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17.09.2014

12:59 Uhr

Film-Rezension „Schoßgebete“

„Nur beim Sex vergesse ich alle Probleme“

VonMarcel Reich

Charlotte Roches Werke wissen zu schocken. Die Verfilmung von „Feuchtgebiete“ garnierte menschliche Abgründe mit nackten Körpern und viel Sex. „Schoßgebete“ geht nun einen ähnlichen Weg. Und macht doch vieles anders.

Lavinia Wilson als Elizabeth Kiehl und Jürgen Vogel als ihr Ehemann Georg in einer Szene des Films „Schoßgebete“. Der Film weiß mit drastischen Aufnahmen zu schocken. dpa

Lavinia Wilson als Elizabeth Kiehl und Jürgen Vogel als ihr Ehemann Georg in einer Szene des Films „Schoßgebete“. Der Film weiß mit drastischen Aufnahmen zu schocken.

Düsseldorf„Feuchtgebiete“ war einer der aufregendsten Filme des Jahres 2013. Die Verfilmung von Charlotte Roches Debüt-Roman hatte vieles, um ein breites Publikum zu überzeugen: Witz, stylische Aufnahmen, und natürlich ganz viel nackte Haut.

Mit mutigen Bildern und einer tiefergehenden Geschichte eines verstörten Mädchens war der Film am Ende sogar besser als das Buch. Nun kommt mit „Schoßgebete“ Roches zweiter Roman auf die Leinwand – und macht vieles anders als sein Vorgänger.

Diese Abgrenzung beginnt schon bei der Einstellung zum Leben, die Hauptfigur Elisabeth Kiehl (Lavina Wilson) prägt. Auf dem Weg zu ihrer Hochzeit kamen vor neun Jahren ihre drei Geschwister bei einem Autounfall ums Leben.

Alles zu den Schoßgebeten

Charlotte Roche

Bekannt wurde Charlotte Roche nach einem erfolgreichen Casting im Frühjahr 1998 durch ihre Moderatorentätigkeit bei VIVA Zwei in der Musiksendung Fast Forward. Im Februar 2008 erschien ihr Roman Feuchtgebiete, in dem Themen wie Analverkehr, Intimhygiene, Masturbationstechniken, Intimrasur und Prostitution provokant behandelt werden, aber auch die Auseinandersetzung der Ich-Erzählerin mit der Scheidung ihrer Eltern beschrieben wird.

Der „Bild“-Skandal

Vor ihrer für den 30. Juni 2001 in London geplanten Hochzeit verunglückte das Fahrzeug ihrer Mutter in Belgien. Auf dem Weg zur Feier starben ihre drei Brüder, die Mutter wurde schwer verletzt. Daraufhin soll ein Journalist, der sich Roche gegenüber als Bild-Mitarbeiter vorstellte, versucht haben, ein Interview mit ihr zu erzwingen, indem er damit drohte, andernfalls einen negativen Bericht über sie zu veröffentlichen. Roche verweigerte, dennoch kam es zu keiner negativen Berichterstattung. Roche sah sich dennoch als Opfer von Bild und ging gegen die Zeitung vor. So trug sie am 8. Februar 2006 als Gast bei Harald Schmidt ein Kleid mit einer Aufschrift der URL des kritischen Watchblogs Bildblog.

Die Buchvorlage

„Schoßgebete“ war nach „Feuchtgebiete“ der zweite Roman von Charlotte Roche. Es konnte sich sofort auf Position 1 der Bestsellerlisten platzieren; die Startauflage (eine halbe Million Exemplare) war innerhalb einiger Tage ausverkauft. Mittlerweile hat es sich bereits über eine Million Mal verkauft.

„Feuchtgebiete“

Der Roman von Charlotte Roche wurde zum Bestseller des Jahres 2008 ernannt. Laut dem Marktforschungsunternehmen Media Control wurde die Geschichte mehr als 1,3 Millionen Mal verkauft; das Buch stand 30 Wochen an der Spitze der Literatur-Charts und wurde in einer Auflage von zwei Millionen Exemplaren hergestellt. Die Verfilmung aus dem Jahr 2013 war mit fast einer Million Zuschauer einer der erfolgreichsten deutschen Filme des Jahres.

Livinia Wilson

Livinia Wilson wurde als Tochter einer deutschen Politikwissenschaftlerin und eines US-amerikanischen Anthropologen in München geboren. 2009 stand sie in einer Hauptrolle als ambitionierte Sekretärin zusammen mit Senta Berger für den ARD-Wirtschaftsthriller Frau Böhm sagt Nein vor der Kamera. Regie führte Connie Walther, mit der sie 1996 bereits Das erste Mal gedreht hatte. Für die Rolle der „Ira Engel“ in diesem Film bekam sie 2009 einen Darstellerpreis auf dem Fernsehfilm-Festival Baden-Baden sowie 2010 einen Grimme-Preis. Zuletzt war sie auch im „Tatort“ zu sehen („Borowski und der Engel“).

Sönke Wortmann

Sönke Wortmanns Durchbruch war „Das Superweib“ mit Veronica Ferres in der Hauptrolle. 2009 erschien Wortmanns bislang aufwendigster Film, die Bestsellerverfilmung Die Päpstin. Wortmann hatte 2007 die Regie von Volker Schlöndorff übernommen, der das Projekt jahrelang entwickelt hatte.

Die Trauung fand nicht statt, in der Folge trennte sie sich von ihrem Freund Stefan (Robert Gwisdek), der auch der Vater ihrer Tochter Liza (Pauletta Pollmann) ist. Mittlerweile ist Elisabeth 33 und mit Georg (Jürgen Vogel) verheiratet.

Noch immer hat sie der Unfall fest im Griff, mehr schlecht als recht kommt sie durchs Leben. Ihre einzige echte Bezugsperson ist ihre Therapeutin Frau Drescher (Juliane Köhler). Nur in den Gesprächen mit ihr kann sie zu ihren Dämonen stehen, die sie jeden Tag in jeder Minute begleiten: ihr schlechtes Gewissen, den Vater ihrer Tochter verlassen zu haben, Hemmungen vor zu vielen Gefühlen, und vor allem die Angst vor dem Tod.

Wie in „Feuchtgebiete“ dreht sich auch in „Schoßgebete“ viel um Sex. Während im ersten Film jedoch noch viel Spielerisches steckte, dient Sex für Elisabeth in „Schoßgebete“ fast nur als Flucht vor den eigenen Neurosen.

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