Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

05.06.2014

16:46 Uhr

Filmrezension „Boyhood“

Bedingungslos lebensbejahend

VonMarcel Reich

Zwölf Jahre lang begleitete Richard Linklater für seinen Film „Boyhood“ einen Jungen beim Erwachsenwerden. Dabei kommt ein Werk heraus, das ein ganz besonderes Prädikat trägt: einfach unvergleichlich.

Die Schauspieler Ethan Hawke, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Patricia Arquette und Regisseur Richard Linklater (v.l.n.r.) bei der Premiere ihres Filmes „Boyhood“ beim Sundance Film Festival 2014. ap

Die Schauspieler Ethan Hawke, Ellar Coltrane, Lorelei Linklater, Patricia Arquette und Regisseur Richard Linklater (v.l.n.r.) bei der Premiere ihres Filmes „Boyhood“ beim Sundance Film Festival 2014.

DüsseldorfNicht selten wird ein Film als „einzigartig“ bezeichnet, oft wird ein Film „außergewöhnlich“ genannt. Doch was Richard Linklater mit „Boyhood“ auf die Kinoleinwände bringt, sprengt jeden bisherigen Rahmen. Über zwölf Jahre begleitete er einen Jungen beim Erwachsenwerden. Dabei gelingt es ihm genau jenes magische Element einzufangen, das jeder „Coming-of-Age“-Film gerne hätte: die Gleichzeitigkeit von Werden und Vergehen.

„Boyhood“ setzt ein, als Mason Jr. (Ellar Coltrane) gerade sechs ist. Seine alleinerziehende Mutter Olivia (Patricia Arquette) möchte doch noch aufs College gehen, um ihm und seiner Schwester Samantha (Lorelei Linklater) ein besseres Leben bieten zu können.

Dafür zieht die kleine Familie zurück in Olivias Heimat Texas. Dort knüpfen die Kinder wieder Kontakt zu ihrem Vater Mason Sr. (Ethan Hawke), den sie seit der Scheidung kaum gesehen haben. Der schlägt sich zunächst als Hobbymusiker und Lebenskünstler durch.

Alle Infos zu „Boyhood“

Dreh seit 2002

Damit „Boyhood“ so real wie möglich wirkt, haben die Dreharbeiten bereits 2002 begonnen und die Schauspieler haben sich ca. 4 Tage im Jahr getroffen (39 Drehtage insgesamt).

Projekt war ein Glaubenssache

Nicht immer waren die Schauspieler bereit, sich jedes Jahr aufs Neue zu treffen. Als der junge Hauptdarsteller Ellar mit zwölf Jahren in die Pubertät kam, wollte er für einen kurzen Moment nicht mehr mitmachen. „Legal hätte man dagegen nichts tun können – schon gar nicht, wenn man mit einem Sechsjährigen anfängt, der wirklich noch nicht wissen kann, wie er als Teenager mal drauf sein wird. Das ganze Projekt war letztendlich eine Glaubenssache. Man musste hoffen, etwas zu kreieren, das es wert wäre, sich jedes Jahr wieder zusammenzufinden und dabei auch Spaß zu haben“, sagt Richard Linklater der Luzerner Zeitung.

Finanzierung

Finanziert wurde das auf so lange Zeit angelegte Projekt von der IFC, einer Produktionsgesellschaft, die von New York aus agiert und dem Film jedes Jahr eine bestimmte Summe zur Verfügung gestellt hat.

Richard Linklater

In der fiktiven Langzeitbeobachtung kann Regisseur Linklater schon auf bemerkenswerte Vorarbeit zurückgreifen: Seine gefeierte Trilogie „Before Sunrise“, „Before Sunset“ und „Before Midnight“ mit Julie Delpy und Ethan Hawke schilderte seit 1995 die Entwicklung einer Liebe in Neun-Jahres-Intervallen, die sowohl in Wirklichkeit wie in der Handlung vergangen waren.

Genre

Der Film gehört zum Genre Drama.

Ellar Coltrane

Einer der verblüffendsten Effekte des Films ist es, dem Hauptdarsteller Ellar Coltrane bei der Entwicklung, vom sechsjährigen Buben zum selbstsicheren 18-jährigen Jüngling, zuzusehen.

In der neuen Umgebung muss sich Mason Jr. mit seinen neuen Lebensumständen zurechtfinden. Es wird nicht das einzige Mal bleiben. „Boyhood“ folgt ihm auf seinem windungsreichen Weg, bis er die Highschool verlässt. Aus den Kinderschuhen wächst er auf das erste Mountainbike, statt Harry Potter liest er bald Proust.

Richard Linklater verfilmte „Boyhood“ an 39 Drehtagen – die über zwölf Jahre verteilt wurden. Bis auf seinen vierköpfigen Kern-Cast kommen und gehen die Charaktere. Ab der ersten Minute entfaltet sein Werk eine Magie, die gefangen nimmt. Er unterteilt „Boyhood“ nicht streng in Kapitel, sondern orientiert sich am inhaltlichen Kontext.

So vergehen zwischen zwei Szenen mal nur ein paar Minuten, mal Stunden, und manchmal auch ein ganzes Jahr. Immer wieder streut Linklater popkulturelle oder technische Meilensteile ein, die das Geschehen zeitlich einordnen.

So tanzt Samantha erst zu Britney Spears, später steht sie total auf Lady Gaga. Mason ist zunächst kaum von seinem Gameboy zu trennen, später sitzt er vor der X-Box oder der Wii. So wird „Boyhood“ auch für den Zuschauer eine Reise durch das vergangene Jahrzehnt.

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×