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27.02.2015

09:37 Uhr

Fotokunst

Melancholische Betrachtungen

Eine Serie über die Pornoindustrie hat den Fotografen Larry Sultan international bekannt gemacht. Doch das vollständige Lebenswerk des Amerikaners ist zumindest in Europa noch weniger bekannt. Das ändert die Retrospektive im Kunstmuseum Bonn.

Beobachtungen am Rande der Dreharbeiten für einen Pornofilm: Larry Sultan: "Sharon Wild", 2001, aus der Serie The Valley. Quelle: The Estate of Larry Sultan / Galerie Thomas Zander, Köln

Larry Sultan

Beobachtungen am Rande der Dreharbeiten für einen Pornofilm: Larry Sultan: "Sharon Wild", 2001, aus der Serie The Valley. Quelle: The Estate of Larry Sultan / Galerie Thomas Zander, Köln

BonnIn den USA gilt Larry Sultan (1946-2009) als wichtiger Fotograf des 20. Jahrhunderts. In Europa ist er bisher nur wenigen bekannt. Lediglich seine Werkserie „The Valley“ (1999-2003) fand außerhalb Nordamerikas große Beachtung. Das Kunstmuseum Bonn präsentiert aktuell die erste europäische Überblicksausstellung des kalifornischen Fotografen nach dessen Tod im Jahr 2009.

Larry Sultan arbeitete zunächst mit vorgefundenem Fotomaterial. 1977 durchforstete er zusammen mit Mike Mandel zahlreiche Regierungs- und Forschungsarchive. Sie wählten 59 Fotografien aus, die sie unter dem Titel „Evidence“ auch in einem Buch veröffentlichten. Da Sultan und Mandel die Schwarzweiß-Bilder ihrem ursprünglichen Kontext entnahmen, kann das Gezeigte nicht genau zugeordnet werden: Ein brennendes Auto ist zu sehen. Eine verkabelte Person. Fußabdrücke, wie sie wahrscheinlich bei einer Spurensicherung festgehalten wurden. Rückblickend könnte „Evidence“ daher auch als charakteristisch für die „Appropiation Art“ um Künstler wie Richard Prince und Elaine Sturtevant angesehen werden.

Kulisse für Pornos

Mit ihren „Billboards“ persiflierten Sultan und Mandel in den 1970er- und achtziger Jahren Werbebotschaften auf Reklametafeln im öffentlichen Raum. Mit eigens angefertigten Reklameplakaten, die jedoch nicht eindeutig auf ein Produkt hinwiesen, betrieben sie unterschwellig Konsum- und Kulturkritik. In der Ausstellung werden die Interventionen fotografisch dokumentiert.

Reklametafel mit subversiver Botschaft von Larry Sultan / Mike Mandel (1982) aus der Serie "Billboards". Quelle: Mike Mandel, The Estate of Larry Sultan / Galerie Thomas Zander, Köln

Larry Sultan und Mike Mandel

Reklametafel mit subversiver Botschaft von Larry Sultan / Mike Mandel (1982) aus der Serie "Billboards". Quelle: Mike Mandel, The Estate of Larry Sultan / Galerie Thomas Zander, Köln

Geboren 1946 in Brooklyn, wuchs Larry Sultan im San Fernando Valley auf. Ebenda wo er unter Eigenregie seine bekannteste Serie „The Valley“ fotografierte. Die Region bei Los Angeles ist das Zentrum der amerikanischen Pornofilmindustrie. Privateigentümer vermieten hier ihre Häuser als Drehorte für die Sexfilme. Die kitschigen Inneneinrichtungen der Mittelklasse-Anwesen werden zu Kulissen für die expliziten Szenen. Sultan fotografierte auf diesen Sets nebenbei in den Drehpausen und inszenierte eine melancholische Stimmung.

Akt auf abgerissener Matratze

Ein nackter Darsteller schaut versunken aus dem Küchenfenster. Eine Darstellerin sitzt auf einer abgerissenen Matratze und blickt distanziert in die Kamera. Fraglos war die Komposition Sultans Stärke. Der Bildaufbau bei diesen Großformaten gleicht dem von Gemälden. Auch der Farbkontrast wirkt malerisch.

Sultan sagte über „The Valley“, dass er sich in seiner Heimatstadt „in einem ambivalenten Zustand von Abscheu und Anziehung“ wiederfand. Seine Arbeiten waren nämlich auch Selbstbespiegelung. Die Bonner Ausstellung beschränkt sich jedoch nur auf acht der aus über 60 Fotografien bestehenden Serie. Die Auswahl lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass es sich um Porno-Sets handelt.

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