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11.06.2015

23:20 Uhr

Fotografie

August Sander-Edition in New York

VonChristiane Fricke

„Menschen des 20. Jahrhunderts“ heißt die bedeutendste Porträtserie der Fotogeschichte. Ihr Schöpfer ist August Sander. Nun hat Urenkel Julian Sander einen Satz der posthum abgezogenen Edition an das Museum of Modern Art in New York verkauft.

Urenkel Julian Sander, Galerist in Bonn und Gründer der August Sander Stiftung in Bonn. Quelle: Galerie Julian Sander

Im Einsatz für August Sander

Urenkel Julian Sander, Galerist in Bonn und Gründer der August Sander Stiftung in Bonn. Quelle: Galerie Julian Sander

Bonn619 Fotografien in sieben Gruppen zählte August Sanders Epochemachendes Porträtwerk „Menschen des 20. Jahrhunderts“, als es 2001 von der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur (August Sander Archiv) in Köln neu publiziert wurde. Jetzt hat der Bonner Galerist und Urenkel des Künstlers, Julian Sander, eines von sieben Editionsexemplaren des kompletten Satzes an das Museum of Modern Art (MoMA) in New York verkauft.

Sanders seit den 1920er-Jahren als Langzeitprojekt verfolgte, jedoch unvollendet gebliebene Bestandsaufnahme der deutschen Gesellschaft zählt nicht nur zu den ehrgeizigsten Unternehmungen in der Geschichte der Fotografie. Sie entwickelte sich posthum auch zu einer der einflussreichsten Positionen für jüngere Künstlergenerationen.

Verwandt mit Diane Arbus

So sahen es auch die Foto-Kuratoren des MoMA, die den schon vorhandenen Bestand von 80 Sander-Bildern nun um das rekonstruierte Hauptwerk bereichert sehen und den Bogen von Eugéne Atget über Walker Evans bis zu Diane Arbus oder explizit konzeptuell arbeitende Fotokünstlern wie Bernd und Hilla Becher und Judith Roy Ross schlagen können. „In der Geschichte der Fotografie gibt es wenige Werke, die mit August Sanders ‚Menschen des 20. Jahrhunderts’ in Punkto Umfang oder Einfluss konkurrieren“, äußerten sich Quentin Bajac, Joel und Anne Ehrenranz gegenüber der Presse.

August Sander, Jahrgang 1876, starb 1964, ohne dass er die Möglichkeit hatte, sein nur im Anfangsstadium einmal, 1929, publiziertes Projekt, noch einmal selber zu veröffentlichen. Einen ersten Rekonstruktionsversuch unternahm 1980 sein Sohn Gunther Sander, einen zweiten 2001 die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur (beide erschienen bei Schirmer Mosel)

Abzüge von Glasplatten-Negativen

Die vorliegende Edition basiert auf den Erkenntnissen der Forschungsarbeit für den zweiten in Zusammenarbeit mit Gerd Sander unternommenen Rekonstruktionsversuch. Abgezogen wurde das Konvolut in den Jahren vor Erscheinen des siebenbändigen Opus Magnum, 1990 bis 1999 von Original Glasplatten-Negativen im Labor der SK Stiftung Kultur. Über den Preis will Julian Sander nicht sprechen, wohl jedoch über die Summe, die er für den nächsten Satz nehmen würde: 3,2 Millionen Euro. Die Edition soll mit jedem verkauften Exemplar teurer werden.

Julian Sander, der über die gesamte Auflage der Siebener-Edition verfügt, ist mit einigem Recht stolz auf seinen Coup. Das MoMA sei das einzige Museum weltweit, das die komplette Werkreihe ausstellt, heißt es in seiner Pressemitteilung.

Museum Folkwang als Vorreiter

Tatsächlich ist aber das MoMA nicht das erste Museum, das sich um die Inkunabel bemüht hat. Diese Ehre gebührt dem Museum Folkwang in Essen, das vor rund 35 Jahren einen nach damaligem Kenntnisstand zusammengesetzten, von Gunther Sander geprinteten Werksatz erwarb. Auch die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur - die Julian Sander jedoch nicht als Museum anerkennt - besitzt zwei komplette Sätze „Menschen des 20. Jahrhunderts“ mit 619 Abzügen. Beide entstanden wie die sieben Sätze der Familie Sander im Labor der SK Stiftung Kultur.

Arbeit in der Kölner SK Stiftung

Details zur Entstehung sind auf Anfrage von Gabriele Conrath-Scholl, Leiterin der Photographischen Sammlung, zu erfahren. Demnach habe Gerd Sander die Vorbereitung der Negative seinerzeit in der Kölner Stiftung besorgt; abgezogen und retuschiert worden seien sie dann von Jean-Luc Differdange, dem damaligen Mitarbeiter der Stiftung. Die 619 Motive seien seinerzeit für die Neuausgabe von „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ausgewählt worden. „Grundlage waren vielseitige Recherchen, die wir im Vorfeld zu Dritt (Gerd Sander, Susanne Lange, Conrath-Scholl) durchgeführt hatten“, fügt Conrath-Scholl hinzu. „Die Sätze, die Gerd Sander für den eigenen Bestand erarbeitete, sollten ihm frei zur Verfügung stehen, dies war mit der Stiftung abgestimmt.“

Julian Sander hat den prominenten Verkauf im Übrigen genutzt, um seine bislang unter der Bezeichnung „Feroz“ firmierende, 2009 gegründete Galerie umzubenennen. Zugleich hat die für die Werke Sanders und weiterer Künstler gegründete, schon vor einem Jahr angekündigte August Sander Stiftung ihre Arbeit aufgenommen – als Anlaufstelle für Forschungen. Damit tritt der Urenkel nun selbstbewusst das Erbe der Familie Sander an und zugleich in die Fußstapfen seines geschäftstüchtigen Vaters, der von 1976 bis 1995 als Galerist in den USA sein Glück gemacht hatte.

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