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07.12.2011

20:11 Uhr

Finanzkrise auf der Bühne

Vorhang auf für den Investmentbanker

VonAnnika Williamson

Die Theaterwelt hat die Finanzkrise für sich entdeckt: In der Hauptrolle der Investmentbanker als gescheiterter Held . Das Wiesbadener Staatstheater lässt zur Vorweihnacht auf der Bühne die Börsen abstürzen.

Der Investmentbanker Jasper, Autor Henry und Übersetzerin Meike (v.l.n.r.) im Theaterstück "Das war ich nicht".

Der Investmentbanker Jasper, Autor Henry und Übersetzerin Meike (v.l.n.r.) im Theaterstück "Das war ich nicht".

DüsseldorfJasper Lüdemann schwärmt von seinem Job. Er ist Trader bei einer Investmentbank, in seinem Schreibtisch liegt eine 48er-Packing Snickers, wie es sich für einen Workaholic gehört, der keine Zeit zum Mittagessen hat. Als aber sein Übermut ihm und der Bank einige hundert Millionen Verlust eingebrockt hat, schaut er sich diese schöne Welt von ganz weit unten an: Er versteckt er sich unter einer Parkbank und ruft seine Mutter an.

Das Wiesbadener Staatstheater zeigt zur Vorweihnachtszeit eine Bühnenversion von Kristof Magnussons Roman „Das war ich nicht“. Es geht um den Bestseller-Autor Henry, der nicht mehr schreiben kann; die Übersetzerin Meike, die nicht mehr übersetzen kann, weil der Autor nicht mehr schreibt; und den Investmentbanker Jasper, dessen Arbeitgeber Kredite an Leute vergibt, die sie sich nicht leisten können (so wie die Übersetzerin). Diese drei treffen sich in Chicago, um ihre Probleme zu lösen. Sie scheitern grandios: Am Ende treffen sich die Helden auf einer Parkbank wieder, diesmal als Bettler.

„Früher war es einmal chic, über Wirtschaft nichts zu wissen. Das hat sich geändert“, erzählt der Buchautor Magnusson. „Das Thema Geld ist eng verwoben mit unserer Gier, unseren Wünschen, unseren Träumen. Da ist es total logisch, über einen Investmentbanker zu schreiben.

Der Investmentbanker ist der zeitgemäße gescheiterte Held der Bühne: einst erfolgreich, bei einigen angesehen, immer aber maßlos von sich selbst überzeugt – und am Ende finanziell wie seelisch verarmt, weil mit dem beruflichen Erfolg plötzlich auch der Sinn des eigenen Lebens flöten geht.

Die Person ist aus dem wahren Leben gegriffen: In den 90er Jahren verursacht der Derivatehändler Nick Leeson den Niedergang der britischen Barings Bank – Fehlspekulation. Kurz vor der Lehman-Pleite brockt Jérôme Kerviel seinem Arbeitgeber Société Générale einen Schaden von 4,9 Milliarden Euro ein – Fehlspekulation. Genau wie Kweku Abodoli erst in diesem Jahr 2,3 Milliarden US-Dollar der UBS verjubelte – wieder einmal eine Fehlspekulation.

Dieser gescheiterte Held hat auf der Bühne Tradition, nur hatte er früher einen anderen Beruf. Vor 60 Jahren war er Handlungsreisender und hieß Willy Loman. Der berühmte Protagonist von Arthur Millers Theaterstück „Tod eines Handlungsreisenden“ beginnt seine Karriere mit großem Ehrgeiz. Er wird Vertreter, weil andere in diesem Beruf ihm den materiellen Erfolg vorleben, bei dem er mithalten will. Der Erfolg ist kurzlebig, Erfüllung erfährt Willy Loman nicht. Den Selbstmord hält er am Ende für die beste Lösung.

Kommentare (1)

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BleibtKritisch

08.12.2011, 14:17 Uhr

"Die Akteure sind die brandaktuellen Beispiele für Menschen, die es weit nach oben geschafft haben – und daher umso tiefer fallen. Seit eh und je haben Zuschauer einen Heidenspaß dabei, solche Abstürze zu begaffen."

Ist die Botschaft nicht gerade, dass diese Menschen so viel Macht haben und die Banken Lobby in der Welt, insb. in den USA, so viel Einfluss hat, dass die Verursacher eben oft nicht "fallen"?

Das Beschriebene liest sich eher wie eine Komoedie, aber ich wuerde es mir gerne anschauen.

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