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29.10.2011

10:08 Uhr

Fälscherskandal

Urteil lässt viele Fragen offen

VonChristiane Fricke

Sechs Jahre muss der Maler und Bandenchef Wolfgang Beltracchi hinter Gitter. Das Gericht vergaß bei der Strafbemessung allerdings ein Werkverzeichnis der Falsifikate und eine Liste aller Bankkonten zu verlangen.

Angeklagter Wolfgang Beltracchi: Maler und Bandenchef dpa

Angeklagter Wolfgang Beltracchi: Maler und Bandenchef

KölnMit erwartungsgemäß mildem Urteil ging gestern der Prozess um den größten Kunstfälscherskandal der Nachkriegsgeschichte zu Ende. Wolfgang Beltracchi, Maler und Spiritus Rector der Betrügerbande, erhielt sechs Jahre für gewerbs- und bandenmäßigen, schweren Betrug mit Urkundenfälschung in elf Fällen und drei Versuchen. Seine Frau Helene wird in fünf Fällen und einem Versuch mit vier Jahren Haft bestraft. Der Chefverkäufer Otto Schulte-Kellinghaus erhielt fünf Jahre für sieben Fälle und drei Versuche. Jeanette S. kam für schweren Betrug mit Urkundenfälschung in einem Fall mit einem Jahr und neun Monaten auf Bewährung davon.

Damit blieb der Vorsitzende Richter Wilhelm Kremer für die drei Hauptangeklagten bei dem von der Staatsanwaltschaft geforderten Höchststrafmaß. Die Kammer hatte, betonte Richter Kremer, nur in 14 Fällen zu befinden. In dem laut Gericht „nicht alltäglichen Verfahren“ kam es aufgrund umfassender Geständnisse zu einer sogenannten Verständigung und damit zu spürbaren Abschlägen der sonst drohenden Höchststrafe von bis zu zehn Jahren.

„Verehrtes Publikum, jetzt kein Verdruss: Wir wissen wohl, das ist kein rechter Schluss.“ Darin gleicht das Verfahren am Kölner Landgericht Bertold Brechts Theaterstück „Der gute Mensch von Sezuan“. Zu viele Fragen bleiben offen. Wohin floss das Geld, das die Betrüger mit dem Verkauf der nicht zur Anklage gekommenen Fälschungen verdienten? Auf 80 bis 100 Millionen Euro schätzen Kenner die gesamte Schadenssumme. 55 Leinwände wurden als Fälschungen identifiziert.

Wo ist der große Rest, den man aufgrund der lang zurückreichenden Tatzeit vermuten darf? Noch größere Bauchschmerzen bereitet die Vorstellung, dass Wolfgang Beltracchi nicht der alleinige Maler war. Was wird noch alles auf den Markt kommen? Wäre es nicht richtig gewesen, ein Werkverzeichnis der Fälschungen und eine Liste über sämtliche Konten in den „Deal“ einzubinden, wie der Bremer Kunsthändler Wolfgang Werner fordert?

Kommentare (3)

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art_as_art_can

29.10.2011, 10:40 Uhr

na gut - oder auch nicht: lediglich der Vermutenssphäre dürfte desweiteren entspringen, daß es sich in der Tat um einen "Deal" gehandelt hat, mit dem größere Verwerfungen vermieden(?)wurden und um sozusagen Schadensbegrenzung vorzunehmen. Schon Tom Ripley soll ja seine Last mit der Kunst gehabt haben...

lol

29.10.2011, 11:08 Uhr

..."schlugen die Verteidiger vor, dass Beltracchi die konfiszierten Fälschungen eigenhändig signiere und mit Zusätzen wie „Hommage à Max Pechstein“ oder „Hommage à Max Ernst“ versehe. Damit werde „jede falsche Verwendungsmöglichkeit ausgeschlossen“. (dpa)"

thomas-w-schmidt

08.01.2012, 12:36 Uhr

"Je aufwendiger ein Täter vorgeht, umso höher ist seine kriminelle Energie", so die Gerichte, „... und die kriminelle Energie hat Einfluss auf das Strafmaß." Sie steht niemanden auf der Stirn geschrieben, und nach dem Äußeren kann nicht auf Charakter und Psyche des Menschen schließen oder doch?
Sechs Jahre Knast sind nicht ohne. Es lohnt sich also nicht, wie in diesem Fall, zu plagieren.
Wie sich Betrüger selbst ans Messer liefern, ist in jenem Thriller, “Antiquitätenmarder … noch lebe ich!“, AAVAA-Verlag, Berlin, nachzulesen.

Thomas Schmidt

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