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09.07.2014

19:36 Uhr

Expressionismus

„Habt ihr nicht den Krieg erst neulich gesehen?“

VonChristiane Fricke

Als „mordende Schweinerei“ bezeichnete der Künstler Gert H. Wollheim den Ersten Weltkrieg. Er brachte Europa an den Abgrund und die Künstler in existenzielle Verzweiflungslagen. Die Galerie Remmert und Barth in Düsseldorf erinnert an den Zusammenbruch wohl temperierter Weltbilder.

Mit Tusche gezeichnet an der Front: Gert H. Wollheim: "Sturmangriff", um 1915. Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Mit Tusche gezeichnet an der Front: Gert H. Wollheim: "Sturmangriff", um 1915.

DüsseldorfDer vor 100 Jahren ausgebrochene Erste Weltkrieg ging als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts in die Geschichtsbücher ein. An sie erinnert in diesem Jahr eine Vielzahl von Ausstellungen, darunter allein elf in rheinischen Institutionen und Museen. „1914 – Mitten in Europa“ ist etwa das ehrgeizige, interdisziplinäre Projekt des Landschaftsverbands Rheinland überschrieben, das die Voraussetzungen sondiert, unter denen sich Europa dem Abgrund näherte. Auch die Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf, hat sich des Themas unter dem Titel „1914 und die Folgen“ angenommen, denn es berührt ihr Kerngebiet, die rheinische Kunst rund um den Expressionismus.

Zertrümmerte Häuser

Otto Dix, der an den Schlachten in der Champagne, an der Somme und in Flandern teilnahm, malte 1916 gegen das Grauen an, als er mit Öl auf Karton einen „Granattrichter (in Blütenform)“ bannte. 50 Jahre später erinnert er sich an seine Alpträume. „Ich habe jahrelang, mindestens zehn Jahre lang, immer diese Träume gehabt, in denen ich durch zertrümmerte Häuser kriechen musste, durch Gänge, durch die ich kaum durchkam.“

Walter Gramatté: "Die schwarze Sonne", Tusche, 1917. (Ausschnitt) Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Walter Gramatté: "Die schwarze Sonne", Tusche, 1917. (Ausschnitt)

Unter den 46 Exponaten von insgesamt 13 Künstlern nimmt dieses farblich sehr reizvolle Dix-Motiv preislich eine einsame Spitzenstellung ein. Remmert und Barth haben es auf 260.000 Euro angesetzt. Das Gros der Offerte bewegt sich im vier- und fünfstelligen Rahmen. Walter Gramatté, der durch schwere Verletzungen bedingt 1918 körperlich zusammenbrach und aus dem Heer entlassen wurde, malte 1917 mit schwarzer Tusche „Die schwarze Sonne“ (2.400 Euro). Noch 1923 sah er sich in einem Aquarell als angstvolle Kreatur „Selbst als Katze“ (30.000 Euro). Nur wenig später datiert ein mit Aquarell- und Deckfarben gemalter „Ewiger Kampf“ von Hannah Höch (45.000 Euro).

Ludwig Meidners Tuschfederzeichnung "Neue Brücke in Heidelberg" von 1912. (Ausschnitt) Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Ludwig Meidners Tuschfederzeichnung "Neue Brücke in Heidelberg" von 1912. (Ausschnitt)

Zerbrochenes, graues Herz

Eine furiose Tuschezeichnung ist Ludwig Meidners „Neue Brücke in Heidelberg“ von 1912, die Remmert und Barth für 9.500 Euro anbieten. Sieben Jahre später bezeichnete er sich als gedemütigten und eingeschüchterten Soldaten, „der allerletzte unter deinesgleichen, feldgrau getüncht von außen und innen ein zerbrochenes, graues Herz“. Von Otto Pankok stammt der Holzschnitt einer essenden Familie (1918), gemalt, nachdem er wegen seiner schweren Verletzungen bereits entlassen worden war.

Otto Pankoks Holzschnitt "Essende Familie" von 1918. Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Otto Pankoks Holzschnitt "Essende Familie" von 1918.

Eine Entdeckung ist der gebürtige Duisburger Werbegraphiker und Künstler Adolf Uzarski. Der Mitbegründer der Künstlervereinigung „Das junge Rheinland“ stellt sich so vor: „Bis zu meinem 30. Lebensjahre hütete ich die Dorfschweine, weshalb ich heute mit den Stadtschweinen leichter fertig werde …“ Spott schwingt auch in seiner Tuschezeichnung „Draußen herrscht Krieg“ (1924) mit, die 2.800 Euro kosten soll.

Ausschnitt aus Adolf Uzarskis mit Tusche gezeichneter Illustration "Draußen herrscht Krieg", 1924. Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Ausschnitt aus Adolf Uzarskis mit Tusche gezeichneter Illustration "Draußen herrscht Krieg", 1924.

„Habt ihr nicht den Krieg erst neulich gesehen, ihr lieben Staatsbürger“, fragt ironisch Gert H. Wollheim rückblickend im Jahre 1920. Was er an der Front erlebt hat, davon zeugt seine Tuschezeichnung „Sturmangriff“, die um 1915 datiert wird (2.400 Euro). Rund zwei Jahre später macht ihn ein Bauchschuss kampfunfähig.

„1914 und die Folgen“, bis 27. September 2014, Galerie Remmert und Barth, Düsseldorf

Der Martin-Gropius-Bau in Berlin ist zweite Station der vom LVR-LandesMuseum Bonn organisierten Ausstellung „1914 – Welt in Farbe“.

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