanderzusetzen. Einige abstrakte, farbstarke Kompositionen im damaligen Stil des Tachismus – der abstrakten Malerei mit Farbflecken – sind zu sehen, die wie Suchbewegungen eines Studierenden wirken.

Das Verdrängte malen

Um 1962 scheint dann etwas Wesentliches passiert zu sein. In kurzer Zeit entsteht eine Serie mit großformatigen figurativen Bildern, auf denen versehrte menschliche Körper in ihrer brutalen Fleischlichkeit abgebildet werden. Eine Verwandtschaft mit Werken von Francis Bacon und Georg Baselitz aus der damaligen Zeit ist unübersehbar, ganz offensichtlich bricht sich bei Schönebeck ein Drang zur Darstellung Bahn. Die unbestrittene Dominanz der abstrakten Kunst im Westdeutschland der Nachkriegszeit lässt sich nicht nur als Versuch verstehen, den Anschluss an die „Westkunst“ in den USA, in Frankreich oder in den Niederlanden zu schaffen, sondern auch als Weg, den Erinnerungen an die verheerenden Bilder des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts zu entfliehen. In Werken wie „Gefolterter Mann“ (1963) oder „Der Köder“ (1963) scheinen diese verdrängten Bilder durchzubrechen. Es sind Bilder in einer enorm reduzierten, schmutzigen Farbigkeit, die dargestellten Körper sind gerade noch als menschliche Körper erkennbar, Gliedmaßen scheinen abgetrennt, Köpfe gespalten und der ganze Aufbau deformiert zu sein. Diese Bilder sind zweifellos die stärksten im Gesamtwerk des Malers, Zeugnisse eines Zeitalters der Unmenschlichkeit, pessimistisch und düster.

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