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08.12.2015

08:50 Uhr

Film über Gustl Mollath

„Kompromisslos und kämpferisch“

Gustl Mollath saß sieben Jahre lang in einer Psychiatrie, obwohl er kerngesund war. In einem aufsehenerregenden Wiederaufnahmeverfahren wurde der 59-Jährige 2014 freigesprochen. Mollaths Leiden wurde nun verfilmt.

Der Protagonist des Dokumentarfilms „Mollath - Und plötzlich bist Du verrückt“, Gustl Mollath, und die Regisseurinnen Annika Blendl (zweite von links) und Leonie Stade (rechts) posieren am 25.06.2015 in München im Mathäser Filmpalast beim Opening des Filmfest München. dpa

"Mollath - Und plötzlich bist Du verrückt"

Der Protagonist des Dokumentarfilms „Mollath - Und plötzlich bist Du verrückt“, Gustl Mollath, und die Regisseurinnen Annika Blendl (zweite von links) und Leonie Stade (rechts) posieren am 25.06.2015 in München im Mathäser Filmpalast beim Opening des Filmfest München.

NürnbergSein Fall sorgte bundesweit für Aufsehen und brachte sogar die Gesetzgeber zum umdenken: Der Nürnberger Gustl Mollath war rund sieben Jahre lang gegen seinen Willen in der Psychiatrie eingesperrt. Ein Gericht hielt ihn für gefährlich, doch er kämpfte von Anfang an für seine Freilassung. Im Sommer 2014 schließlich kann er das Regensburger Landgericht nach einem Wiederaufnahmeverfahren als freier Mann verlassen.

Zwei junge Filmemacherinnen haben den 59-Jährigen eineinhalb Jahre lang begleitet. Sie wollten hinter die Fassade von einem der bekanntesten Justizopfer in Deutschland blicken. An diesem Dienstag (22.45 Uhr) ist die Dokumentation „Mollath – Und plötzlich bist du verrückt“ im Bayerischen Fernsehen zu sehen.

Gustl Mollath – seit Jahren ein Fall für die Justiz

2002

November: Mollath wird von seiner Frau wegen Körperverletzung angezeigt. Er soll sie im August 2001 mindestens 20 Mal geschlagen haben. Außerdem habe er sie gebissen, getreten und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt. Mollath bestreitet die Vorwürfe.

2003

Mai: Die Staatsanwaltschaft Nürnberg-Fürth erhebt Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung und Freiheitsberaubung.

September: Die Hauptverhandlung beginnt vor dem Amtsgericht Nürnberg. Das Verfahren wird ausgesetzt und beginnt im April 2004 neu. Ein Gutachter attestiert Mollath gravierende psychische Störungen.

Dezember: Mollath erstattet Strafanzeige gegen seine Frau, weitere Mitarbeiter der HypoVereinsbank und 24 Kunden wegen Steuerhinterziehung, Schwarzgeld- und Insidergeschäften. Die Anzeige wird später von der Staatsanwaltschaft abgelegt. Die Angaben seien zu unkonkret für ein Ermittlungsverfahren.

2004

Juni: Mollath muss zur Begutachtung ins Bezirkskrankenhaus Erlangen, kommt aber wieder frei.

2005

Februar: Mollath wird für fünf Wochen in das Bezirkskrankenhaus Bayreuth eingewiesen.

2006

August: Ein Gutachter bescheinigt Mollath eine wahnhafte psychische Störung und paranoide Symptome. Das Landgericht Nürnberg-Fürth stellt fest, dass Mollath seine inzwischen von ihm geschiedene Frau körperlich misshandelt und Autoreifen zerstochen hat. Weil der Gutachter ihn jedoch wegen seiner Wahnvorstellungen als gemeingefährlich eingestuft hatte, spricht das Gericht Mollath wegen Schuldunfähigkeit frei, und er wird in die Psychiatrie eingewiesen.

2007

Februar: Der Bundesgerichtshof verwirft Mollaths Revision als unbegründet.

2012

März: Die bayerische Justizministerin Beate Merk (CSU) sagt im Landtag, Mollaths Strafanzeige wegen der Bankgeschäfte seiner Frau sei „weder Auslöser noch Hauptanlass noch überhaupt ein Grund für seine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus gewesen“. Seine Vorwürfe gegen die Bank hätten keinen begründeten Anfangsverdacht für Ermittlungen ergeben.

