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13.05.2011

13:40 Uhr

Galerie Cassirer

Marktbeherrschender Verfechter der Moderne

VonChristian Herchenröder

Paul Cassirer war der einflussreichste deutsche Kunsthändler. Bei ihm entdeckten scharfsinnige Sammler die Werke von Monet und Manet, Cézanne, Degas und Munch zum ersten Mal.

Edouard Manet: Heute hängt das "Frühstück im Grünen" im Pariser Musée d'Orsay. 1899 irritierte es in Cassirers Herbstausstellung. Quelle: Pressefoto

Edouard Manet: Heute hängt das "Frühstück im Grünen" im Pariser Musée d'Orsay. 1899 irritierte es in Cassirers Herbstausstellung.

BerlinBerlin um 1900: Die offizielle Kunstpolitik fördert die Siegesallee und den Berliner Dom. Berlin um 1900 ist aber auch eine Kernperiode für die neue Kunst, die in der 1898 gegründeten Berliner Secession und im Kunsthandel zunächst Empörung, bei Sammlern mit Weitsicht aber Leidenschaft weckte.

Im Mittelpunkt stand der vom Kaiser als "Rinnsteinkunst" geschmähte Impressionismus französischer und deutscher Prägung. Gerade diese Kunst war es, die in Paul Cassirer (1871-1926), dem bis heute wichtigsten deutschen Kunsthändler, ihren marktbeherrschenden Verfechter fand.

Der finanziell unabhängige Sohn eines Kabelfabrikanten hatte im November 1898 mit seinem Vetter Bruno Cassirer einen Kunstsalon eröffnet, der bis 1933 in über 200 Ausstellungen eine Lanze für Manet, Monet, Cézanne und Degas, Munch und Liebermann brach. Dabei mischten die beiden frischgebackenen Galeristen mit ökonomischem Kalkül auch die erotischen Sujets des Belgiers Félicien Rops und gefeierte Nationalkünstler wie Hans Thoma (1899) oder Wilhelm Leibl (1902) in ihr fast monatlich wechselndes Ausstellungsprogramm progressiver Kunst.

Cassirer war der merkantile Motor, Sammler wie Eduard Arnhold, Otto Gerstenberg (Berlin), Adolph Rothermundt und Oscar Schmitz (Dresden) die Idealisten, die dieser Kunst ganz nach oben halfen.

Schon 1883 hatte der Berliner Kunsthändler Fritz Gurlitt mit der Sammlung des Berliner Juristen Carl Bernstein die erste, noch stark befehdete Impressionisten-Ausstellung in Deutschland gewagt. Eine Saat, die erst 20 Jahre später aufging. Bei den Bernsteins erhielt auch Max Liebermann, der prominenteste deutsche Künstler im Cassirer-Programm, die Anregung zum Aufbau einer eigenen Impressionisten-Sammlung.

Mit der führenden Pariser Galerie Durand-Ruel pflegt Paul Cassirer bis zum Ersten Weltkrieg enge Geschäftskontakte. Auch seine Kooperation mit der Pariser Galerie Bernheim-Jeune verschafft der französischen Kunst die Resonanz, die sie vor allem bei großbürgerlichen jüdischen Bankiers und Industriellen findet, die als Sammler immer scharfsichtig waren.

Die "Vetternwirtschaft" von Paul und Bruno Cassirer endet im August 1901. Wie gemunkelt wird, ist eine Affäre Brunos mit Pauls erster Frau Lucie der Grund. Paul Cassirer konzentriert sich auf das Kunstgeschäft, Bruno übernimmt den Kunstverlag. Als Herausgeber der 1902 gegründeten und 1933 eingestellten Zeitschrift "Kunst und Künstler" wird Bruno zur Stütze eines Zeitgeists, dessen Bereitschaft, Neues zu fördern, vor dem Expressionismus endet.

Als Alleinherrscher kann Paul Cassirer seine Künstlerliste wirkungsvoll erweitern. Im Januar 1902 debütiert van Gogh in seinen Räumen, genau ein Jahr später rehabilitiert er Edvard Munch, dessen erste große Ausstellung 1892 in Berlin nach Protesten der Künstlerschaft geschlossen wurde.

Cassirer hat Weitblick: 1903 zeigt er japanische Kunst aus Berliner Privatbesitz und Porträts von Goya. 1909 läuft bei ihm die erste deutsche Matisse-Ausstellung, im Juni 1909 lernen die Berliner in der Viktoriastraße den Wiener Berserker Oskar Kokoschka kennen. 1913 gibt es hier ein Intermezzo mit Islamischer Kunst und eine Beckmann-Ausstellung mit 47 Werken. 1919 wagt sich Cassirer mit Architekturzeichnungen Erich Mendelssohns in ein Sachgebiet vor, das noch kein Galerist vor ihm für würdig befunden hat.

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