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22.09.2016

06:10 Uhr

Filmkritik Edward Snowden

Lehrjahre eines Patrioten

VonSönke Iwersen

Seinem Land wollte Edward Snowden dienen. Doch je mehr Einblicke er in die Welt der Geheimdienste bekam, desto mehr zweifelte er. Oliver Stone hat aus der Erfahrung des jungen Agenten einen sehenswerten Film gemacht.

Kinostarts der Woche

„Snowden“ – Stone bringt Whistleblowers Leben auf Leinwand

Kinostarts der Woche: „Snowden“ - Oliver Stone bringt das Leben des Whistleblowers auf die Leinwand

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MünchenDie Regeln, die Edward Snowden beim US-Geheimdienst lernt, sind einfach. Im Kampf gegen den Terror müssen die USA auf alles vorbereitet sein. Maximale Vorbereitung bedeutet maximale Überwachung. Würde die Öffentlichkeit von dieser Überwachung erfahren, wäre auch der Feind gewarnt. Also bleibt sie geheim. Die Absolutheit, mit der Snowdens Ausbilder im neuen Kinofilm von Oliver Stone seinem Schützling die Welt erklärt, lassen keine Nachfragen zu.

Eine Geschichte zu erzählen, die jeder kennt, ist keine leichte Aufgabe. Oliver Stone hat sie mit Bravour gemeistert. Der inzwischen 70-jährige Regisseur zeichnet das Bild eines jungen Patrioten, der noch keine Ahnung hat, auf was er sich mit seiner Bewerbung bei der CIA eigentlich einlässt. Anfangs voller Überzeugung an das Gute, das die USA in der Welt repräsentieren, wachsen mit jedem Schritt seine Zweifel. Neun Jahre dauert seine Reise vom Naivling zum Whistleblower. Es ist eine klassische Heldengeschichte.

Ein kleines Lexikon der Spähaffäre

Prism

Das ist der Name des US-Geheimdienstprogramms, das gleich zu Beginn enthüllt wurde und deshalb zum Inbegriff der gesamten Spähaffäre wurde. Die Abkürzung steht für „Planning Tool for Resource Integration, Synchronization and Management“ (etwa Planungswerkzeug für Quellenintegration, -synchronisierung und -management). Es ist bislang nicht ganz klar, wie das Programm funktioniert. Nach den von Snowden der Presse übergebenen Dokumenten erlaubt oder organisiert „Prism“ den Zugriff auf Daten der Nutzer großer Internetfirmen wie Microsoft, Google und Facebook. Experten glauben, dass US-Dienste damit verdachtsunabhängig große Mengen Nutzerdaten abgreifen. Die gespeicherten Daten werden dann mit Filterbegriffen genauer durchsucht.

Tempora

So lautet der Deckname eines Überwachungsprogramms des britischen Geheimdienstes und NSA-Partners GCHQ, das es auf Daten aus Seekabeln abgesehen hat. Durch diese Glasfaserverbindungen fließt der überwiegende Teil der globalen Telefon- und Internetkommunikation. „Tempora“ erlaubt es demnach, den Datenverkehr in Pufferspeichern zu sammeln und Emails, Telefonate und Videochats zu rekonstruieren. Die Daten können einige Tage, einzelne Informationsteile wie Absender und Empfänger sogar wochenlang gespeichert werden. Mit der entsprechenden Software können so nachträglich Nachrichten von Verdächtigen gefunden oder die Stimmen von Gesuchten identifiziert werden.

Muscular

Hierbei geht es den bislang vorliegenden Berichten zufolge um das wahllose Abfangen der Datenströme aus Glasfaserkabeln zwischen den Rechenzentren der Internetkonzerne Google und Yahoo durch die NSA und ihren britischen Partnerdienst GCHQ. Google betreibt weltweit 13 dieser Anlagen, auf denen die Daten von Nutzern und deren Informationsströme verwaltet werden. Die Zentren tauschen ständig gigantische Datenmengen untereinander aus. NSA und GCHQ haben sich angeblich heimlich Zugang zu den Verbindungskabeln verschafft und kopieren Massen unverschlüsselter Daten.

