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11.02.2015

11:32 Uhr

Fifty Shades of Grey

Vom „Mutti-Porno“ zum Marketing-Phänomen

VonMarcel Reich

Der Film „Fifty Shades of Grey“ startet auf der Berlinale. 100 Millionen Mal wurde die Buchvorlage um Sadomaso und Dominanz verkauft. Der Erfolg beruht auf einem digitalen Phänomen: einer Empfehlungswelle im Netz.

DüsseldorfEs ist erst Februar, und dennoch feiert heute auf der Berlinale bereits einer der meisterwarteten Filme des Jahres seine Premiere: „Fifty Shades of Grey“. Die Buchvorlage mauserte sich vom Geheimtipp zum Weltbestseller, mehr als 100 Millionen Mal wurde sie verkauft. Das Zauberwort dahinter: Virales Marketing.

Die Geschichte um die unschuldige, 21-jährige Studentin Anastasia Steele und den sechs Jahre älteren Unternehmer und Milliardär Christian Grey schrieb die britische Autorin E.L. James zunächst als Fanfiction für die bekannte „Twilight“-Saga.

Dabei bediente sie sich der beiden Hauptcharaktere der Teenie-Romanze, des Vampirs Edward und der Schülerin Bella, und erdachte eine eigene Story mit den beiden. Unter dem Pseudonym „Snowqueens Icedragon“ veröffentlichte James ihre Geschichte im Jahr 2009 mit dem damaligen Namen „The Master of the Universe“ auf Fan-Webseiten im Internet.

Alle Infos zu „Fifty Shades of Grey“

Die Autorin

E. L. James ist das Pseudonym der britischen Autorin Erika Leonard. Sie lebt in London und ist Mutter von zwei Söhnen. „Fifty Shades of Grey“ war ihr erster Roman. Ursprünglich schrieb sie die Geschichte als Fanfiction zur „Twilight“-Saga.

Die Handlung

Die 21-jährige Literaturstudentin Anastasia Steele (Dakota Johnson) lernt bei einem Interview den 27-jährigen Unternehmer und Milliardär Christian Grey (Jamie Dornan) kennen und fühlt sich von ihm angezogen. Christian die Kontrolle über Anas Gefühlswelt. Als sie ihn näher kennenlernt, erfährt sie, dass seine sexuellen Neigungen Bondage, Dominanz und Sadismus beinhalten. Ana lässt sich darauf ein mit Hoffnung, Christian auch emotional näher zu kommen.

Musical-Adaption

Die Musical-Parodie „49 1/2 Shades of Grey“ feierte im vergangenen Jahr in Hamburg Premiere. Die Regisseurin Gerburg Jahnke inszenierte ein Musical-Persiflage auf den Erotik-Bestseller.

Soundtrack zum Buch

Bereits Mitte September 2012 erschien der Soundtrack zur Buchtrilogie in Deutschland. Klassische Musik spielt im Buch eine größere Rolle, die Autorin E.L. James selbst hat die Stücke für das Album ausgewählt.

Film-Budget

Die Macher der Verfilmung von „Fifty Shades of Grey“ hatten ein Budget von circa 40 Millionen US-Dollar zur Verfügung.

Vorverkaufsrekorde

Der Vorverkauf zu Fifty Shades of Grey begann am 11. Januar 2015 in den Vereinigten Staaten. Innerhalb einer Woche wurde mehr Tickets verkauft als 2012 „Die Tribute von Panem – The Hunger Games“ erzielte. Außerdem waren die Vorführungen am Eröffnungstag sowie für das Valentinstag-Wochenende innerhalb von wenigen Stunden ausverkauft.

Fortsetzungen

Nach einer Testvorführung in New York City am 6. Februar 2015 verkündete die Regisseurin Taylor-Johnson, dass es zwei Fortsetzungen geben wird und dass der zweite Teil bereits 2016 in die Kinos kommen soll.

Schon in dieser Version gab es die vielzitierten Sadomaso-Szenen, die „Shades of Grey“ später zum Tuschelthema Nummer eins machen würden. Das kam bei den „Twilight“-Fans jedoch gar nicht gut an, es gab viel Kritik an den Details der BDSM-Praktiken und der Handlung, die sich um Dominanz und Unterwerfung dreht. Daher veröffentlichte James die Fortsetzungen bereits auf ihrer eigenen Website „FiftyShades.com“, erst da gab sie ihren Hauptcharakteren die heute bekannten Namen.

