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27.01.2011

19:10 Uhr

Französischer Geschmack

Vorbarocke Objekte verkaufen sich gut

VonOlga Grimm-Weissert

Skulptur und edles Kunstgewerbe aus der Zeit zwischen Spätgotik und Barock wird in Frankreich wieder Mode. Etliche Auktionshäuser erzielten bisweilen sechsstellige Preise für herausragende Einzelstücke, darunter eine Birnholzskulptur von Leonhard Kern.

Zum Zehnfachen der oberen Taxe, für 205.000 Euro versteigerte PIASA diese Kindergruppe von L. Kern. Piasa

Zum Zehnfachen der oberen Taxe, für 205.000 Euro versteigerte PIASA diese Kindergruppe von L. Kern.

PARIS. Die sogenannte Haute Epoque kommt entschieden wieder in Mode. Der französische Begriff fasst dunkle Möbel, schwere Tapisserien, religiöse Skulpturen und Kuriosa zusammen, die zwischen dem Spätmittelalter und dem 17. Jahrhundert entstanden. Angeheizt wurde dieser Trend nicht zuletzt durch die Erklärung von Pierre Bergé, Eigentümer des gleichnamigen Auktionshauses, nach der Auktion der Sammlung Yves Saint Laurent-Pierre Bergé, er würde sich jetzt auf die Haute Epoque verlegen.

Reitende Knaben von Leonhard Kern

Im Pariser Hôtel Drouot versteigerte die Auktionatorengruppe PIASA am 21. Januar insgesamt 259 Lose "Haute Epoque und Kuriosa", für 1.118.160 Euro, wobei 90,5 Prozent abgesetzt wurden. Zum zweitteuersten Los wurde eine dem deutschen Bildhauer Leonhard Kern (1588 - 1662) zugeschriebene "Kindergruppe", für die ein deutscher Händler 205.000 Euro brutto einsetzte. Die vorsichtige, dem bisherigen Markt für Leonhard Kern entsprechende Taxe von 10.000 - 20.000 Euro wurde verzwanzig- bzw. verzehnfacht. Die "Gruppe" besteht aus zwei aus Birnbaumholz geschnitzten, spielenden Knaben. Der eine sitzt rittlings auf dem anderen, der auf allen Vieren krabbelt. Der aus einer schwäbischen Bildhauerfamilie stammende Leonhard Kern verbrachte seine Lehrjahre in Italien und belieferte nach seiner Rückkehr nach Schwäbisch Hall den Wiener Kaiserhof und mehrere europäische Fürstentümer. Nur wenige seiner Arbeiten sind signiert. Die Mehrzahl, insbesondere die Kleinplastiken aus Holz, Elfenbein, Alabaster oder Speckstein, werden immer als "zugeschrieben", oder aber "Werkstatt Leonhard Kern" bzw. "nach" dem Bildhauer angeboten.

Außer dieser "Kindergruppe" kam in den letzten zwanzig Jahren nur eine einzige aus Holz geschnitzte Skulptur von Leonhard Kern auf den Auktionsmarkt, die Christie?s London am 9.Dezember 2010 für 481.250 Pfund zuschlug. Die von PIASA versteigerte Knabengruppe reiht sich im internationalen Preisvergleich an zweiter Stelle. Die viel häufigeren Elfenbein-Objekte, die man Leonhard Kern zuschreibt, liegen weit unter dieser Preiskategorie. Die moderate Taxe ist an Hand der Preisanalyse erklärbar, denn die Zuschläge auf europäischen Auktionen liegen im Durchschnitt im Bereich von 20.000 Euro.

Wissenschaftliche Vorarbeit

Als Spitzenlos bei PIASA rangierte eine 49,5 cm hohe, mittelalterliche mehrfarbige Apostelfigur aus Nussholz, die vermutlich aus dem Zisterzienserkloster Theuley in Savoyen stammt und mit 250.855 Euro bewertet wurde. Die auf das Mittelalter spezialisierte ehemalige Kuratorin des Pariser Musée de Cluny, Viviane Huchard, beschrieb im Jahre 2007 sämtliche Figuren des während der Französischen Revolution zerstörten Klosteraltars, die in den letzten Jahren auf dem Kunstmarkt auftauchten.

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