Handelsblatt

MenüZurück
Wird geladen.

26.02.2015

16:36 Uhr

Fritz J. Raddatz gestorben

Ein intellektueller Unruhestifter

Er galt als einer der einflussreichsten Literaturkritiker Deutschlands: Jetzt ist der ehemalige Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ Fritz J. Raddatz im Alter von 83 Jahren gestorben.

Fritz J. Raddatz studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Amerikanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin. dpa - picture-alliance

Studium in Berlin

Fritz J. Raddatz studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Amerikanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin.

HamburgDer Literaturkritiker Fritz J. Raddatz, einer der einflussreichsten Intellektuellen Deutschlands, ist tot. Der langjährige Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ starb am Donnerstag im Alter von 83 Jahren, teilte der Rowohlt-Verlag in Hamburg mit. Raddatz, geboren 1931 in Berlin, galt als einer der streitbarsten und eloquentesten Literaturkritiker Deutschlands.

Im Herbst 2014 hatte er nach mehr als 60 Jahren seine journalistische Tätigkeit für beendet erklärt. „Ich habe mich überlebt“, schrieb der 83-Jährige in einem Beitrag für die Tageszeitung „Die Welt“. Am Freitag erscheint im Rowohlt Verlag sein Buch „Jahre mit Ledig“ über das Leben des legendären Verlegers Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.

„Meine ästhetischen Kriterien sind veraltet, das Besteck des Diagnostikers rostet, meine Gierfreude am Schönen der Kunst ist zu Asche geworden, der gefiederte Pegasus, mit dem ich durch Bild und Text galoppierte, lahmt“, begründete er im vergangenen Jahr seinen Abschied von der „Zeitungsarbeit“ und schloss mit den Worten: „Time to say goodbye. Goodbye.“

Raddatz zählte zu den prägenden Akteuren des bundesdeutschen Kulturbetriebs. Er studierte Germanistik, Geschichte, Theaterwissenschaften, Kunstgeschichte und Amerikanistik an der Humboldt-Universität in Ost-Berlin und machte dort 1953 Staatsexamen. Bis 1958 war er beim Staatsverlag „Volk und Welt“ in Ost-Berlin beschäftigt, später siedelte er in die Bundesrepublik über und wurde in München Cheflektor des Kindler Verlages (1958-1960).

Von 1960 bis 1969 war er stellvertretender Leiter des Rowohlt Verlags. Hier entdeckte und pflegte er Autoren wie Hubert Fichte, Rolf Hochhuth, Walter Kempowski oder Elfriede Jelinek. Ende 1969 trennte sich Raddatz nach Differenzen mit Verleger Heinrich Maria Ledig-Rowohlt.

1977 löste Raddatz als Feuilletonchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ Dieter E. Zimmer ab. In dieser Position avancierte er zu einem der einflussreichsten deutschen Literaturkritiker und führte viele Interviews unter anderem mit Philosophen und Nobelpreisträgern. Umstritten war sein 1979 erschienener Artikel über die Verstrickung deutscher Dichter in das NS-Regime. Zum Jahresende 1985 nahm der streitbare Anwalt der Literatur seinen Abschied als Feuilletonchef, nachdem er über ein angebliches Goethe-Zitat („Man begann damals das Gebiet hinter dem Bahnhof zu verändern“) gestolpert war.

Einen weithin geachteten Namen machte sich Raddatz auch als Übersetzer, Autor und Herausgeber. Seine Tagebücher sind ein Panoptikum der west- und ostdeutschen Verlags- und Autorenszene nach 1945. Sein Werk umfasst Romane und Erzählungen, Biographien, Essays, theoretische Schriften und Fernsehfilme über literarische und kulturelle Themen.

Seinen ersten Roman, „Der Wolkentrinker“, veröffentlichte er 1987. Kontrovers diskutierten Kritiker Raddatz Biografien über Karl Marx und Heinrich Heine. Reputation erwarb sich Raddatz weiter als Herausgeber der „Gesammelten Werke“ von Kurt Tucholsky und als Vorsitzender der Kurt-Tucholsky-Stiftung. Eine kontroverse Resonanz lösten seine autobiografische Erinnerungen unter dem bezeichnenden Titel „Unruhestifter“ (2003) aus.

In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ sagte Raddatz Ende Januar 2015: „Ich werde niemanden sagen, wann bei mir wirklich Schluss ist. Aber ich weiß es.“ Er sei ein Anhänger des begleiteten Suizids. „Ich finde das eine würdige Form, sein Leben zu beenden.“

Von

dpa

Direkt vom Startbildschirm zu Handelsblatt.com

Auf tippen, dann auf „Zum Home-Bildschirm“ hinzufügen.

Auf tippen, dann „Zum Startbildschirm“ hinzufügen.

×