XKeyscore

Der Begriff bezeichnet ein weiteres internes IT-Programm der NSA. Nach bisher vorliegenden Informationen handelt es sich dabei anscheinend um eine Art Analyse-Software, mit der die von der NSA betriebenen Datenbanken durchsucht werden, um Berichte über das Kommunikationsverhalten einer Person zu erstellen. Demnach kann „XKeyscore“ etwa auf Telefonnummern und Emailadressen zugreifen, aber auch Begriffe auflisten, die jemand in die Google-Suche eingegeben hat. Über „XKeyscore“ wurde hierzulande zuletzt viel diskutiert. Der Verfassungsschutz räumte ein, das Programm „testweise“ einzusetzen - wobei der Dienst aber ausdrücklich betont, es lediglich zur Analyse von bereits im eigenen Haus vorliegenden, nach deutschem Recht erhobenen Daten zu testen und damit weder aktiv Informationen zu sammeln noch international Daten etwa mit der NSA auszutauschen.

DE-CIX

Der große Internetknoten in Frankfurt am Main ist den Berichten zufolge ein bevorzugtes Ziel der NSA-Spionage in Deutschland. DE-CIX ist eine Art große Weiche, an der Internetverkehr aus verschiedenen einzelnen Provider- und Datennetzen zusammenfließt und verteilt wird. Gemessen am Datendurchsatz soll DE-CIX laut Betreiber der größte Internetknoten der Welt sein. Unklar ist aber, wie mutmaßliche Spione Zugriff auf den Knoten erhalten haben sollen. Denn DE-CIX besteht aus 18 gesicherten Einrichtungen, die durch Glasfaser verbunden sind. Der Betreiber und deutsche Behörden dementierten, dass die NSA hier Zugriff habe.

G-10-Gesetz

Dieses Gesetz regelt den Zugriff der deutschen Nachrichtendienste auf Telekommunikationsdaten. Vollständig heißt es „Gesetz zur Beschränkung des Brief-, Post- und Fernmeldegeheimnisses“. Da es in Artikel 10 des Grundgesetzes verfassungsrechtlich fixiert ist, lautet die Kurzform G-10-Gesetz. Es verpflichtet Postanbieter sowie Telekom- und Internetkonzerne, den Verfassungsschutzämtern, dem Bundesnachrichtendienst (BND) und dem Militärischen Abschirmdienst (MAD) der Bundeswehr auf Verlangen Sendungen zu übergeben und ihnen die Aufzeichnung und Überwachung der Telekommunikation technisch zu ermöglichen. Laut Gesetz dürfen die Dienste derartige Maßnahmen etwa zur Abwehr einer „drohenden Gefahr“ für die demokratische Grundordnung beantragen. Genehmigt werden diese von einer speziellen Kommission aus zehn Bundestagsabgeordneten, der sogenannten G-10-Kommission.

Stone kennt diese Geschichte gut, er hat die selbst erlebt. Der New Yorker meldete sich 1967 zum Militärdienst. Da war er 21. Stone wollte in Vietnam kämpfen – für sein Land und gegen die kommunistische Weltbedrohung, wie er glaubte. 1968 kehrte Stone mehrfach verwundet und mit mehreren Tapferkeitsmedaillen an der Brust zurück. Er wurde zum Regierungskritiker – und zum Regisseur. Zwar dauerte es fast 20 Jahre, bis er der ganzen Welt zeigen konnte, was er vom Vietnamkrieg hielt. Aber dann nahm sie Notiz. Stones Film „Platoon“ spielte 138 Millionen Dollar ein und gewann 1987 vier Oscars. Stone war ein Star. 27 Jahre später traf er auf Snowden, und wusste sofort, dass er einen Film über ihn machen musste.

Filmregisseur Oliver Stone: Der Mann für die schwierigen Fälle

Filmregisseur Oliver Stone

Premium Der Mann für die schwierigen Fälle

Als Oliver Stone erstmals Edward Snowden traf, erkannte er: sich selbst. Nun hat er einen Film über den Whistleblower gemacht – finanziert auch aus eigener Tasche. Dass er das Geld zurückbekommt, ist unwahrscheinlich.

„Du kannst Patriot sein und trotzdem deine Regierung kritisieren“, lautet ein Schlüsselzitat in Stones fast zweieinhalb stündigen Werk. Es ist ein Satz, den Snowden vor gar nicht allzu langer Zeit niemals über die Lippen gebracht hätte.

Stones Film zeigt dies brillant. 2004 schreibt Snowden sich bei der US-Armee ein, in der Hoffnung, in einer Spezialeinheit im Irak kämpfen zu dürfen. Doch Snowden, im Film gespielt von Joseph Gordon-Levitt, ist mit seinem schmächtigen Körper den Torturen der Militärausbildung nicht gewachsen. Er bricht sich beide Beine und ist am Boden zerstört, als die Armee ihn ausmustert. Dann sagt ihm sein Arzt: „Es gibt viele Wege, deinem Land zu dienen.“ Noch ein Schlüsselsatz.

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