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22.09.2011

10:08 Uhr

Fotokunst

Vom Klavier zum Fotoapparat

Fotografinnen des frühen 20. Jahrhunderts standen lange im Schatten ihrer männlichen Kollegen. Neuere Ausstellungen und Forschungen werfen ein Licht auf ihre Leistungen.

Claude Cahun: Selbstporträt, um 1929, Schwarzweiß-Fotografie aus der Sammlung Neuflize Vie. (Ausschnitt) André Morin

Claude Cahun: Selbstporträt, um 1929, Schwarzweiß-Fotografie aus der Sammlung Neuflize Vie. (Ausschnitt)

ParisLange war der Beitrag fotografierender Künstlerinnen zur Avantgarde der 1920er/1930er Jahre bis 1980 unerforschtes Terrain. Erst in den letzten 15 Jahren schafften sie es ins Scheinwerferlicht von Historikern und Wissenschaftlern. Ihre Rehabilitierung geht parallel zur rasanten Entwicklung des Fotografiemarktes seit den 1990er-Jahren.

Aktuelle Ausstellungen in Museen und Galerien sowie wissenschaftliche Veröffentlichungen zeigen die Rolle und den Anteil der Frauen an der Avantgarde auf. In Deutschland setzt sich der Kunsthistoriker Herbert Molderings für sie ein, die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen in Düsseldorf trifft letzte Vorbereitungen für die ab Oktober laufende Ausstellung „Die andere Seite des Mondes“; in Frankreich beschäftigen sich unter anderem der Sammler, Autor und Kurator Christian Bouqueret und der Theoretiker François Leperlier mit dem Thema und in Spanien ist der Kurator Juan Vicente Aliaga einer der besten Kenner der Frauen-Fotografie-Szene.

Ikone der Ausstellungsmacher

Leperlier und Aliaga stehen hinter der Einzel-Schau über die vielseitige Claude Cahun (1894-1954) im Fotomuseum „Jeu de Paume“ www.jeudepaume.org in Paris. Sie war Fotografin, Dichterin, Schauspielerin und politische Aktivistin und wurde in den letzten 15 Jahren zur Ikone der Ausstellungsmacher, Essayisten und Galeristen. Ein Status, auf den die in New York geborene Französin Florence Henri (1893-1982) noch kein Anrecht hat. Das hängt vielleicht mit ihrem ausgedünnten Fotomarkt und ihrer lückenhaften Biografie zusammen. Cahuns Ikonen-Status entstand aus ihrer faszinierenden, exzentrischen Persönlichkeit, die dank ihrer minuziös inszenierten Selbstporträts bekannt ist.

Beide Künstlerinnen sind rar am Fotomarkt. Die sorgsam konstruierten Sujets von Henri kommen höchst selten auf den Markt, wie Fotoexperten und Galeristen einhellig bestätigen. „Oft handelt es sich um zweitrangige Bilder“, schränkt Rudolf Kicken ein. Wenn aber ein gutes Foto auftauche, würde so etwas schon mit 150.000 Euro bewertet.

Kreativ in Paris und Berlin

Das Phänomen der extremen Kreativität, die Berlin und Paris zwischen den Weltkriegen zu Künstlerzentren machte, entstand aus dem kosmopolitischen „Melting Pot“, der Intellektuelle und Künstler aus allen Ländern Europas und den USA in die beiden Städte zog. Viele junge Frauen verschiedenster sozialer und nationaler Herkunft kamen nach Paris, um mit dem Medium Fotografie zu experimentierten. Ein klarsichtiger Macho erfand die Kurzformel für die meist aus bürgerlichen Familien stammenden Damen: „Vom Klavier zum Fotoapparat“.

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