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25.05.2012

18:22 Uhr

„Europas Schande“

Grass dichtet diesmal zu Griechenland

Nach dem umstrittenen Gedicht zum Verhältnis von Israel und Iran hat Nobelpreisträger Günter Grass sich zu einem aktuellen Thema geäußert. „Europas Schande“ heißt das Werk, in dem er Griechenland Beistand leistet.

Literaturnobelpreisträger Günter Grass in seinem Atelier in Behlendorf. dpa

Literaturnobelpreisträger Günter Grass in seinem Atelier in Behlendorf.

Knapp zwei Monate nach seinem umstrittenen israelkritischen Gedicht geht Literaturnobelpreisträger Günter Grass (84) in neuen Versen mit Europas Griechenland-Politik hart ins Gericht. Das Gedicht, das an diesem Samstag in der „Süddeutschen Zeitung“ erscheint und der Nachrichtenagentur dpa vorliegt, trägt den Titel „Europas Schande“. Grass beklagt darin, dass Griechenland „als Schuldner nackt an den Pranger gestellt“ und „unter Schrottwert taxiert“ werde. Es sei ein „rechtloses Land, dem der Rechthaber Macht den Gürtel enger und enger schnallt“.

Das Gedicht besteht aus zwölf je zweizeiligen Strophen. Grass spricht darin Europa direkt an. Das Werk beginnt mit den Zeilen „Dem Chaos nah, weil dem Markt nicht gerecht, bist fern Du dem Land, das die Wiege Dir lieh“. Griechenland werde „abgetan“: „Als Schuldner nackt an den Pranger gestellt, leidet ein Land, dem Dank zu schulden Dir Redensart war.“

Dokumentation: Das neue Grass-Gedicht in Auszügen

Dokumentation

Das neue Grass-Gedicht in Auszügen

In Auszügen dokumentieren wir das jüngste Grass-Gedicht. Wie das Vorgänger-Werk „Was gesagt werden muss“ veröffentlichte der 84-Jährige das Gedicht in der „Süddeutschen Zeitung“.

Der Autor beklagt, dass Griechenland zur Armut verurteilt sei, ein „kaum noch geduldetes Land“. Europa wirft er vor, dem Land den Giftbecher zu trinken zu geben: „Sauf endlich, sauf! schreien der Kommissare Claqueure, doch zornig gibt Sokrates Dir den Becher randvoll zurück“, schreibt Grass unter Anspielung auf den griechischen Philosophen Sokrates, der nach einem Todesurteil den Schierlingsbecher getrunken hatte.

Grass spielt offenbar auch auf die deutsche Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg an: Diejenigen, die das Land mit Waffengewalt heimgesucht hätten, „trugen zur Uniform Hölderlin im Tornister“. Zum Schluss warnt der Dichter Europa vor einem Götterfluch und mahnt: „Geistlos verkümmern wirst Du ohne das Land, dessen Geist Dich, Europa erdachte.“

In seinem Anfang April - ebenfalls in der „Süddeutschen Zeitung“ - veröffentlichten Gedicht „Was gesagt werden muss“ hatte Grass Israel vorgeworfen, als Atommacht den Weltfrieden zu gefährden. Der Iran sei von einem atomaren Präventivschlag durch Israel bedroht, der das iranische Volk auslöschen könne. Das Gedicht hatte international für Empörung gesorgt und Grass den Vorwurf des Antisemitismus eingetragen. Israel hatte den Autor zur unerwünschten Person erklärt. Grass sah eine Kampagne gegen sich.

Günter Grass war mit seinem Roman „Die Blechtrommel“ (1959) weltbekannt geworden. 1999 erhielt er den Literaturnobelpreis. Grass galt lange als moralische Instanz in Deutschland. Sein spätes Eingeständnis (2006 in seinem autobiografischen Werk „Beim Häuten der Zwiebel“), dass er kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war, brachte ihm jedoch den Vorwurf ein, viel von seiner moralischen Glaubwürdigkeit verspielt zu haben.


Von

dpa

Kommentare (57)

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Laienrichter

25.05.2012, 18:28 Uhr

Da fällt einem nur frei nach Heinz Erhardt ein:
"Ich war immer nicht ganz dicht, aber heute bin ich Dichter...."

Heinz

25.05.2012, 18:57 Uhr

Mein Gott, G ü n t e r,
hattest Du nicht Dein letztes Gedicht mit der "letzten Tinte" geschrieben? Welcher Tölpel hat Dich mit neuer Tinte versorgt?

Baier

25.05.2012, 19:03 Uhr

Seine Truppe (Waffen-SS) hat doch mit zur Besetzung Griechenlands beigetragen. Das hat er wohl vergessen, der gute Mann. Mit welchen Ergüssen will er uns denn noch beglücken?

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