Erst im Jahr 2011 wurde der kleine, australische Independent-Verlag „The Writer's Coffee Shop“ auf das Werk aufmerksam und veröffentlichte die auf eine Trilogie angewachsene Geschichte ab Mai 2011 im Dreimonatsrhythmus als Taschenbücher. Außerdem konnten die Geschichten mittlerweile auch als E-Books heruntergeladen werden – wohl der Ursprung der schnellen und gigantischen Ausbreitung des Romans, die nun folgte. E-Books können anonym und diskret heruntergeladen werden, „peinliches“ Nachfragen im Buchladen nach solchen erotischen Geschichten fällt so flach.

Wer von „Fifty Shades of Grey“ profitiert

Orion

Der Erotikhändler Orion verkauft seit dem Bucherfolg von „Fifty Shades of Grey“ nach eigenen Angaben deutlich mehr Peitschen, Fesseln und Liebeskugeln.

Baumarktkette B&Q

Die Mitarbeiter der britischen Baumarktkette B&Q sollen sich durch die Lektüre des Buchs oder dem Anschauen des Films auf „sensible“ Fragen von Kunden vorbereiten, um diese auf „höfliche, hilfreiche und respektvolle Art“ beantworten zu können. Das Rundschreiben weist auf eine Szene von „Fifty Shades of Grey - Geheimes Verlangen“ hin, in der der reiche Unternehmer Christian Grey in einen Baumarkt geht, um Kabelbinder, Seil und Klebeband zu kaufen. „Mehr als für Ausbesserungen zu Hause sind diese Produkte dafür gedacht, Herrn Greys unkonventionelle sexuelle Wünsche zu erfüllen“, wird in dem Memo vornehm formuliert.

Audi

Auch Audi springt auf den Zug auf und produzierte gleich zwei Spots mit Bezug auf den kommenden Blockbuster. Kein Wunder: Der Automobilhersteller gab erst kürzlich eine Kooperation mit Universal Pictures für „50 Shades of Grey” bekannt. So werden in dem Film fünf unterschiedliche Modelle der Ingolstädter zu sehen sein.

Kondomhersteller

Der US-Kondomhersteller Trojan nutzt die Gunst der Stunde, seine „50 Shades of Real Pleasure” zu vermarkten. In dem Clip versucht sich ein Pärchen daran, die Szenen aus dem Buch stümperhaft nachzustellen – und scheitert.

Lego

Selbst der Bauklötzchenhersteller Lego beteiligt sich am „Grey“ Hype und veröffentlichte eine Version des offiziellen Kino-Trailers in Lego-Optik.

Cinestar

Die Kinokette CineStar, nach eigenen Angaben Marktführer in Deutschland, hat eine Woche vor Kinostart schon mehr als 80 000 Karten verkauft. „Das ist schlicht sensationell und selbst bei Filmen wie „James Bond“ oder bei der „Der Herr der Ringe“-Trilogie noch nicht vorgekommen“, sagt CineStar-Geschäftsführer Oliver Fock.

Dem kleinen Verlag fehlte jedoch jegliches Kapital, um ein ordentliches Marketing für „Fifty Shades of Grey“, wie das Werk mittlerweile hieß, auf die Beine zu stellen. So war es zunächst vor allem Mund-zu-Mund-Propaganda, die das Buch populärer machte. Im digitalen Zeitalter übernehmen Literaturblogs im Internet diese Aufgabe, mehrere positive Rezensionen wurden per E-Mail oder sozialen Netzwerken geteilt. Dieses Phänomen des „Viral Marketings“ griff soweit um sich, dass amerikanische Fernsehstationen darüber zu berichten begannen.

Durch „Viral Marketing“ breitet sich die Bekanntheit eines Produkts eben wie ein Virus aus, in dem immer mehr Nutzer ihren Freunden und Bekannten davon erzählen. Und Infos auf Facebook oder anderen sozialen Netzwerken teilen. So wuchs die Fangemeinde exponentiell an, ohne dass der kleine australische Verlag dafür auch nur einen Dollar ausgeben musste.

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Der große Verlag „Vintage Books“ (in Deutschland als „Knopf-Verlag“ bekannt) sicherte sich die Rechte an dem Werk und veröffentlichte im April 2012 eine neue Version. Zu diesem Zeitpunkt schätzte die Fachwelt die Leserschaft zu großen Teilen weiblich und über 35 Jahre ein.

Das brachte „Fifty Shades of Grey“ in der englischsprachen Literaturkritik zunächst den wenig schmeichelhaften Spitznamen „Mommy-Porn“ („Mutti-Porno“) ein. Erst später wurde klar, dass auch Teenager und Studenten zu den Fans gehörten und gehören.

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