November: Ein interner Revisionsbericht der HypoVereinsbank aus dem Jahr 2003 wird publik. Danach traf ein Teil von Mollaths Vorwürfen zu. Die Freien Wähler fordern Merks Rücktritt und einen Untersuchungsausschuss.

30. November: Merk will den Fall Mollath komplett neu aufrollen lassen und ordnet einen Wiederaufnahmeantrag wegen möglicher Befangenheit eines Richters an.

2013 (März-Juli)

18. März: Die Staatsanwaltschaft beantragt die Wiederaufnahme wegen neuer Tatsachen, die dem Gericht bei der Verurteilung 2006 noch nicht bekannt gewesen seien. Entscheiden muss das Landgericht Regensburg.

26. April: Der Mollath-Untersuchungsausschuss des Landtages tritt erstmals zusammen.

28. Mai: Das Landgericht Regensburg lehnt eine Entscheidung über Mollaths Psychiatrie-Unterbringung vor der Prüfung des Wiederaufnahmeantrags ab.

9. Juli: Der Untersuchungsausschuss geht zu Ende. SPD, Grüne und Freie Wähler sehen gravierende Fehler bei den Ermittlern und bei Merk und verlangten deren Entlassung.

24. Juli: Das Landgericht Regensburg weist die Anträge zur Wiederaufnahme des Mollath-Prozesses zurück.

2013 (August-Dezember)

6. August: Das Oberlandesgericht Nürnberg hebt nach knapp zwei Wochen Beratung die Regensburger Entscheidung auf. Das Gericht ordnet die Wiederaufnahme des Strafverfahrens sowie die sofortige Freilassung Mollaths an.

5. September: Das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gibt einer Beschwerde Mollaths statt. Seine Unterbringung in der Psychiatrie war demnach seit 2011 verfassungswidrig.

12. Dezember: Das Landgericht Regensburg kündigt an, dass es Mollath erneut psychiatrisch begutachten lassen will. Mollath lässt über seinen Anwalt mitteilen, dass er dies ablehnt.

19. Dezember: Das Landgericht Regensburg teilt mit, dass das Wiederaufnahmeverfahren gegen Mollath am 7. Juli 2014 beginnt.

2014

7. Juli: Beginn des Wiederaufnahmeverfahrens.

23. Juli 2014: Die beiden Verteidiger von Mollath legen nach Unstimmigkeiten mit dem Nürnberger ihr Mandat nieder. Das Gericht bestimmt sie zu Pflichtverteidigern.

8. August 2014: Die Staatsanwaltschaft fordert in ihrem Plädoyer einen Freispruch für Mollath, ist aber von der Schuld des 57-Jährigen überzeugt. Die Verteidigung verlangt einen Freispruch „ohne Wenn und Aber“. Mollath selbst sagt, er habe die Taten nicht begangen.

14. August: Gustl Mollath ist ein freier Mann. Das Landgericht Regensburg spricht ihn frei, außerdem steht ihm eine Entschädigung zu.

In 90 Minuten blicken die Regisseurinnen Leonie Stade und Annika Blendl Gustl Mollath über die Schulter und sprechen mit Freunden und Wegbegleitern. Mollath zeigen sie etwa barfuß am Strand, bei einem Autorennen in England, in der Kirche oder wenn er liebevoll seine Pflanzen versorgt.

Zuweilen wirkt Mollath im Film eigen – etwa wenn er im Bus seine Münzen wegen der seltenen Prägung nicht zum Bezahlen verwenden will und lieber Schwarz fährt. Auch seine Verbitterung ist zu sehen über die Ungerechtigkeit, die ihm angetan wurde. Dann wieder wirkt er extrem vernünftig, sehr humorvoll und selbstironisch. Als ihm etwa eine Frau einen kritischen Zeitungsartikel über ihn zeigen will, lehnt er lachend ab und sagt, wenn er so was lesen würde, „möchte ich fast verrückt werden und das möchte ich vermeiden“. Blendl erzählt: „Es gab viele witzige Szenen. Er hat sehr viel Humor und wir haben uns gut mit ihm amüsieren können. Das hätte man vielleicht gar nicht geahnt.“

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